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Gesund in alle Ewigkeit

Astrid Oldekop
Foto: Jörg Gläscher
Dürfen wir Embryos für die Stammzellen-Forschung töten? Von dieser ethischen Diskussion hat sich das Leipziger Biotech-Unternehmen Vita 34 abgenabelt: Mit Stammzellen aus Nabelschnurblut will es einen ethisch unbedenklichen Weg gehen. Das Geschäft brummt. Doch ob aufgetaute Stammzellen jemals Krankheiten heilen werden, steht noch in den Sternen.
Wie der Herzschlag der Mutter, das Pulsieren der Nabelschnur nach der Geburt, summt der Freezer. Die Temperatur in den sieben fingerdicken Alu-Kassetten fällt unerbittlich. Von plus 16 auf minus 146 Grad in einer Dreiviertelstunde.

Immer dicker wird die Schicht der Schneekristalle um die gelben Rohre, die Freezer und Stickstoffflasche verbinden. Anna Dening starrt auf das Gefriergerät und sucht mit der flachen Hand nach den kleinen Kicks in ihrem gewölbten Bauch. Sie ist zum Beratungsgespräch bei Vita 34 und besichtigt die private Nabelschnurblutbank. Wenn alles gut geht, kommt Mitte Mai das Blut ihrer Tochter in den Freezer. Ein halbes Glas voll, das der Arzt nach der Geburt aus Nabelschnur und Plazenta ziehen wird.

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Vor zehn Jahren waren Nabelschnüre wertloser Klinikmüll. Inzwischen hat die Diskussion über die Forschung mit embryonalen Stammzellen das Thema Nabelschnurblut bekannt gemacht, denn längst haben Forscher entdeckt, dass das Blut aus der Nabelschnur besonders viele Stammzellen enthält.

Die Wissenschaftler träumen heute davon, aus Stammzellen Herzmuskeln, Nervenzellen und Knochengewebe zu züchten oder Krebs zu heilen. Doch die Forschung mit Nabelschnurblut ist noch ganz am Anfang. Das Land Sachsen hat gerade 720.000 Euro für die Forschung bereit gestellt. Doch fertige klinische Studien gibt es noch nicht.

Weil das Blut aus einer Nabelschnur nicht einmal für die Behandlung eines Erwachsenen ausreicht, hoffen Wissenschaftler auch, es später einmal vermehren zu können. Wie gut jedoch die Qualität des Blutes nach Jahren im Eis sein wird, weiß heute niemand. Private Nabelschnurblutbanken gehen von 30.000 Jahren Halbwertzeit aus, denn gefrostetes Bullensperma habe schon ein halbes Jahrhundert überstanden.

Trotz aller Unklarheiten entsteht ein Markt des ?Nabelschnurblut-Bankings". Das Geschäftsmodell ist einfach: Private Blutbanken frieren das Nabelschnurblut für 20 bis 99 Jahre ein. Das kostet zwischen 1.200 und 3.100 Euro. Sollte das Kind erkranken, auf dessen Name der Vertrag abgeschlossen ist, wären die Zellen sofort vorhanden, die aufwändige Suche nach Spender-Stammzellen würde entfallen, sagen die Anbieter. Ob die Behandlung dann aber auch klappt, ist unsicher. Denn weltweit wurden erst zwei Patienten mit eigenem Nabelschnurblut behandelt.

Zwei Unternehmen sind bislang als private Betreiber von Nabelschnurblutbanken in Deutschland tätig: Das größere ist das Leipziger Unternehmen Vita 34; das US-Unternehmen Cryo-Cell operiert von Belgien aus im deutschen Markt. Daneben gibt es noch vier große öffentliche Nabelschnurblutbanken. Sie sammeln Blut für fremde Empfänger.

Unlauterer Umgang mit der Angst

?Was bei den privaten Nabelschnurbanken passiert, nützt den Kindern rein gar nichts", wettert Eckhard Nagel, stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Ethikrats und praktizierender Arzt. Als Leiter des Transplantationszentrums im Klinikum Augsburg kennt der 40-Jährige die Diskussion um Stammzellen aus der Praxis. ?Es ist völlig unklar, ob die privaten Nabelschnurblutbanken jemals die Ziele erreichen können, mit denen sie werben. Da könnte ich genauso gut eine Kühltruhe aufstellen und sagen: Spenden Sie mir Ihr Knochenmark, ich verspreche Ihnen dafür das ewige Leben", schimpft Nagel, der Präsident des evangelischen Kirchentags ist und neben Medizin auch Philosophie studiert hat. ?Das ist ein unlauterer Umgang mit der Angst. Mit Angst kann man viel Geld machen."

20 Jahre für 1.800 Euro

Die werdende Mutter Anna Dening hat ihre Entscheidung gut überdacht: ?Als wir uns überlegt haben, welche Versicherungen unser Kind braucht, sind wir auf die Möglichkeit zur Einlagerung von Nabelschnurblut gestoßen." Mitte Juni wird die 26-Jährige von Vita 34 eine Rechnung über 1.800 Euro erhalten, und sie findet, dass ?das sinnvoller ist, als eine Lebensversicherung".

Wenn die Untersuchungen des Babyblutes auf Viren, HIV, Hepatitis und Zellkerndichte zur Zufriedenheit verlaufen, wird es bei minus 196 Grad in grauen, schulterhohen Stickstoff-Tanks eingelagert werden. Für die nächsten 20 Jahre - sofern Anna Denings Tochter nicht vorher erkrankt und das Blut für eine Transplantation benötigt: ?Was hoffentlich nie der Fall sein wird."

