Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Grandiose Sardinenbüchse

Christoph Mohr/Astrid Oldekop
Fotos: Frank Schoepgens
Paris ist eng, die Menschen leben gedrängt und sind schwierig. Dennoch verführt der Charme der Stadt an der Seine jedes Jahr Tausende von Deutschen zum Bleiben.
Über die Hälfte der deutschen Führungskräfte, die zum Arbeiten nach Frankreich kommen, kapitulieren im ersten Jahr. Weitere 30 Prozent scheitern im zweiten Jahr. Nur der Rest schafft es." Udo Hück, der die Niederlassung der Deutschen Telekom in Paris aufgebaut und geleitet hat, killt Illusionen gleich im ersten Atemzug. Die Traumstadt Paris, die jährlich Zehntausende Touristen von jenseits des Rheins anzieht und in der so mancher Deutsche das Klischee von Frankreich auslebt, ist für die Mehrzahl der Deutschen, die hier Fuß fassen wollten, zum Alptraum geworden. Sie sind gescheitert an den schwierigen Franzosen.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Paris das unbestrittene Zentrum der Welt war. Ohne Paris gäbe es keine moderne Literatur und keine moderne Malerei. Bis Ende der 50er-Jahre war Paris die Metropole schlechthin, the place to be. Das ist Vergangenheit.

Die besten Jobs von allen


Macht, Geld, Kultur

Aber auch ganz nüchtern betrachtet, bleibt Paris eine einzigartige Anhäufung von Macht, Geld und Kultur. Die französische Kapitale ist alles in einem: politisches Zentrum wie Berlin, Wirtschaftsmetropole wie Frankfurt und Stadt mit Flair wie München, gedrängt auf engem Raum. Denn die Metropole, die eigentlich nur gut zwei Millionen Einwohner zählt - wozu noch einmal elf Millionen im Umland, der Ile de France, kommen -, ist von der Fläche her klein, viel kleiner etwa als Berlin, London oder New York. Und ihre Einwohner leben dichter gedrängt als in jeder anderen Metropole.

Dabei ballt sich hier ganz Frankreich. Paris ist nicht nur Zentrum der politischen Macht des zentralistisch regierten Landes. Im Großraum Paris sitzen nahezu alle großen französischen Unternehmen, die Börse und die Banken. Es gilt noch immer: Wer in Frankreich Karriere machen will, der muss nach Paris. Hier finden sich auch alle bedeutenden Hochschulen und die meisten wichtigen Kultureinrichtungen. Mythos und Realität verschwimmen: In Saint-Germain-des-Prés, in dem nur noch Kulturtouristen das Existenzialistenviertel von Sartre und De Beauvoir suchen, befinden sich 80 Prozent der französischen Verlage - auf einer Fläche von nur 2,5 mal 2,5 Kilometern.

Spass am Spielen

In Paris heimisch geworden ist Florian Endrös. Der gebürtige Münchener ist als Rechtsanwalt und Gründungspartner der Kanzlei Baum & Cie. erfolgreich. Spezialisiert auf Unternehmensrecht, ist er heute vorwiegend für Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum oder deren französische Niederlassungen tätig.

Das Erfolgsrezept des 36-Jährigen scheint seine Geistesverwandtschaft mit Franzosen zu sein. Sein Tipp an alle Neu-Pariser: "Man muss zuhören können und Spaß am Spielen haben." Dabei prädestinierte Endrös nichts für Frankreich: Jura-Studium und Erstes Staatsexamen in Deutschland. Erst beim Studienaufenthalt und Zweitstudium in Frankreich reifte dann der Entschluss, für immer bleiben zu wollen. Um für die Aufnahmeprüfung zur Anwaltsausbildung zugelassen zu werden, musste er als Deutscher Gott und die Welt in Bewegung setzen.

Die Form wahren

"Was Franzosen ausmacht", sagt der Wirtschaftsanwalt, "ist die Suche nach praxisorientierten, menschlichen Lösungen. Wenn man irgendwie die Form wahren kann, wird man eine Lösung finden, die für alle vertretbar ist. Das ist eine Lebenseinstellung, die mir immer sehr verständlich war."

Diese persönliche Affinität hilft dem Anwalt auch in beruflichen Dingen. Denn bei 16.000 zugelassenen Anwälten in Paris, darunter rund 300, die sich auf deutsch-französische Belange spezialisiert haben, gibt es genug Konkurrenz. "Wir sind, wenn möglich, keine Prozessanwälte", sagt Endrös. "Wir versuchen die Dinge einvernehmlich beizulegen - was im übrigen bei unserem Arbeitsschwerpunkt, den industriellen Risiken, auch im Interesse unserer Mandanten ist."

Unorganisiertes Arbeiten

Geschafft hat es auch Eva Leihener. Die Münchenerin, die vor zwei Jahren nach Paris kam, fühlt sich schon lange nicht mehr als Touristin oder Außenseiterin. "Ich bin Pariserin", sagt sie selbstbewusst. Beim Kosmetikriesen L'Oréal ist die 29-Jährige heute Projektleiterin im internationalen Marketing.

