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Glücklich ohne Glamour

Von Tobias Moerschen
Für dieses Angebot hätten viele Wall-Street-Manager ihre Großmutter verkauft: Der Aufsichtsrat von Morgan Stanley lud Laurence Fink im Juni zum Bewerbungsgespräch für den vakanten Chefposten bei der zweitgrößten Investmentbank der Welt.Fink jedoch empfahl einen anderen für den Traumjob: ?Ich habe die Aufsichtsräte gefragt, warum sie nicht mit John Mack sprechen?, erzählt der 53-jährige Chef des New Yorker Anlageverwalters Blackrock.
NEW YORK. Fink jedoch empfahl einen anderen für den Traumjob: ?Ich habe die Aufsichtsräte gefragt, warum sie nicht mit John Mack sprechen?, erzählt der 53-jährige Chef des New Yorker Anlageverwalters Blackrock. Mack, ein Freund Finks und langjähriger Morgan-Stanley-Veteran, erhielt den Posten später tatsächlich.Fink strebt nicht nach Prestigejobs, er fühlt sich glücklich auf seinem jetzigen Posten. Der lange, schlanke Brillenträger mit dem stets freundlichen Lächeln hat Blackrock in 17 Jahren von Null zum drittgrößten Akteur an den weltweiten Anleihemärkten aufgebaut, übertroffen nur von Pimco, einer Tochter des Münchener Versicherers Allianz, und das US-Anlagehaus Legg Mason. 428 Mrd. Dollar verwaltete Blackrock zum Stichtag 30. September. Der größte Teil davon lag in Anleiheportfolios für institutionelle Investoren wie Versicherer und Pensionskassen.

