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Gold aus Dreck

Sandra Louven
Der Handel mit Emissionsrechten bietet Unternehmen die Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu generieren, bedeutet zugleich aber auch erheblichen Aufwand.
Der Emissionsrechtehandel ist der bislang größte umweltpolitische Eingriff in die Geschäfte europäischer Unternehmen. Im Kyoto-Protokoll von 1997 haben sich die EU-Staaten verpflichtet, bis zum Jahr 2012 acht Prozent weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre zu blasen, Deutschland will sogar 21 Prozent einsparen. Dazu vergeben die nationalen Regierungen Verschmutzungsrechte an jede einzelne Industrieanlage - vom Kraftwerk bis zum Hochofen. Spuckt eine Anlage weniger CO2 aus als sie dürfte, kann sie die überschüssigen Rechte ab Januar schmutzigeren Wettbewerbern verkaufen.

Geld oder Filter
Ökonomischer Clou des Konzepts: Die Chance, aus Dreck Gold zu machen, liefert Unternehmen einen starken Anreiz, das Klima zu schützen. "Ab Januar gibt es für uns zwei Möglichkeiten: Entweder wir investieren in Maßnahmen, die Emissionen verringern, oder wir kaufen Rechte zu", erklärt Jörg Kruhl, bei Eon Energie für den Emissionsrechtehandel zuständig. "Wofür wir uns entscheiden, wird vom Preis der Rechte abhängen." Ein Kraftwerksbetreiber wird nur in bessere Filter investieren, wenn die billiger sind als zusätzlich benötigte Emissionsrechte.
Momentan sieht es nicht so aus, als würden die Preise der Zertifikate explodieren, die der deutsche Staat umsonst an die Unternehmen verteilt. "Die Rechte werden in Deutschland ebenso wie in den anderen EU-Ländern in relativ großzügigen Mengen vergeben", sagt Joachim Schleich vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe. "Die Belastung für die Unternehmen wird daher zumindest in der ersten Phase gering sein."
An der Leipziger Energiebörse handeln jetzt schon sieben führende Energieproduzenten in so genannten Forward-Geschäften Emissionsrechte. Eine Tonne des Ozonschichtkillers kostet derzeit gut acht Euro - weit weniger als die Strafen, die der Staat erhebt. Produzieren Unternehmen mehr CO2 als sie dürfen, müssen sie in der Testphase von 2005 bis 2007 für jede überschüssige Tonne Kohlendioxid 40 Euro berappen, ab der verbindlichen Handelsphase 2008 sogar 100 Euro. Unter Umständen keine Kleinigkeit für die Konzerne - allein Energieriese RWE hat 2003 in Deutschland 113 Millionen Tonnen CO2 produziert

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Die deutsche Industrie kann dem Emissionsrechtehandel dennoch relativ gelassen entgegensehen. Sie produziert bereits jetzt 19 Prozent weniger Kohlendioxid als 1990 und hat damit ihr Ziel von 21 Prozent fast erreicht. Der Grund dafür sind aber nicht vorbildliche Umweltschutzmaßnahmen, sondern die "Mauerfallrendite": Durch die Wiedervereinigung und den Zusammenbruch der Ostwirtschaft sanken die Emissionen der Bundesrepublik drastisch.
Ganz aus dem Schneider aber sind die deutschen Erzeuger damit noch nicht. Ihnen droht Ungemach, wenn 2020 wie geplant der letzte Atomreaktor vom Netz geht. Atomstrom, bei dessen Produktion überhaupt kein Co2 entsteht, muss dann durch andere Energieträger ersetzt werden. Werden dann keine zusätzlichen Emissionsrechte ausgegeben, könnten die Preise der Zertifikate noch oben schnellen

Der Preis ist heiß
Unternehmen ist diese Unsicherheit ein Dorn im Auge. Sie müssen in den kommenden 20 Jahren zahlreiche Kraftwerke neu bauen. "Stromversorger wissen zum Beispiel nicht, ob sie dann auf Gas oder auf Kohle setzen sollen", berichtet eine Sprecherin des Verbands der Elektrizitätswirtschaft (VDEW). Bei Gas fällt weniger CO2 an, dafür hängen die Kosten stark vom Ölpreis ab; Kohle wiederum wird durch den Emissionsrechtehandel wegen des hohen Schadstoffausstoßes bald teurer werden, nur keiner weiß wie teuer. Wie immer sich die Zertifikatspreise entwickeln - für die Energieversorger ist der Emissionsrechtehandel in jedem Fall mit erheblichem Aufwand verbunden: Sie müssen ihren Schadstoffausstoß genau nachhalten, umfangreiche Anträge für die Rechtezuteilung stellen und ihre Investitionsentscheidungen überdenken. Das kann vor allem für kleine Unternehmen ein Problem sein, die dafür oft nicht genug Leute haben. Allein beim Multi Eon plant eine Gruppe von 15 Mitarbeitern seit eineinhalb Jahren den Zertifikatehandel - neben ihrer regulären Arbeit. Neue Stellen hat das geplante System bislang nicht geschaffen

Die Bevölkerung könnte dennoch von der neuen Schadstoffbörse profitieren. Hans-Jürgen Nantke, Leiter der deutschen Emissionshandelsstelle, hält es für möglich, dass der Rechtehandel Umweltabgaben wie die Ökosteuer überflüssig macht: "Wenn der europäische Emissionshandel wirklich substanziell etwas bringt, muss man auch die Konsequenzen ziehen. Dann brauchen wir vielleicht andere Instrumente nicht mehr."?

Dieser Artikel ist erschienen am 25.01.2005