"Auch als Deutsche muss man bereit sein, sich für andere Arbeitsweisen zu öffnen", weiß die Managerin aus eigener Erfahrung. In Frankreich gehe man unorganisierter, weniger konkret und ohne feststehendes Ziel an Aufgaben heran. Dafür seien die Leute viel flexibler, spontaner und könnten schneller reagieren.

Die offizielle Konzernsprache bei L'Oréal ist Englisch, in Leiheners Team wird aber meist Französisch gesprochen - wie bei fast allen Unternehmen in Frankreich. Auf diese Situation war Leihener bestens vorbereitet: durch ihr Studium an der Wirtschaftshochschule EAP in Berlin, Paris und Oxford, durch ein Praktikum bei L'Oréal in Paris und ihre zweijährige Konzernerfahrung in der Düsseldorfer L'Oréal-Niederlassung.

Kiezcharakter

Die 29-Jährige lebt im 18. Arrondissement, auf der stadtabgewandten Seite der "Butte de Montmartre", des Montmartre-Hügels, und liebt "den Kiezcharakter" ihres Stadtteils: Die Bäckerin kennt sie, grüßt mit "Bonjour Mademoiselle". Abends sitzt Eva Leihener im Restaurant "Chez Camille" mit Freunden aus der Pariser Studienzeit, diskutiert mit anderen Gästen in einem der kleinen Cafés rund um die Metro-Station Abesses oder in der Nähe der Rue Oberkampf.

Die Deutsche, von der Pariser Freunde sagen, sie sei "richtig französisch", schätzt an den Franzosen vor allem "ihre Art, das Leben zu genießen: das Zelebrieren von Essenseinladungen und die Lust am Diskutieren". Am Wochenende durchstreift die Münchenerin andere Stadtteile - "Paris ist eine Aneinanderreihung kleiner Dörfer" - , geht in die Oper, ins Kino und gleitet freitags ab 22 Uhr auf Inlinern mit Zehntausenden anderen Parisern durch die eigens für die "Blade Night" gesperrten Boulevards. "Das ist ein fantastisches Gefühl, die Stadt liegt einem zu Füßen."

Teure Wohnungen

Wer das Glück hat, wie Leihener vom Arbeitgeber an die Seine entsandt zu werden, bekommt meist einen kräftigen Wohnungszuschuss und kann es sich leisten, auch in teuren Vierteln wie dem vornehmen 16. Arrondissement, dem Marais oder Saint-Germain-des-Prés zu wohnen.

Paris ist teurer als Deutschland, obwohl die Durchschnittsgehälter niedriger sind. Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung William Mercer ist Paris sogar die drittteuerste Stadt in der Europäischen Union - mehr kostet das Leben nur in London und Kopenhagen.

Für eine Dreizimmer-Wohnung in vernünftiger Lage muss man in der französischen Hauptstadt 1.850 Euro Miete im Monat hinblättern. Wer auf eigene Faust nach Paris kommt und dort für ein französisches Unternehmen arbeitet, beschränkt sich daher rasch auf ein "Studio" - eine Einzimmer-Wohnung - oder weicht in die Vororte aus, wo die Mieten günstiger sind.

Auch wenn es finanziell vielleicht nicht der beste Weg ist, bewerben sich immer mehr Deutsche direkt bei französischen Arbeitgebern in Paris. Durchaus mit Erfolg. Bei L'Oréal wurden im Jahr 2000 sechs Deutsche direkt in Paris eingestellt.

Ein weiteres Beispiel ist PSA Peugeot Citroën: Von den 800 Ingenieuren, die 2001 beim Autohersteller eingestellt wurden, kommt jeder Neunte aus dem Ausland. "Wer bei uns in Paris arbeiten möchte, sollte sich auch hier direkt bewerben und nicht den Umweg über unsere deutschen Niederlassungen gehen", rät Philippe Irlande vom PSA-Personalmanagement. Französisch-Kenntnisse seien jedoch zwingende Voraussetzung.

100.000 Deutsche

"Es gibt noch immer zu wenig Leute, die die Klaviatur der deutsch-französischen Beziehungen beherrschen", sagt Jochen Peter Breuer, der Manager in interkulturellen Fragen trainiert. "Wer es in Frankreich geschafft hat, der schafft es überall. Diese Leute sind international äußerst begehrt."

100.000 Deutsche sollen heute in Paris und Umgebung leben - aber so genau weiß das niemand. Den meisten würde es im Traum nicht einfallen, die Stadt wieder zu verlassen. Karl Lagerfeld, der definitive Deutsch-Pariser, sagt: "Paris war einmal the place to be. Das ist Vergangenheit. Aber allein der Gedanke, dass die wirklich wichtigen Dinge wieder hier passieren könnten, macht Paris aufregend."
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2002