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Große Mädchen weinen nicht

Von Katja Ridderbusch
Als Martha Stewart im Herbst 2004 ihre Strafe in der Frauenhaftanstalt in West Virginia antrat, hatte sie längst das Drehbuch für ihr Comeback geschrieben. Nun ist die Hausfrauen-Ikone zurück ? mit zwei US-Fernsehshows und einem Platz in der Liste der "50 mächtigsten Frauen".
Matha Stewart. Foto: dpa
ATLANTA. Jeder von ihnen will einen Job in ihrem Imperium. Nur einer wird ihn bekommen, nach Wochen des Wettbewerbs und der Auslese ? ständig begleitet von Fernsehkameras. Ihr sei zum Weinen zumute, sagt eine der Kandidatinnen. Da entgegnet die Unternehmerin ruhig und mit herzenskühlem Lächeln: ?Wenn du weinst, bist du draußen. Große Mädchen weinen nicht, meine Liebe.?Martha Stewart ist zurück. Nach fünf Monaten Gefängnis und fünf weiteren unter Hausarrest zeigt die Königin des sauberen amerikanischen Lebensstils eisern Präsenz: Mit zwei Fernsehshows in der Woche, einer täglichen Lifestyle-Sendung ?Martha? und der Zweitauflage der Nachwuchsmanager-Suchshow ?The Apprentice?. Die verhalf immerhin auch dem New Yorker Immobilienmogul Donald Trump wieder ins Rampenlicht.

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Und natürlich gibt es auch ein Buch, der Ratgeber ?The Martha Rules? stürmte gleich in der ersten Woche auf die Bestsellerliste der ?New York Times?. Und so führt das Wirtschaftsmagazin ?Forbes? Stewart trotz Gefängnisintermezzo auf dem 21. Platz der ?Liste der 50 mächtigsten Frauen? der US-Wirtschaft.Amerika liebt eben Geschichten von Gefallenen und Geläuterten, von Menschen, die sich nach oben kämpfen, tief sinken und wieder aufsteigen zu Erfolg und Ruhm. Geschichten wie die von Martha Stewart. In der Novemberausgabe des Wirtschaftsmagazins ?Fortune?, deren Titel ihr Gesicht ziert, sagt sie: ?Ich habe gelernt, dass ich nicht zu zerstören bin.?Die 64-Jährige baute in den 90er-Jahren ihr Unternehmen Martha Stewart Living Omnimedia zu einem Imperium auf mit Fernsehshows, Zeitschriften, Büchern, Haushaltswaren und Einrichtungsgegenständen. Ihre Person ist Marke und zentrales Produkt. Sie präsentierte Kochrezepte und Dekorationsideen, gab Tipps zu Gartenpflege und Heimtierhaltung. Stewart wurde zum Idol der Vorstadthausfrauen. Sie stürzte über ein Aktien-Insidergeschäft. Sie belog die Ermittler und wurde wegen Falschaussage und Behinderung der Justiz zu fünf Monaten Haft, fünf Monaten Hausarrest und 30 000 Dollar Geldstrafe verurteilt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Und dann die Häme.Omnimedia rutschte in die roten Zahlen, der Umsatz fiel von 300 Millionen Dollar im Jahr 2002 auf 187 Millionen im vergangenen Jahr bei einem Nettoverlust von 60 Millionen Dollar. Der Aktienkurs stürzte. Stewart trat als Vorstandsvorsitzende zurück, hält aber weiter mit ihrer Tochter 60 Prozent der Aktien.Und dann die Häme: Stewart war schon immer in den Medien unbeliebt, galt als kalt, hochmütig, herrschsüchtig.Als sie im Herbst 2004 ihre Strafe in der Frauenhaftanstalt Alderson in West Virginia antrat, hatte sie längst das Drehbuch für ihr Comeback geschrieben. Im Gefängnis schrubbte die Gefangene ?55170-054? Toiletten, gab Yogakurse für Mitinsassinnen und ein Seminar über Unternehmensgründungen ? gelassen, sogar freundlich. Selbst Gegner bescheinigen ihr, dass sie mit großer Haltung ihre Haftstrafe abgebüßt habe. Große Mädchen weinen nicht.Härte hat Martha Kostyra, so der Mädchenname der mittlerweile Geschiedenen, auch von zu Hause mitbekommen. Enkelin polnischer Einwanderer, eines von sechs Kindern, Tochter eines strengen, oft betrunkenen Vaters, der ihr doch eines vermittelte: ?Du kannst es schaffen.? Sie ging nach New York, jobbte als Fotomodell, studierte Geschichte und Architektur, arbeitete als Börsenhändlerin und gründete eine Cateringfirma. Und die wuchs zum Medienimperium.Die öffentlich inszenierte Läuterung trug Früchte: Als Stewart in einer kalten Märznacht das Gefängnis verließ, waren Popularität und Aktienkurs gestiegen. Während des anschließenden Hausarrests machte sie Susan Lyne, vormals Programmdirektorin des TV-Senders ABC, zur neuen Vorstandschefin. Charles Koppelmann, ehemaliger Lenker des Plattenmultis EMI übernahm die Chairman-Position. Sie unterschrieb Verträge mit dem Radiosender Sirius, mit Warner Home Video über eine DVD, mit der Musikfirma BMG über eine Weihnachts-CD.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Sogar ins Immobiliengeschäft stieg sie ein.Sogar ins Immobiliengeschäft stieg sie ein, tat sich mit dem Bauunternehmen KB Home zusammen, das Wohnsiedlungen mit Häusern der Marke ?Martha Stewart? errichten will. ?Es ist nun einmal so, dass jeder gerne in einem meiner Häuser wohnen würde?, sagt Stewart, der Bescheidenheit fremd ist. Perfekt war ihr Comeback, als sie für ?The Apprentice? anheuerte. Gage: geschätzte 100 000 Dollar pro Folge.Ein glückliches Ende also für die Geschichte der Martha Stewart? Nicht ganz. Die Quote von ?The Apprentice? liegt unter den Erwartungen. Der Popularitätsboom nach ihrer Haftentlassung reichte nicht aus, um das Unternehmen aus den roten Zahlen zu holen. Im dritten Quartal verlor Omnimedia 26 Millionen Dollar, elf Millionen mehr als im Vorjahr. Auch der Kurs ihrer Aktien sinkt wieder. Vielleicht liebt Amerika die Geschichten von den gefallenen und geläuterten Helden bisweilen mehr als die Helden selbst. Martha Stewart wird dennoch weitermachen. Große Mädchen weinen eben nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person Martha Stewart.Martha Stewart
  • 1941 wird sie am 3. August in Jersey City geboren. Sie heiratet Andy Stewart, zieht mit ihm nach Connecticut und macht sich als Gastgeberin der High Society einen Namen.
  • 1982 bringt sie den Bestseller ?Entertaining? heraus.
  • 1990 folgt das Lifestyle-Magazin ?Martha Stewart Living?.
  • 1997 gründet sie Martha Stewart Living Omnimedia, zwei Jahre später folgt der Börsengang.
  • 2002 verkauft sie Anteile an der Biotechfirma Imclone, kurz bevor deren Kurs wegen einer Negativentscheidung der Gesundheitsbehörde absackt.
  • 2004 wird sie wegen Insiderhandel verurteilt.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2005