Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Großkonzern oder Mittelständler?

Dominik Schöneberg
Je größer, desto besser: Auf der Rangliste der Wunscharbeitgeber junger Ingenieure stehen große Konzerne wie Porsche oder Siemens ganz oben. Während die Bewerber bei den Großen Schlange stehen, hat so mancher Mittelständler Probleme, die offenen Stellen zu besetzen. Interessante Aufgaben gibt es bei Konzernen und Mittelständlern ? welcher Arbeitgeber der richtige ist, ist häufig eine Charakterfrage.
Wenn Mittelständler Ingenieure suchen, haben Sie häufig ein Problem: Laut Umfragen möchten die meisten Ingenieure am liebsten bei den großen Autobauern BMW, Mercedes-Benz, Porsche oder dem Elektroriesen Siemens anfangen. Die Konkurrenz der Großunternehmen ist einer der wichtigsten Gründe, warum kleine und mittelgroße Betriebe Probleme haben, Ingenieure zu rekrutieren. Das ergabe eine Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

Konzerne werden von Bewerbern überrannt

Während viele kleine Unternehmen Schwierigkeiten haben, Ingenieure zu finden, werden die Großkonzerne von Bewerbern teilweise überrannt: ?Die großen Konzerne brechen unter der großen Zahl der Bewerbungen fast zusammen?, sagt Dr. Susanne Ihsen, Karriereexpertin vom VDI (Verein Deutscher Ingenieure). ?Sie müssen deshalb das Bewerbungsverfahren standardisieren und wählen Bewerberinnen und Bewerber nicht mehr individuell aus ? das wiederum frustriert viele Bewerber.? Dass die Konzerne Ingenieuren durchschnittlich höhere Gehälter bezahlen ist nur ein Grund für die Bewerberflut. Der größte Vorteil der Konzerne ist ihr hoher Bekanntheitsgrad: Jeder kennt Marken wie BMW, Mercedes-Benz oder Siemens und die dazugehörigen Produkte.

Die besten Jobs von allen


Ein gutes Image muss aber auch gepflegt werden: Porsche beispielsweise wirbt schon bei Schülern und Studenten für sich als Arbeitgeber mit dem Ziel vielversprechenden Nachwuchs möglichst frühzeitig und langfristig an das Unternehmen zu binden. Über einen Mangel an Bewerbern kann sich Porsche nicht beschweren ? mehr als tausend Bewerbungen für eine Stelle sind keine Seltenheit: ?Wir profitieren natürlich von dem guten Image der Marke Porsche?, sagt Martin Meyer, Leiter der Abteilung Personalmarketing.

Porsche: Keine Probleme, geeignetes Personal zu finden

Geländewagen Cayenne: "Damals mussten wir uns anstrengen, genügend Fachkräfte zu finden." Quelle: dpa
Seitdem die Konjunktur lahmt, hat sich die Personalsituation bei dem Sportwagenhersteller entspannt. In der Boomphase um das Jahr 2000 suchte Porsche besonders viele neue Ingenieure, weil die Entwicklung des Geländewagens Cayenne anstand. ?Damals mussten wir uns anstrengen, um genügend geeignete Fachkräfte zu finden?, sagt Meyer. ?Derzeit haben wir keine Probleme unseren Personalbedarf zu decken.? Rund 100 Ingenieure stellt Porsche pro Jahr ein

Doch wer interessante Aufgaben in der Autobranche übernehmen will, muss nicht unbedingt bei einem großen Konzern anheuern: Formel D übernimmt als Dienstleister Aufträge für deutsche Autobauer wie Mercedes-Benz, Volkswagen und Opel in den Bereichen Technische Dokumentation, Training, Qualitätsmanagement und Fahrzeugvorbereitung. Das Unternehmen baut zum Beispiel Prototypen für Automessen oder produziert Bedienungsanleitungen.Obwohl erst 1993 gegründet wurde, beschäftigt Formel D inzwischen rund 540 Ingenieure. Trotz der vielfältigen Möglichkeiten stehen die Bewerber bei dem Unternehmen nicht Schlange wie etwa bei Porsche: ?Wir müssen Zeit und Geduld investieren, um gute Ingenieure zu finden. In anderen Bereichen wie Marketing oder EDV ist die Personalsuche einfacher?, sagt Saskia Meyer-Spelbrink, Personalreferentin bei Formel D.