Die besten Jobs von allen

Außerhalb der Finanzwelt ist der Name Fink kaum jemandem bekannt, doch den zurückhaltenden Blackrock-Chef stört das nicht. ?Ich stehe ohnehin ungerne im Rampenlicht?, sagt er. Blackrocks Erfolg beruht denn auch auf einem scheinbar bescheidenen Versprechen: ?Wenn der Markt um fünf Prozent steigt, dann werden wir keine zehn Prozent verdienen?, erläutert Fink, ?aber wenn wir in einem solchen Markt fünfeinhalb Prozent erzielen, schaffen wir einen Mehrwert für unsere Kunden.?Nur ein halbes Prozent besser als der Markt? Das klingt mickrig für Privatanleger. Große Versicherer und Pensionsfonds denken jedoch anders. Sie investieren Milliardensummen, die Versicherungszusagen und Renten finanzieren. Um ihre Versprechen einhalten zu können, dürfen diese Großinvestoren sich keine hohen Verluste erlauben. Sie suchen deshalb Anlagehäuser wie Blackrock, die bei strikter Risikokontrolle kleine Zusatzrenditen erzielen.Mit seinem ruhigen, selbstkontrollierten Auftreten verkörpert Fink Blackrocks im positiven Sinne langweiliges Geschäftsmodell. In seiner Freizeit wirft er gern die Angel zum Fliegenfischen aus ? ein Hobby, das stundenlange Geduld und Ausdauer erfordert. Wer jedoch Finks zurückhaltendes Auftreten mit mangelnder Dynamik verwechselt, irrt. ?Larry zählt zu der Sorte Mensch, die man leicht unterschätzt?, sagt Blackrock-Aufsichtsrat David Komansky über Fink. Er bleibe zwar stets freundlich und hebe kaum je die Stimme, erzählt Komansky, der bis 2001 die weltgrößte Investmentbank Merrill Lynch leitete und Fink seit einem Jahrzehnt kennt. ?Aber innerlich ist Fink mindestens so wettbewerbsorientiert und aggressiv wie jeder andere Topmanager, eher noch mehr.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Wall Street erwartet viel von Fink.Die Wall Street erwartet viel von Fink. Blackrocks Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang 1999 fast verachtfacht und preist laut Analyst Chris Meyer von Morgan Stanley bereits eine erfolgreiche Übernahme in naher Zukunft ein. Auch Fink selbst lässt durchblicken, dass er nach Zukäufen Ausschau hält: ?Ich glaube, wir werden in fünf Jahren sehr viel größer sein als heute.?Im Januar übernahm er das Fondshaus State Street Research & Management mit einem Anlagevermögen von 46 Mrd. Dollar vom US-Lebensversicherer Metlife. Dadurch erweiterte Blackrock die im Vergleich zum institutionellen Anleihegeschäft bislang kleine Sparte mit Aktienfonds für Privatanleger.Es war der zweite Anlauf für Fink, in diesem hochprofitablen Geschäft Fuß zu fassen. Der erste Versuch ging Ende der 90er-Jahre mit der Übernahme der Fondssparte der US-Regionalbank PNC Financial schief. ?Die Wertentwicklung der Aktienfonds litt nach dem Platzen der Börsenblase, und die Anleger zogen Gelder ab?, sagt Analyst Meyer. Die Integration der State-Street-Übernahme gilt indes als Erfolg ? und macht Appetit auf mehr. Analysten wie Meyer glauben aber, dass Blackrocks Stärke ? kleine, risikokontrollierte Erträge ? auf Privatkunden weniger anziehend wirkt als auf Institutionelle.Neben der Suche nach Kaufzielen setzt Fink auch auf Wachstum aus eigener Kraft. So eröffnete Blackrock vor wenigen Wochen in München das erste Büro auf dem europäischen Festland, nachdem das Geldhaus bereits mit Filialen im schottischen Edinburgh, London, Tokio, Singapur, Hongkong und Sydney vertreten ist. Weitere Neueröffnungen sind geplant.Im Kern beruht Blackrocks Erfolg auf Disziplin und Mathematik. Den Grundstein legte Fink in den 80er-Jahren als Anleihehändler bei der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB). Damals explodierten die Anleihemärkte förmlich. Neben stocksoliden öffentlichen Anleihen und hochseriösen Unternehmensbonds wurden plötzlich exotische Risikopapiere wie Währungsswaps, hypothekenbasierte Anleihen und verbriefte Kreditkartenschulden gehandelt. ?Wir erlebten damals live, wie völlig neue Märkte und Wertpapierklassen entstanden?, erinnert sich der Pionier Fink.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Für den Alleingang fehlte ihm damals der Mut.Das CSFB-Team zählte zu den Ersten, die neuartige Anleihen nicht nur handelten, sondern auch Computerprogramme schrieben und Modelle entwickelten, um deren Chance/Risiko-Profil besser einzuschätzen. Daraus entstand Finks Idee, selbst von der Handels- auf die Investorenseite zu wechseln, um den Wissensvorsprung besser auszunutzen. Für den Alleingang fehlte dem damals 34-jährigen Fink jedoch der Mut. ?Ein Investor bot an, mich ohne jede Vorbedingung zu finanzieren, aber ich traute mich nicht?, erzählt er. Stattdessen wandte er sich an die heute weltgrößte Private-Equity-Firma Blackstone. Unter deren Kontrolle realisierte Fink 1988 seine Gründungsidee.Bis heute arbeitet Fink mit dem gleichen Führungsteam zusammen, das er damals von CSFB mitnahm. Analysten werten diese Kontinuität als eine der großen Stärken gegenüber der Konkurrenz. Was als Neugründung in einem einzigen New Yorker Büroraum begann, hat sich inzwischen zu einem Konzern entwickelt, dessen Firmenzentrale an der 52. Straße in Manhattan fast einen kompletten Büroturm belegt.Von einstigen Mutterhaus Blackstone trennte sich Blackrock 1995, weil man sich nicht über Investitionen und Beteiligungsverhältnisse einigen konnte. Als neuen Mehrheitsaktionär fand Fink die US-Regionalbank PNC Financial. Das Kreditinstitut hält heute etwas mehr als 60 Prozent der Blackrock-Anteile, greift jedoch nicht ins Tagesgeschäft ein. Der PNC-Anteil dürfte weiter sinken, falls Blackrock eine größere Übernahme mit frischen Aktien bezahlt ? was durchaus passieren könnte, wie Fink durchblicken lässt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Blackrocks Sicht der Märkte.Blackrocks Sicht der Märkte
  • Höhere Euro-ZinsenBlackrock erwartet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen schneller erhöht, als Investoren heute erwarten. Ein überraschend kräftiges Wirtschaftswachstum im Euro-Raum wird die EZB aus Sicht von Blackrock zu schnelleren Zinserhöhungen bewegen.
  • Gilts im FokusBlackrock bewertet die Renditen 30-jähriger britischer Staatsanleihen (Gilts) als zu niedrig und erwartet für diese Papiere steigende Renditen, was sinkende Kurse bedeutet. Die Zinskurve dürfte auf der britischen Insel steiler werden, oder anders ausgedrückt: Der Abstand zwischen den Renditen kurz- und langfristiger Anleihen wird sich Blackrock zufolge vergrößern.
  • Wende in JapanNach Meinung der Blackrock-Strategen wird die japanische Zentralbank die zinspolitischen Zügel bald anziehen ? trotz der Warnung der dortigen Regierung vor der Gefahr, ein zu frühes Ende der seit Jahren äußerst lockeren Geldpolitik drohe die Konjunkturerholung zu gefährden. Blackrock glaubt, dass Japans Notenbanker den starken Wirtschaftsdaten folgen werden, die einen nachhaltigen Aufschwung signalisieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.12.2005