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Glücksritter am Boden

Von Gregory Lipinski, Handelsblatt
Einst galt Alexander Falk als gern gesehener Gast des Hamburger Geldadels: Multimillionär, Besitzer von Sportwagen, einer Segelyacht und einer weißen Villa im noblen Hamburger Stadtteil Pöseldorf.
HAMBURG. Dabei zeigt ?Sascha? ? wie ihn Freunde nach dem russischen Kosenamen für Alexander rufen ? keine arroganten Allüren: Auf Partys ist der 35-Jährige eher diskret und verschlossen. ?Er wirkt wie ein schüchterner Blankeneser Junge?, urteilt ein Freund.Doch diese Zurückhaltung hat er inzwischen aufgegeben. Sicherlich liegt es auch daran, dass sich seine Lebensumstände geändert haben. Seit 17 Monaten sitzt er wegen Betrugsvorwürfen in Zusammenhang mit dem Verkauf seiner Internetfirma Ision in Untersuchungshaft. Aus Wut auf die Hamburger Staatsanwaltschaft meldete sich der Mann mit dem Lockenkopf und der schmalen Statur vor drei Wochen aus dem Untersuchungsgefängnis zu Wort. In einem 24-seitigen Schreiben bezeichnet er die Staatsanwaltschaft als ?skandalös und dilettantisch? und seine Inhaftierung als ?Geständniserzwingungshaft?. Nach einem Bericht der Wochenzeitung ?Die Zeit? wollte Falk sogar aus Deutschland fliehen, falls er auf freien Fuß gekommen wäre. In einem Kassiber habe er aus dem Gefängnis heraus einen Falk-Manager gebeten, einem deutschen Anwalt dabei zu helfen, seine Flucht vorzubereiten.

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Morgen kann er seine Wut dem zuständigen Richter Nikolaus Berger direkt ins Gesicht sagen. Denn an diesem Freitag beginnt am Hamburger Landgericht der Prozess um eines der ?größten Betrugsmanöver des Neuen Markts? (?Spiegel?). Gerichtsbeobachter gehen davon aus, dass das Verfahren bis Mitte nächsten Jahres laufen wird, weil 76 Zeugen gehört werden müssen. Die Anklageschrift umfasst knapp 300 Seiten. Darunter: Betrug in einem besonders schweren Fall, Kursmanipulation in zwei Fällen sowie Steuerhinterziehung. Der geschätzte Schaden beträgt 46,7 Millionen Euro.Dreh- und Angelpunkt sind die Hamburger Ision AG und die britische Energis. Falk hatte die Gesellschaft 1999 von der Essener Thyssen-Krupp AG für 38 Millionen Euro erworben. Der gebürtige Hamburger baute den Zugangsanbieter für das Internet schnell zu einem führenden deutschen Dienstleister vornehmlich für Großfirmen auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Dem Mann gelingt einfach alles.?Ein Jahr später bringt er Ision an den Neuen Markt. Durch die Goldgräberstimmung bei den Internet-Titeln steigt der Börsenwert des Unternehmens schnell. Der Glücksritter der New Economy nutzt die Gunst der Stunde: Er und fünf seiner damaligen Mitarbeiter und Geschäftspartner sollen durch Scheingeschäfte den Umsatz und den Aktienkurs in die Höhe getrieben haben, um den britischen Telekommunikationskonzern Energis über den Wert des Unternehmens zu täuschen ? so lauten die Vorwürfe der Staatsanwälte.Denn Energis einigt sich im Dezember des gleichen Jahres mit Falk darauf, ihm für seinen 75-Prozent-Anteil an Ision die astronomische Summe von 812 Millionen Euro zu zahlen. Energis verhebt sich an dem Millionengeschäft und geht ein Jahr später Pleite ? viele Kleinaktionäre verlieren ihr eingesetztes Kapital. Falk rückt durch den geschickten Verkauf seines Aktienpakets auf einen Schlag in die Liga der reichsten Privatmänner Deutschlands auf. Die ?Bild?-Zeitung tituliert ihn als ?Hamburgs jüngsten Milliardär?, die ?Welt am Sonntag? als ?Wirtschaftswunder-Kind? und die ?Bunte? jubelt über den Selfmade-Manager: ?Dem Mann gelingt einfach alles.?Die Basis für seine Investitionen bildet der Familienbesitz. So erbt der diplomierte Kaufmann von seinem Vater Gerhard den wegen seiner patentierten Faltstadtpläne weltweit berühmt gewordenen Falk Verlag. 1995 veräußert er das Unternehmen an den Gütersloher Medienriesen Bertelsmann für 50 Millionen Mark.Das Geld investiert er in verschiedene Start-up-Firmen und übernimmt unter anderem in der Schweiz die Distefora AG. Sie dient ihm als Holding, um seine vielfachen Firmenaktivitäten zu bündeln, zu denen damals auch Ision gehört. Rechtsanwalt Johann-Christoph Rudin, der im Aufsichtsrat bei Distefora sitzt, stutzt über einige Unregelmäßigkeiten bei dem vor allem auf Deutschland fokussierten Firmenverbund. Der Geschäftsführer der Schweizer ?Schutzgemeinschaft der Investoren? informiert die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) und bringt dadurch die Lawine ins Rollen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Für Hamburg steht viel auf dem SpielFür Hamburg steht im Prozess gegen Falk viel auf dem Spiel. Sollte der einstige Strahlemann vor Gericht gewinnen, blamieren sich nicht nur die Staatsanwälte in der Elbmetropole. Der Stadt droht wegen des sichergestellten Vermögens von Falk massiver Ärger. Denn nach seiner Inhaftierung hatten die Staatsanwälte die Konten des Jung-Unternehmers eingefroren.Davon wurde die Frankfurter Wertpapierhandelsbank Hornblower Fischer AG schwer getroffen, die zu Falks Firmenimperium gehörte. Denn der Manager hatte dem Bankhaus kurz vor seiner Inhaftierung Geld versprochen, um es zu sanieren. Da aber die Finanzspritze ausblieb, schlitterte die Bank wenig später in die Insolvenz.Falks Anwälte haben inzwischen eine millionenschwere Schadensersatzklage gegen Hamburg eingereicht. Sie könnte die Hansestadt in schwere Bedrängnis bringen. Dafür müsste ?Sascha? aber alle Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft ausräumen. Doch davon geht Falks Anwalt Gerhard Strate aus: ?Wir plädieren auf Freispruch.?
Dieser Artikel ist erschienen am 02.12.2004