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Große Koalition

Von Oliver Stock
Am Mittwoch, als die Öffentlichkeit eingeweiht wird, sitzen Wolfgang Ruttenstorfer und Hans Haider noch länger beieinander. Die Eröffnungsschlacht ist geschlagen, es bleiben ein paar Minuten für eine erste Bilanz. In Österreich vereinigt sich ein roter Ölprinz mit einem schwarzen Stromriesen.
WIEN. Am Morgen haben der Chef des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV und sein Kollege vom Stromerzeuger Verbund zuerst den Analysten darüber Rede und Antwort gestanden, warum sie sich zusammenschließen. Kein leichter Job, denn die Finanzgemeinde ist auf diesen Deal zwischen Ölprinz und Stromriesen nicht vorbereitet: ?Keine Synergien!? ?Rein politisch motiviert!? ?Kehrtwende in der Strategie!?So lautet die Kritik, die ihnen entgegenschallt. Doch Ruttenstorfer, der gerne in dezentes Blau gekleidete OMV-Chef geht in die Offensive: ?Wir ergänzen uns?, bellt er zurück. Und Haider, der ältere und kantigere, brummt etwas von einer ?Wachstumsfusion?.

Die besten Jobs von allen

Eine Stunde später wiederholt sich das Schauspiel, diesmal wollen Journalisten wissen, wieso sie es gut finden sollen, wenn in Österreich ein Energiegigant entsteht. Wieder die gleiche Prozedur: Ruttenstorfer eröffnet, Haider sekundiert. Zwischendurch wird dem Paar an diesem Vormittag eine Meldung gereicht: Die Aktienkurse beider Unternehmen, die nach Gerüchten über eine Fusion eingebrochen und zeitweise vom Handel an der Wiener Börse ausgesetzt waren, steigen wieder. Kritiker, die tags zuvor an der Börse ihre OMV- und Verbund-Aktien wie Altpapier abgestoßen hatten, kaufen zu.Die Strategie des ungleichen Paars scheint aufzugehen. Haider erinnert sich an den Vortag. Er sei weg vom Fenster, hatte da in den österreichischen Zeitungen gestanden. Ruttenstorfer werde den neuen Job alleine machen. Einige Stunden musste Haider mit dieser Schlagzeile leben. So etwas kann am Ego kratzen, wenn man kurz vorher noch als ?Herr der Kraftwerke? hofiert wurde. Jetzt stellt Haider fest: ?Wir führen das neue Unternehmen zusammen.? Und Ruttenstorfer ist es, der sekundiert: ?Wir bleiben Freunde.? Beinahe im Chor zitieren sie dann eine Floskel, die sich manch einer, der sie auch schon in den Mund genommen hat, im Nachhinein lieber verkniffen hätte: ?Da passt kein Blatt Papier dazwischen.?Dicke Freunde also? Natürlich, beide gehören zur Wiener Gesellschaft. Was aber nichts heißen will. Der letzte Fremde, der zu dem Kreis zählte, der sich beim Tennis oder in der Oper trifft, war Austrian-Airlines-Chef Vagn Sörensen ? ein Däne, der sich jetzt wieder auf in die Heimat macht.Weil also von außen niemand stört, unternehmen die Wiener gerne ihre eigenen Störmanöver. Rot gegen Schwarz heißt das Spiel, das jetzt, da die Schwarzen seit Jahren allein an den politischen Hebeln sitzen und die Gegenpartei mit Blick auf die bevorstehende Wahl Morgenluft schnuppert, an Härte zunimmt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Haider gilt in Wien als der Schwarze, Ruttenstorfer ist der RoteHaider gilt in Wien als der Schwarze. Der Oberösterreicher und studierte Nachrichtentechniker landet 1989 im Vorstand von Siemens Österreich und wechselt fünf Jahre später zum Stromkonzern Verbund. Als 1999 der Verbund im liberalisierten europäischen Strommarkt bestehen muss, droht die heimische Kundenbasis wegzubröseln. ?Wenn nicht Österreich, dann eben Europa?, sagt sich Haider und beginnt, erfolgreich Strom im Ausland zu verkaufen. Das deutsche Geschäft ist mittlerweile größer als das in Österreich. Seine Tennispartner beschreiben Haider als