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Gnadenloser Konzentrator

Von Mark C. Schneider
Continental-Chef Manfred Wennemer duldet keine Abweichungen vom Kurs. Am Donnerstag legte er die ersten Zahlen nach der Übernahme von VDO vor. Unter Hochdruck hat Finanzchef Alain Hippe das Zahlenwerk für das Geschäftsjahr 2007 zusammenstellen lassen.
Conti-Vorstandsvorsitzender Manfred Wennemer stellt am Donnerstag die Zahlen seines Unternehmens vor. Foto: dpa
DÜSSELDORF Dieser Tag wird seit Wochen minutiös in der schlichten Continental-Zentrale in Hannover-Vahrenwald vorbereitet. Das Prozedere ist nicht ohne: Erstmals hinterlässt der mehr als elf Milliarden Euro teure Zukauf VDO seine Spuren ? zumindest im Monat Dezember. Ein Vergleich mit den Vorjahresdaten des Autozulieferers ist vertrackt.Das Augenmerk gilt heute dem Mastermind hinter der größten Übernahme der Unternehmensgeschichte. Punkt 8.30 Uhr geht Manfred Wennemer in einem Hotel auf dem ehemaligen Expo-Gelände von Hannover in die Offensive und präsentiert die Zahlen. Weil sich der disziplinierte Vorstandschef in aller Regel an seinen Redetext hält, dürfte er bereits gegen neun Uhr fertig sein.

Die besten Jobs von allen

Seine markante Brille sei kein Zufall, unken Conti-Manager. Das Modell ist so kantig und dermaßen aus der Mode, dass es von einem kündet: dass sich sein Träger auf das Wesentliche konzentriert. Der Diplom-Mathematiker kommt am liebsten ohne Umwege auf den Punkt. Liegen ihm alle Fakten vor, entscheidet er schnell ? aber wehe dem Verantwortlichen, wenn er nicht alle notwendigen Daten liefern kann!Medien und später auch den Analysten muss der 60-jährige Conti-Chef klarmachen, wie er die Kosten für den Deal bald wieder reinholen will. Der wird von den Märkten angesichts des Kaufpreises skeptisch gesehen: Gut 40 Prozent hat die Aktie seit der Bekanntgabe Ende Juli vergangenen Jahres eingebüßt. Statt bei knapp 110 Euro dümpelt das Conti-Papier im Bereich von 66 Euro.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hohe Erwartungen bei den AnlegernDie Erwartungen sind hoch. Continentals Autogeschäft ist unter den großen Zulieferern das profitabelste. Die Niedersachsen erreichten 2006 in diesem Bereich eine Ebit-Marge von knapp neun Prozent. Weltmarktführer Bosch kam nur auf vier Prozent. Wennemers schwierige Aufgabe ist es nun, VDO mit zuletzt nur 6,4 Prozent Ebit-Marge auf das eigene, anspruchsvolle Niveau im Hause Conti zu hieven. Gelingt ihm das, hat er bei bald mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz eine gewaltige Geldmaschine geschaffen. An seiner Konsequenz dürfte es ihm bei der Operation VDO nicht fehlen. Einmal positioniert, hält Wennemer strikt am eingeschlagenen Kurs fest. Genau das sorgt regelmäßig für Gegenwind, besonders bei der IG Metall, mit der Wennemer erbittert um Standortverlagerungen nach Osten ? wie im Fall der Reifenfabrik in Hannover-Stöcken ? und Stellenabbau im Fall von VDO ringt.In solchen Situationen beharrt der Vorstandschef auf seinem Standpunkt: Solange seine Kunden ihm keine Abnahmegarantien geben würden, könne er auch keine Beschäftigungsgarantien geben. Wichtig ist ihm, dass ?wir nach allen bisherigen Übernahmen im Schnitt allein in Deutschland zehn Prozent Personal aufgebaut haben?.?Wennemer hätte eigentlich einen Vertrauensvorschuss verdient?, sagt Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. Der Conti-Chef habe gezeigt, dass er Zukäufe auf Rendite trimmen könne. Für Horst Schneider, Autoanalyst der HSBC, ist er ?einer der fähigsten Dax-Manager, die wir haben?.Der westfälische Zahlenmann ist leicht zu berechnen. Sein Credo ?Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen? prägt das Klima im Konzern. In seiner Geradlinigkeit wird Wennemer jedoch oft als ruppig empfunden. Selbst innerhalb der deutschen Industrie ruft das Dax-Unternehmen Kopfschütteln hervor.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wo Conti geiztDer Konzern ist so sparsam, dass es die anderen nervt. Kaum eine Gemeinschaftsaktion wird noch von Conti unterstützt. Selbst einen Beitrag zur Finanzierung der Bilanzpolizei verweigern die Niedersachsen. 29 Dax-Konzerne leisten einen bescheidenen Obolus, um die Organisation zu finanzieren, die allgemeingültige Finanzierungsstandards festlegt ? nur einer nicht: Continental.Als Chef von Europas zweitgrößtem Autozulieferer ist er unerbittlich. Professionell bleibt der Westfale Wennemer stur. Persönlich ist er zugänglich. Ohne Allüren sucht der Vorstandschef seine Mitarbeiter hemdsärmelig in ihrem Büro auf, wenn er etwas besprechen will, statt sie herzuzitieren.Merkt er allerdings, dass sein Gesprächspartner beim Nachbohren ins Stocken gerät, wird er ob der mangelnden Vorbereitung schnell wütend. ?Das passiert keinem zweimal?, sagt einer, der es erlebt hat. Zeit zu vertun gehört zu den Dingen, die Wennemer überhaupt nicht schätzt. Ist er in Hannover, geht er gern in die Kantine und setzt sich auf einen der roten oder weißen Plastikstühle.Für lange Dienstfahrten nimmt er die S-Klasse von Mercedes. Im Großraum Hannover nutzt er einen grau-blauen VW Passat. Den deutschen Herstellern kommt als Kunden schließlich eine besondere Rolle zu. Dabei ist nicht ein deutscher Autohersteller Continentals größter Kunde, sondern der US-Konzern Ford. Die nationale Karte zog Wennemer, als Siemens für seine damalige Tochter VDO den Börsengang plante und Conti leer auszugehen drohte.Ein Auto-Verrückter ist Wennemer nicht. ?Ich habe kein Benzin im Blut?, sagt er. Privat schätzt er Fußball. Hannover 96 darf nicht auf seine Gunst hoffen ? der Conti-Chef drückt seit langem Borussia Mönchengladbach die Daumen.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2008