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Getreu der Voith-Hierarchie

Von Martin Buchenau
Fragen zur Strategie will er erst nach seiner Amtsübernahme beantworten: Hubert Lienhard wird neuer Vorstands-Chef bei dem erfolgreichen Maschinenbauer Voith. Nur seine erste und vielleicht wichtigste Mission ist bereits bekannt: Neue Geschäftsfelder zu erschließen.
Hubert Lienhard rückt auf den Chefsessel auf. Foto: ap
HEIDENHEIM. Ungeduldig spielt er mit seinem Kugelschreiber, dreht ihn in der Hand. Danach streift er fein säuberlich mit den Fingern über den Stapel mit den Charts, die gerade Finanzchef Hermann Jung bei der Pressekonferenz vorträgt. Hubert Lienhard, bislang für das Gemeinschaftsunternehmen für Wasserkraftwerke Voith Siemens Hydro zuständig, ist noch nicht dran ? noch nicht.Doch ein wenig ist dem sonst so ausgeglichen und ruhig wirkenden Manager das Besondere des Tages anzumerken. Der gelernte Chemiker mit den angegrauten Schläfen sitzt neben dem mächtigsten Mann bei Voith ? Michael Rogowski. Während Voith-Chef Hermut Kormann noch Fragen zur künftigen Strategie beantwortet, zwinkert der Aufsichtsratschef Lienhard zu, wechselt sogar ein paar Worte, lächelt freundlich. Gleich wird sich Rogowski erheben und den sportlichen Manager auf den Höhepunkt seiner Karriere heben ? der 57-Jährige wird neuer Vorstandschef.

Die besten Jobs von allen

Intern galt er schon als einer der Anwärter. Nach außen war dagegen Finanzchef Hermann Jung häufiger im Vordergrund. ?Wir verstehen uns als Kollegium, und da muss grundsätzlich jedes Mitglied in der Lage sein, die Führung zu übernehmen?, sagt Kormann, der am 1. April des kommenden Jahres mit Erreichen seines 66. Geburtstags den Chefposten räumen wird. So etwas wie bei Daimler, dass Kandidaten, die das Rennen nicht gemacht haben, das Unternehmen verlassen, werde es in Heidenheim nicht geben. ?Das ist nicht unsere Kultur?, betonte Kormann.Auch Lienhard hat keine Probleme, sich an diesem Tag in die Voith-Hierarchie einzufügen. Fragen zur künftigen Strategie will er erst nach der Amtsübergabe beantworten. Nur zum Rückschlag bei der angestrebten Übernahme der Airbus-Werke äußerte er sich dann doch: ?Wir werden auch andere Wege finden, das Geld so auszugeben, dass der Konzern weiter wachsen kann.? Das Unternehmen sucht nach einem neuen Geschäftsfeld. Kohlefaserverbundstoffe bleiben nach Brancheninformationen auch nach dem Ausstieg aus dem Bieterwettbewerb um die Airbus-Werke eine Technologie, für die sich Voith stark interessiert.Warum Lienhard das Rennen um den Chefposten gemacht habe, beantwortet Rogowski persönlich. ?Wir hatten es nicht leicht.? Mit 57 Jahren ist der verheiratete Familienvater zweier erwachsener Kinder der Älteste im Vorstand. Und es gehe bei einer solchen Entscheidung auch darum, wie der neue Chef von seinen künftigen Kollegen akzeptiert werde. Lienhard sei ein ausgesprochener Teamplayer und habe sich große Verdienste bei der Integration von Jagenberg und dem Aufbau der Automatisierungstechnik erworben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der starke Mann bleibt ein andererNach Kormann kommt mit Lienhard ein weiterer Manager ans Ruder, der beim ABB-Konzern groß wurde. Und auch Lienhards Nachfolger auf dem Chefposten von Voith Siemens Hydro, Roland Münch, ist ein Manager mit ABB-Stallgeruch. Außer persönlichen Kontakten gibt es dafür eine einfache Erklärung: ABB hatte Ende der 90er-Jahre seine Kraftwerkssparte an Alstom verkauft. Und Alstom war ebenfalls in Turbulenzen geraten. ?Da war es relativ leicht, gute Leute abzuwerben?, sagt ein Branchenkenner. Im Familienunternehmen selbst hält sich ein wenig die Skepsis gegenüber der neuen Riege von Ex-ABB-Managern mit Sozialisation in einem Großkonzern. Bislang fügen sich allerdings alle gut in die etwas andere Firmenkultur eines Familienunternehmens.Der starke Mann bei Voith bleibt Michael Rogowski: Der 68-Jährige behält den Vorsitz im Aufsichtsrat sowie im Gesellschafterausschuss und wird diese Posten bis zum Erreichen der Altersgrenze von 72 Jahren wohl auf ausdrücklichen Wunsch der Gesellschafter behalten.Sie sind ihm noch heute dankbar, dass er Anfang der 90er-Jahre das Unternehmen gemeinsam mit dem damaligen Finanzchef Kormann rettete, als es wegen Familienstreitigkeiten auseinanderzubrechen drohte.Noch-Chef Kormann wird nicht in dieses Gremium aufrücken und trägt es mit Fassung, kann er doch auf eine erfolgreiche Amtszeit zurückschauen. In seiner siebenjährigen Ära ist das Unternehmen prächtig gediehen. ?Ich bin da etwas neidisch. So gute Zahlen hätte ich in meiner aktiven Zeit als Voith-Chef auch gerne gehabt?, sagte Rogowski.Auch gestern legte Voith glänzende Zahlen vor. Im gerade angelaufenen Geschäftsjahr rechnet der Hersteller von Papiermaschinen, Wasserkraftturbinen und Antriebstechnik mit weiteren Zuwächsen bei Auftragseingang und Umsatz. ?Es geht uns gut?, sagte Kormann. Der Auftragseingang legte um mehr als ein Fünftel auf rund fünf Mrd. Euro zu. Der Umsatz kletterte um fast zehn Prozent auf knapp 4,1 Mrd. Euro. Zum Ergebnis machte das 1825 gegründete Unternehmen noch keine Angaben. Dem neuen Chef schrieb Rogowski gestern allerdings gleich eine Mahnung ins Stammbuch: Im Maschinenbau werde der Abschwung nicht ewig auf sich warten lassen. Da sei dann das neue Management gefordert.Lienhard hörte sich die mahnenden Worte genau an. Schließlich hat der Marathonläufer mit einer Bestzeit unter vier Stunden nicht nur bei seinem Ausgleichssport schon Stehvermögen bewiesen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.10.2007