Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Goldfingers Erbin

Von Christoph Hardt
Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger ist Nachkomme des einst reichsten Mannes seiner Zeit. Sie sorgt mit der ältesten Sozialstiftung der Welt dafür, dass Arme ein Dach über dem Kopf haben.
AUGSBURG. Albrecht Dürer malt den Mann ohne Knollennase. So manches Detail seiner atemberaubenden Karriere hat Jakob Fugger retuschieren lassen, so manche Legende gestrickt. Trotzdem, er ist ein Tycoon, ein Globalisierer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: geboren 1459 in Augsburg, jüngster Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns, fürs Kloster bestimmt, dann, mit nur 19 Jahren, aufgebrochen in die Welt, nach Rom und dann Venedig, das New York seiner Zeit.Binnen weniger Jahre sammelt er Bergwerke und Industriebetriebe ein, der reichste Mann seiner Zeit, genannt der Reiche. Ein Goldfinger, der sich gar Kaiser leistet. Mit 544 000 Goldgulden besticht er die deutschen Kurfürsten, damit sie Karl Habsburg im Jahr 1519 zum künftigen Kaiser wählen. Das ist der Gipfel. Zwei Generationen später schon ist der Schwung dahin, die Familie verabschiedet sich mit Adelstitel auf ihre schwäbischen Schlösser und aus der Geschichte. Beinahe.