Vor dem Einfrieren im Freezer wird jede Blutkonserve im Reinraum mit Gefrierschutzmittel versetzt, in einen Gefrierbeutel gefüllt, beschriftet und in eine Aluminium-Kassette gesteckt. Zwei Vita-34-Mitarbeiterinnen arbeiten hier gleichzeitig an den Neuzugängen. 40 heiße Minuten mit Mundschutz in grünen Astronauten-Anzügen bei gefilterter Luft. Jeder Arbeitsgang wird dokumentiert, nach jedem Griff zum Stift desinfizieren sie ihre Latexhände. Durch eine Materialschleuse gelangen die Alu-Kassetten in festgelegter Reihenfolge dann in den Raum mit dem Freezer und den zwölf Stickstofftanks.

Plötzlich wird das Summen des Freezers von einem markdurchdringenden Piepsen abgelöst: Minus 146 Grad. ?Jetzt muss alles ganz schnell gehen", erklärt die medizinisch-technische Assistentin Stefanie Schulte. Sie hebt den roten Griff des Freezers, packt die sieben Kassetten, eilt zum Stickstofftank, aus dem kalter Nebel wallt. Ihre Kollegin steht mit Plastikhelm auf einer halbhohen Leiter, schiebt den blauen Deckel des bulligen Tanks zur Seite und fischt mit blauen Schutzhandschuhen aus dem eisigen Inneren einen der 39 schweren Lagertürme heraus. Stefanie Schulte verstaut die Alu-Boxen.

Nach 40 Sekunden haben die Blutkonserven von Anna aus Lübeck, Philipp aus Dänemark, Joel aus Leipzig, Magdalena aus Versmold, Alexander aus Wien, Leon aus Biberach und Kathleen aus Bochum neben 9.000 weiteren ihren Ruheplatz gefunden. 7.000 davon sind allein im vergangenen Jahr hinzugekommen.

Expansion ins Ausland

Ein Stockwerk über den Stickstofftanks liegt das Büro von Eberhard Lampeter, dem Gründer von Vita 34. Er ist guter Dinge: Vita 34 hat im vergangenen Jahr erstmals schwarze Zahlen geschrieben. Mit über 80 Prozent der deutschen Geburtskliniken arbeitet das Unternehmen nach seinen Angaben zusammen. Eine von 100 Müttern lässt das Nabelschnurblut ihres Neugeborenen privat einlagern. Lampeter schätzt, dass es in fünf Jahren jede zehnte sein wird.

Inzwischen arbeitet der Unternehmer an der Expansion: Der Börsengang ist geplant, eine australische Dependance gegründet. Weitere europäische Länder - neben Österreich und Dänemark - sollen künftig den Service von Vita 34 nutzen können.

Auch Geschwister sind behandelbar

Neben den Eltern hat das Unternehmen die Großeltern als Kunden entdeckt, zeigt in Werbeprospekten kaum noch Säuglinge, sondern glückliche Großfamilien - Motto: lebenslange Vorsorge für die ganze Familie. Die Rechnung geht auf: Viele Großeltern schenken ihren Enkeln die Blut-Police zur Geburt.

Die Verwendung von Nabelschnurblut für die engsten Verwandten ist erfolgversprechender als für den Spender selbst, sagen Mediziner. Zwar wird auch diese Methode nicht durch klinische Studien gestützt. Dafür wurde sie häufiger angewendet: Weltweit wurden laut Vita 34 rund 100 Kinder mit dem Nabelschnurblut ihrer Geschwister behandelt.

Aber die Anwendungen bei Erkrankungen von Geschwistern wird es mit dem bei Vita 34 eingelagerten Blut so bald nicht geben. Denn Blut, das bei Einlagerung nicht für einen speziellen Empfänger bestimmt ist, gilt als Arzneimittel. Eine Zulassung dafür hat Vita 34 bislang nicht.

Grundstück auf dem Mond

?Wenn man das Nabelschnurblut seines Kindes einlagern lässt, ist das ein bisschen so, als kaufe man sich ein Grundstück auf dem Mond", kritisiert Gesine Kögler, die Leiterin der öffentlichen Nabelschnurblutbank Düsseldorf, das Geschäftsmodell der privaten Konkurrenz. Die private Krankenversicherung Universa hingegen erstattet einen Teil der Einlagerungskosten für Nabelschnurblut. ?Wir sehen das Angebot von Vita 34 als seriöse Dienstleistung", sagt Abteilungsleiter Thomas Ödinger.

Die schwangere Anna Dening ficht der Prinzipienstreit nicht an. Sie klemmt das Paket mit dem Blutentnahmeset, den blauen Gel-Beuteln und der Styropor-Packung unter den Arm, das sie mit in den Kreißsaal nehmen wird.

Ihre Zukunft hat die junge Unternehmerin gut geplant: Bis kurz vor der Geburt und bald danach wird sie wieder in ihrem Reisebüro arbeiten. Den Vita-34-Vertrag für ihr Kind hat sie unterschrieben. ?Stellen Sie sich vor, unser Kind erkrankt. Ich möchte mir nicht vorwerfen, von der Möglichkeit der Einlagerung gewusst, aber nichts unternommen zu haben."
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2002