überlegten und gelassenen Spieler. ?Die Sau wird auch am Platz nicht rausgelassen?, sagt er selbst.Ruttenstorfer dagegen ist der Rote. Dem schlanken OMV-Chef passt sein Lebenslauf wie eine makellose Haut: Kanten und Beulen gibt es nicht. Nicht einmal sein Ausflug in die Politik hat Kratzer hinterlassen. In der OMV-Zentrale unweit der Wiener Ringstraße gilt der dreifache Familienvater als Effizienzfanatiker.Als Mitglied der Sozialdemokraten landet er 1997 als Staatssekretär im Wiener Finanzministerium. Seine Aufgabe ist es, die Wirtschafts- und Währungsunion vorzubereiten. Ruttenstorfer geht, noch bevor der Euro kommt. Der damalige sozialdemokratische Kanzler Viktor Klima verabschiedet ihn mit den Worten: ?Formal betrachtet, ist mit Ruttenstorfer ein Nichtpolitiker zu Gast im Ministerrat gewesen.? Und dann fügt er noch hinzu, was Politiker als Tadel, Unternehmer jedoch als Lob verstehen können: Ruttenstorfer denke nie in Kategorien wie Sieg und Niederlage, sondern er strebe Lösungen an.1999 kehrt der Geehrte zurück in die Welt von Erdöl und Erdgas ? seine Welt. Genugtuung liegt in seiner Stimme, wenn er berichtet, dass er 1950 in einer Werkswohnung des OMV-Konzerns zur Welt gekommen ist. Der Vater war Techniker bei der Mineralölverwaltung, einem bis in die 90er-Jahre parteipolitisch durchsetzten Unternehmensgebilde mit feudalen Zügen. Auch für den Sohn gibt es lange nur eins: die Ölindustrie. Er ist fasziniert von dem Stoff, schwärmt von sibirischen Quellen, ?wo man richtig spürt, wie das Öl der Natur geradezu abgetrotzt wird?.Die, die ihn kennen, beschreiben ihn als geradlinig. Bei einer seiner vielen Einkaufstouren in Osteuropa sagt er Geschäftspartner auch schon einmal ins Gesicht, dass für ihn das größte Problem die Korruption in ihren Ländern ist. Die Rumänen halten solche Worte dennoch nicht davon ab, ihm vor knapp zwei Jahren den Energieförderer Petrom zu verkaufen. Seither ist die OMV eine Nummer in Mitteleuropa.Jetzt spannen der Rote und der Schwarze zusammen und nehmen damit vorweg, was sich im Herbst auch politisch in Österreich anbahnen könnte: eine große Koalition.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die HauptfigurenWolfgang Ruttenstorfer1950 wird er in Wien geboren. Sein Vater arbeitet bereits als Techniker bei der Vorläuferorganisation der OMV. Er studiert an der Wirtschaftsuniversität in Wien.
1976 tritt er in die Fußstapfen seines Vaters und geht zur OMV.
1992 wird Ruttenstorfer in den Vorstand berufen, dort ist er verantwortlich für Finanzen, Controlling und Chemie.
1996 wird er für den Bereich Exploration und Produktion sowie das Erdgasgeschäft zuständig.
1997 wechselt er als Staatsekretär ins Bundesfinanzministerium und bereitet die Währungsunion vor.
2000 kehrt er zur OMV zurück und wird zwei Jahre später zum Generaldirektor ernannt.

Hans Haider1942 wird er im oberösterreichischen Oberneukirchen geboren.
1968 schließt er seinStudium der Nachrichtentechnik an der Universität Wien ab, hängt eine Zusatzausbildung bei der Graduate School of Business der Stanford University dran und beginnt seine berufliche Karriere bei Siemens Österreich.
1989 wird er Mitglied des Vorstands bei Siemens in Österreich.
1994 wechselt Haider zum Stromerzeuger Verbund, zunächst als Sprecher des Vorstandes, später als Generaldirektor. Seither ist er Präsidiumsmitglied im Verband der Elektrizitätsunternehmen Österreichs. Von 2002 bis 2005 ist er darüber hinaus Präsident der Union of the Electricity Industry (Eurelectric). Im nächsten Jahr wollte Haider eigentlich in den Ruhestand gehen.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.05.2006