Die besten Jobs von allen

?Das ist unser größter Schuldner?, sagt Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger und lächelt mit einem Hauch von Selbstironie das kleine Bild Kaiser Karls V. an, das im Seniorat der Fuggerei zu Augsburg an der weiß getünchten Wand hängt. Verzinste man die Schulden, die die Habsburger aus jener Zeit bei den Fuggern haben stehen lassen, so kämen heute locker 200 Milliarden Euro zusammen.Die Gräfin indes rechnet in kleineren Dimensionen. Sie residiert im ältesten Fuggerschen Besitz, dem 500 Jahre alten Schloss Oberkirchberg, besitzt selbst 2 000 Hektar Wald, eine Reihe von Immobilien und eine Landwirtschaft in Amerika. ?Man übernimmt den Geist der Tradition automatisch, ohne dass es einem bewusst wird ?, sagt sie.Äußerlich pflegt sie unauffällige, klassische Eleganz, einen geradezu bürgerlichen Habitus. Dabei zählt sie zu den Frauenfiguren, die, zumeist im Hintergrund wirkend, auch viele gutbürgerliche Unternehmerfamilien über die Jahre zusammengehalten haben.Mit nur 21 Jahren musste die Gräfin das Erbe ihres verstorbenen Vaters antreten, Stiftungen inklusive. Wenige haben damals von dem ?Mädchen? erwartet, dass sie sich so wacker schlägt. Beständig und mit schwäbischer Sparsamkeit hat sie ihr Vermögen verwaltet und vorsichtig gemehrt. Anders wäre es wohl gar nicht möglich, dass die Familie des Renaissance-Tycoons nun schon in 18. Generation lebendig ist. Und wohl auch deshalb führt die 58-Jährige das, was außer Geschichten und Porträts von Jakob Fugger wirklich übrig blieb: seine wegweisenden Stiftungen. Die Mutter zweier Töchter leitet das Fuggersche Familienseniorat, das die Stiftungen überwacht.Nicht jedes deutsche Kind kennt die Fuggerei, aber berühmt ist sie schon, und das seit 500 Jahren. Am 6. Juni 1514 schreibt Jakob Fugger an den Rat der Stadt Augsburg, er sei ?des Willens und Fürnehmens, zur Förderung ewiger Freude? eine Stiftung zu machen, ?damit doch etlich armdürftigen Bürgern und Inwohnern zu Augsburg und anderen, so sie öffentlich das Almosen nicht suchen, ohn sonder merklich beschwert der Hauszins zum Teil ergötzt werde?.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Schon zwei Jahre später beginnt die wohl älteste noch bestehende Sozialsiedlung der Welt Gestalt anzunehmen, bis 1523 baut Jakob Fugger 106 Dreizimmerwohnungen in 53, für die damalige Zeit hochmodern ausgestatteten Reihenhäusern, bis heute auch architektonisch ein bewegendes Ensemble. Und vor allem: Jakob richtet eine Stiftung ein, er beauftragt seine Verwandten mit der Pflege und hält Stadt und die Kirche, bis dahin die Monopolistin für Caritas, aus der Sache draußen ? ?ein frühes Beispiel für Treuhandverwaltung?, sagt die Gräfin.Das Ganze lässt sich der Fugger damals etwa 25 000 Gulden kosten ? für ihn ein Klacks. Aber die Stiftung wirkt bis heute, Behausung für Bedürftige, das ist in der Hartz-IV-Ära wieder ein großes Thema. ?Wir spüren einen hohen Bedarf an günstigen Wohnungen und nehmen das sehr ernst?, sagt Gräfin Thun-Fugger.Die Mieter, so hatte es Jakob festgelegt, sollen einen Teil der Kosten selbst tragen und einen rheinischen Gulden Jahresmiete zahlen. Das ist bis heute so geblieben, die Kaltmiete beträgt nach der letzten Umrechnung genau 0,88 Euro. Den Rest muss die Fuggerei-Stiftung leisten.?Wir brauchen Jahr für Jahr bis zu 500 000 Euro an reinem Unterhalt?, sagt Wolf-Dietrich Graf von Hundt, der Administrator. Von Hause aus Steuerberater, verwaltet der Spross aus bayerischem Adel seit acht Jahren die neun Fuggerschen Stiftungen. Von Jakob Fuggers 25 000 Gulden sind 3 200 Hektar Wald, 60 Hektar landwirtschaftliche Flächen und Immobilien, darunter ein Geschäfts- und Wohnhaus in Wolfsburg, übrig geblieben. Bis zu 130 Beschäftigte stehen in den Stiftungen in Lohn und Brot, sieben Leute besorgen die Verwaltung. Hinzu kommt der Herr Pfarrer. Denn zu den Stiftungen gehören ?dreieinhalb Kirchen?, erzählt die Gräfin. Damit hat die Familie ihre liebe Not. ?Sie glauben gar nicht, wie liederlich man in Renaissance und Barock gearbeitet hat?, sagt sie und schildert, wie in Sankt Anna, diesem Augsburger Juwel, der Gips von den Wänden blättert.Das freilich ist ein Klacks zu der Heimsuchung, die die Fuggerei und mit ihr die Renaissance-Stadt Augsburg in der Nacht zum 26. Februar 1944 traf. Unter den Brandbomben britischer Flugzeuge sank mit der Stadt auch die Schöpfung Jakob Fuggers in Schutt und Asche. Noch im Bunker, so will es die Familientradition, hätten die Vorfahren der heutigen Fugger entschieden, die Siedlung wiederaufzubauen.Seither ist es Jahr für Jahr ein heftiger Kampf, die Gelder für die Zwecke aller Stiftungen aufzubringen. Auch für die Fuggerei ist es immer wieder eng geworden. Nicht zuletzt den Klimawandel hat das gute Werk zu spüren bekommen. Die Fugger, eine der größten Waldbesitzer-Familien der Republik, haben schon früh vor dem Waldsterben gewarnt. Dann kamen die großen Wirbelstürme und der Verfall des Holzpreises. Ende der 90er-Jahre reichten die Erträge nicht mehr, um die Ausgaben zu decken. Und so sann Maria Elisabeth, die resolute Fuggerin, auf Abhilfe.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Drei Jahre lang berieten die drei Fuggerschen Familienchefs über den Vorstoß der Senioratsvorsitzenden, von den Besuchern der Fuggerei Eintrittsgeld zu verlangen. Über Jahrhunderte war das Gelände tagsüber frei zugänglich, erst in der Dunkelheit kam ein Nachtwächter, der Eintritt verlangte.Nicht nur diesen Anachronismus nahm sich die Gräfin vor. Auch die Geschäftsordnung, nach der alle Familienchefs für alle Belange der Stiftungen zugleich zuständig waren, wurde verändert. Am 18. Mai des Jahres 2004 trat die neue Ordnung in Kraft: Seither kümmert sich jeder der drei Senioratsmitglieder um ein spezielles Fachgebiet, die Gräfin hat sich der Immobilien angenommen. Einstimmigkeit ist nicht mehr Pflicht, man strebt indes danach. ?Das Sechs-Augen-Prinzip ist ein bewegendes Element?, sagt die Vorsitzende des Seniorats, das nun eine Art Aufsichtsrat geworden ist.Der tagt mehrmals im Jahr dort, wo einst der Verwalter logierte, über dem Eingangsportal der Fuggerei, gleich über der Stiftungsinschrift, die in Latein davon handelt, dass man dem lieben Gott das ganze Vermögen verdanke und deshalb den Bedürftigen stiften wolle. Die Zimmerflucht des neuen Seniorats mit all den Porträts und Erinnerungsstücken ist eine Ermahnung in Stein und Farben, hauszuhalten nach guter schwäbischer Sitte. ?Wir haben uns nie aus der Stiftung bedient, unser einziges Privileg ist es bis heute, kostenlos die Pferde einzustellen?, sagt Gräfin Thun-Fugger. Im Hof parkt ihr grüner Jaguar.In Wahrheit, schreibt Günter Ogger in der Fugger-Monografie, sei die Fuggerei doch ein ?Propagandatrick? des Superreichen Jakob Fugger gewesen. Kalkül war sicher dabei, aber diese Stiftung war mehr, ein genialer Schachzug, ersonnen von einer der großen Figuren der deutschen Geschichte. Hunderte Geschlechter sind zu Grunde gegangen, die Fugger aber sind geblieben ? gebunden durch einen Auftrag.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.01.2007