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Goll im Visier der Staatsanwälte

Von Jürgen Flauger, Handelsblatt
Der ehemalige Vorstandschef der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW), Gerhard Goll, steht unter Verdacht, die Bilanzen des Unternehmens geschönt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat entsprechende Ermittlungen eingeleitet.
DÜSSELDORF. Es bestehe der Anfangsverdacht, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse der EnBW falsch dargestellt worden seien, sagte Oberstaatsanwalt Hubert Jobski gestern. ?Wir gehen entsprechenden Hinweisen nach?, erläuterte er. ?Die Ermittlungen sind aber noch in einem sehr frühen Stadium.? Die Schwelle, die für einen Anfangsverdacht ausreiche, liege ?naturgemäß sehr niedrig?. Neben dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden stehen noch drei weitere Personen unter Verdacht. Namen wollte der Oberstaatsanwalt aber nicht nennen. Goll wies die Vorwürfe zurück. ?Ich glaube nicht, dass irgendjemand in dem Unternehmen etwas verschleiert oder geschönt hat?, sagte er.Der 61-Jährige hatte den Konzern seit der Fusion von Badenwerk und Energie-Versorgung Schwaben 1997 geführt und den Vorstandsvorsitz Ende April an Utz Claassen übergeben. Claassen machte wenig später eine schonungslose Bestandsaufnahme: Er identifizierte zahlreiche Altlasten ? unter anderem zu teuer eingekaufte Firmen ? und verordnete dem Konzern einen strikten Sparkurs. Finanzvorstand Bernd Balzereit legte gleichzeitig sein Amt nieder. Im Halbjahresbericht wies die EnBW einen Verlust von fast einer Milliarde Euro aus.

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Die EnBW wollte die Ermittlungen gestern nicht näher kommentieren. Ein Sprecher erklärte lediglich, dass das Unternehmen von der Korrektheit der Bilanzen überzeugt sei.Claassen hatte zwar wiederholt die Altlasten scharf kritisiert, eine persönliche Auseinandersetzung mit Goll aber vermieden. Erst vor drei Wochen sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt: ?Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es seitens Herrn Golls zu rechtswidrigen oder gar strafbaren Handlungen gekommen ist.? Er habe Goll als kantigen, geradlinigen und korrekten Menschen kennen gelernt. ?Man sollte ihn endlich in Ruhe lassen.?Anlass für die Ermittlungen war offenbar eine Anzeige der Grünen-Fraktion im Ravensburger Kreistag. Der Landkreis gehört zum Zweckverband der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW), einem Hauptaktionär der EnBW.Die Ermittlungen beruhen auf Paragraf 331 des Handelsgesetzbuches (HGB). Danach können Vorstände oder Aufsichtsräte bestraft werden, wenn sie die wirtschaftlichen Verhältnisse in einer Zwischenbilanz oder im Jahresabschluss falsch wiedergeben oder verschleiern. Es droht dann eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.11.2003