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Grillen mit Bill Gates

Von Harald Weiss
US-High-Tech-Schmieden wie Microsoft, Intel und Google kämpfen mit ungewöhnlichen Mitteln um die besten IT-Studenten. Microsofts Praktikanten werden mit Eintrittskarten für Baseball-Spiele oder einer Schiffsreise geködert. Google kontert mit Eiscremepartys und Bowlingnächten. Nicht ohne Hintergedanken: Denn gute Studenten sind Mangelware.
NEW YORK. Ben Maurer überschlägt sich geradezu vor Begeisterung: ?Ich fühle mich wie ein Taucher in einem wundervollen Korallenriff?, schwärmt er. Dabei spricht er eigentlich von Arbeit ? von seinem Praktikum bei dem US-Suchmaschinenbetreiber Google diesen Sommer. ?Für einen Software-Entwickler gibt es nichts Cooleres, als in den Programm-Code von Google abzutauchen?, erzählt der Student der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania.Doch das allein erklärt noch nicht die Begeisterung Maurers. Es ist nicht die Arbeit allein, sondern es sind noch einige andere Vorteile, die ihm Google bietet. Dazu gehören freie Gourmetverpflegung und verschiedene Freizeitveranstaltungen. Vor allem das Essen sei unglaublich lecker, sagt Maurer, ?es ist richtig schlimm, dass ich mich am Wochenende selbst versorgen muss?.

Die besten Jobs von allen

Freie Verpflegung und dazu noch ein Freizeitprogramm wie in einem Ferienclub ? das sind nur zwei eher ungewöhnliche Zusatzangebote, mit denen US-Konzerne qualifizierten IT-Nachwuchs anzulocken versuchen. Denn gute Studenten wie Maurer sind Mangelware.Das bestätigt auch eine Statistik der Computer Research Association. So ist die Zahl der Bachelor-Studenten, die sich im Bereich Informatik einschrieben, in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent gesunken. Die Zahl der Master-Studenten ging um 13 Prozent innerhalb des vergangenen Jahres zurück.?Das Angebot an wirklich talentierten IT-Studenten wird immer begrenzter, und gleichzeitig steigt die Nachfrage rasant an?, sagt Stephen Hsu, Professor an der Universität von Oregon. In den USA ist deshalb ein regelrechter Wettbewerb der IT-Unternehmen um diese hochqualifizierten Praktikanten entbrannt. ?Die Konzerne nehmen die Vergabe von Praktikumsplätzen äußerst ernst, weil es die beste Maßnahme zur Personalbeschaffung für sie ist?, erklärt Hsu. Daher locken die Firmen mit viel mehr als nur einem guten Namen und einem attraktiven Gehalt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sogar Microsoft hat Schwierigkeiten, seine offenen Stellen zu besetzenMicrosoft fliegt Studenten etwa für Vorstellungsgespräche auch aus den entlegensten Orten der USA ein und zahlt den neuen Praktikanten die Kosten für einen Umzug. Darüber hinaus werden Microsofts Praktikanten mit Eintrittskarten für Baseball-Spiele oder einer Schiffsreise geködert. Und ganz herausragende Studenten werden sogar zu Bill Gates? privater Grillparty eingeladen.Google kontert mit Eiscremepartys, Bowlingnächten und einer Schnitzeljagd, bei der man mit den Unternehmensgründern Larry Page und Sergey Brin am Lagerfeuer plauschen kann. Und bei IBM werden nicht nur alle Überstunden vergütet, sondern es gibt auch bezahlten Urlaub. Die Studenten können im IBM-Club an den angebotenen Gemeinschaftsaktivitäten und den Ausflügen teilnehmen sowie alle Sporteinrichtungen auf dem Gelände nutzen.Intel nennt als einen großen Vorteil für seine Studenten die flexible Planung. Sie können sich auch für eine ?komprimierte Arbeitswoche? mit nur drei bis vier Arbeitstagen entscheiden. So sollen sie ?genügend Zeit für alle anderen Interessen und Aktivitäten haben?, erklärt Intel. Bei Apple gibt es attraktive Rabatte auf alle Apple-Geräte.Natürlich erwürben die Studenten auch praktische Kenntnisse, die ihnen bei ihren weiteren Bewerbungen äußerst hilfreich seien. ?Das macht sie für den gesamten Arbeitsmarkt äußerst interessant?, sagt Caroline Bulmer, Praktikanten-Beauftragte bei Microsoft. Und dieser Arbeitsmarkt braucht dringend junge Leute. Nach offiziellen Zahlen liegt die Arbeitslosigkeit in Bereichen wie IT-Management und Software-Engineering unter zwei Prozent.Sogar Microsoft hat Schwierigkeiten, seine offenen Stellen zu besetzen. ?Die Anzahl guter, qualifizierter IT-Kräfte ist stark zurückgegangen?, klagt Jeremy Brigg, Personal-Manager bei Microsoft. Weil es kaum mehr Leute mit Erfahrung ging, will die Softwareschmiede dieses Jahr 2 500 Hochschulabsolventen einstellen. IBM wiederum gibt jährlich mehr als 100 Millionen Dollar für Rekrutierungsmaßnahmen an den Technischen Universitäten aus.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Nachwuchs aus dem eigenen Land reicht nicht mehr ausMittlerweile setzt sich bei den Personalchefs der High-Tech-Schmieden sogar die Erkenntnis durch, dass der Nachwuchs aus dem eigenen Land nicht mehr ausreicht, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. ?Unsere IT-Kräfte sind nicht genügend qualifiziert und werden es auch niemals sein, um allen Anforderungen dieses anspruchsvollen Arbeitsmarktes gerecht zu werden?, stellte ein Regierungsmitglied fest und sprach damit den seit einigen Jahren schon anhaltenden Streit um Arbeitsgenehmigungen für Experten aus anderen Ländern an.Die dafür benötigten Visa werden nach Meinung der Unternehmen zu restriktiv vergeben. Um die Probleme zu umgehen, hat beispielsweise Microsoft jetzt Pläne bekanntgegeben, wonach der weltweit größte Softwarekonzern im Herbst ein Entwicklungszentrum in Vancouver, Kanada, eröffnen will.?Das Zentrum in Vancouver hilft uns, ausländische Absolventen zu rekrutieren, die in den USA nicht die nötigen Papiere für ein Arbeitsvisum bekommen würden?, heißt es bei Microsoft. Außerdem sei Vancouver ? 250 Kilometer vom Hauptsitz des Unternehmens in Redmond entfernt ? wegen seiner Lage sehr günstig. ?Dort können wir hochqualifiziertes Personal einstellen?, sagt ein Konzernsprecher, ?das wegen der Einwanderungsbestimmungen nicht in den USA arbeiten darf.?
Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2007