Große Unternehmen: Bürokratie wie auf dem Amt

Karrieberaterin Ihsen: "Bei vielen Mittelständlern herrscht eine hemdsärmelige Arbeitsatmosphäre"
Doch auch wenn die Ingenieure bei Formel D eng mit Ihren Kollegen von den Autobauern zusammen arbeiten, ihr Arbeitsalltag ist ein anderer. Große Unternehmen sind in der Regel klar strukturiert. Ingenieure arbeiten in einer festen Abteilung, wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung, Konstruktion, Einkauf oder Vertrieb. Wechsel sind nicht üblich. Die Zuständigkeiten sind zwischen den Ressorts klar verteilt, für die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen gibt es klar definierte Dienstwege ? je größer das Unternehmen, desto mehr müssen sich Ingenieure auch mit Bürokratie herumschlagen. ?Bei vielen Mittelständlern herrscht eine eher hemdsärmelige Arbeitsatmosphäre?, sagt Ihsen. ?Von den Ingenieuren wird erwartet, dass sie Probleme anpacken und lösen, statt lange über Zuständigkeiten zu diskutieren.?

Andererseits bieten große Unternehmen bessere Möglichkeiten, sich systematisch beruflich weiter zu entwickeln. So bereitet Porsche zum Beispiel Ingenieure durch BWL-Schulungen auf Aufgaben im Management vor. Auch wer gerne ins Ausland möchte, hat bei großen Unternehmen mehr Möglichkeiten. Bei kleinen Unternehmen können Ingenieure dafür in der Regel viel schneller Verantwortung übernehmen. ?Immer wieder überschätzen junge Ingenieuren die Karrierechancen bei den großen Konzernen?, sagt Susanne Krebs vom Arbeitgeberverband VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau). ?Bei kleineren Unternehmen kann man oft schneller verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen ? zum Beispiel auch im Management.?

Ob man bei einem großen Konzern oder einem Mittelständler anfängt, hängt also auch vom Charakter ab. Wer gerne einen abwechslungsreichen Job hat und schnell Verantwortung übernehmen möchte, wird mit einem Job in einem kleinen Unternehmen wahrscheinlich glücklicher. Wer sich gezielt auf seinem Fachgebiet weiterentwickeln möchte, ist bei einem großen Unternehmen besser aufgehoben

Einmal Mittelstand, immer Mittelstand

Die Entscheidung, was besser zu einem passt, sollte man schon vor dem Berufseinstieg treffen. Denn wer bei einem mittelständischen Unternehmen anfängt, hat in der Regel später bei einem Konzern schlechte Karten: ?Ingenieure haben sich bei Mittelständlern an eine gewisse Handlungsfreiheit gewöhnt?, sagt Ihsen. ?Die Personaler wissen, dass es Ihnen oft schwer fällt, sich an die bürokratischen Strukturen in einem Konzern zu gewöhnen.? Umgekehrt ist der Wechsel in der Regel kein Problem

Auf der Suche nach einem Job sollten Ingenieure die Kleinen aber keinesfalls außer Acht lassen ? das legt jedenfalls die Statistik nahe. Rund 40 Prozent der Ingenieure in der Maschinenbaubranche arbeiten in Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern ? Tendenz steigend. ?Während bei großen Unternehmen die Ingenieurquote konstant geblieben und die Zahl der Ingenieure sogar zurückgegangen ist, haben die kleinen und mittleren Betriebe in den vergangenen Jahren neue Arbeitsplätze für Ingenieure geschaffen?, sagt Susanne Krebs

Weiterführende Links:

Die VDI-Studie "Fachkräftmangel bei Ingenieuren" gibt es als PDF-Datei zum Download:
http://www.vdi-nachrichten.de/studien/beruf/beruf.asp

Zur Übersichtsseite des Ingenieurspecials
Dieser Artikel ist erschienen am 10.08.2004