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Gesund bewerben

Eine Krankheit reißt ein Loch in Ihren Lebenslauf? Vertuschen Sie nichts - aber binden Sie Ihrem potenziellen Arbeitgeber nicht alles auf die Nase, rät Bewerbungsberater Gerhard Winkler. Was wirklich zählt, ist Ihre Fitness im Hier und Jetzt.
Am Flughafen hören Sie, wie ein Vielflieger von mehreren selbst erlebten Beinahe-Abstürzen erzählt. Sie würden mit ihm wohl nicht völlig unbeschwert eine Maschine teilen - obwohl Sie wissen, dass es keine Korrelation zwischen ihm und künftigen Desastern gibt. Ähnlich spontanes Unbehagen beschleicht Arbeitgeber, wenn Jobkandidaten von überstandenen Krankheiten, Unfällen oder Schicksalsschlägen berichten. Was also tun, wenn widrige Umstände den Lebenslauf verhageln: Vertuschen? Beiläufig erwähnen? Groß herausstellen? Generell gilt: Wer in der Bewerbung umfänglich Auskunft über die eigene Lebens- und Krankengeschichte gibt, tut weder dem Arbeitgeber noch sich selbst einen Gefallen

Was Arbeitgeber dürfen
Manche Jobanbieter würden am liebsten noch mit dem Stethoskop Ihren allgemeinen Gesundheitszustand abhören. Doch das ist unzulässig. Klären dürfen künftige Arbeitgeber nur, ob ein bestimmter Job Ihre Gesundheit gefährdet, ob Sie körperlich geeignet und arbeitsfähig sind oder ob Ihre Defekte oder Erkrankungen die Gesundheit Dritter gefährden. Die körperlichen Voraussetzungen klärt eine ärztliche Eignungsuntersuchung ab, die in vielen Unternehmen Pflicht ist. Der Arbeitgeber erfährt aber nur, ob Sie tauglich sind.
Krankheiten, selbst akute, die Ihre aktuelle und künftige Verwendbarkeit nicht behindern, brauchen Sie nicht zu thematisieren. Wenn Sie aber bei der Ausübung Ihrer Pflichten Dritte gefährden, sind Sie verpflichtet, ehrliche Auskunft zu geben. Schüler schützt man davor, von einem Lehrer mit offener Tuberkulose unterrichtet zu werden. Einen halbblinden Außendienstler schickt man nicht im A4 los. Korrekt und klug verhalten Sie sich als Jobsucher, wenn Sie Sorge tragen, dass Ihr Jobwunsch weder Sie noch andere gefährdet. Ansonsten erklären Sie sich auf die (eigentlich unzulässige) Nachfrage für unheilbar gesund. Selbst wenn Sie etwas Chronisches plagt, halten Sie akut und für immer die Klappe

Die besten Jobs von allen


Kein Ort für Outings
Sprechen Sie offen über Ihre Diabetes, Ihre Heilungsprozesse und Narben - in einem Online-Forum. In einer Selbsthilfegruppe. Aber niemals mit einem Jobanbieter. Soll eine Organisation Sie aufnehmen, dann ist es Ihr Job, volles Vertrauen in Ihre Eignung aufzubauen.
Uneingeschränkte Selbstauskunft dient weder der Wahrheits- noch der Jobfindung. Personalern liegt naturgemäß viel daran, vom Bewerber ein ehrliches Bild zu bekommen. Überzeugen lassen sie sich dann aber doch vom gut ausgeleuchteten Foto in der Bewerbungsmappe. Wahrheit ist bekanntlich relativ.
Sind Sie fit genug für die berufliche Selbstvermarktung, dann sind Sie hoffentlich auch geistig so fit, dass Sie alle Äußerungen vermeiden, die den Glauben an Ihre beruflichen Fähigkeiten erschüttern. Nehmen Sie nur auf Privates Bezug, wenn Sie ein Schlaglicht auf Ihre Persönlichkeit setzen wollen. Ansonsten legen Sie jobrelevante Fakten auf den Tisch, die Ihre Eignung unter Beweis stellen. Und sonst nichts

Lücken füllen
Lassen Sie konsequent alle betrüblichen Ereignisse unter den Tisch fallen, deren Aussparung keine Leerstellen im Lebenslauf hinterlässt. Dazu zählen etwa Ausfallzeiten, die eine Ausbildung nicht auffällig verlängert haben oder die durch andere Einträge schon abgedeckt sind. Sollten Sie wirklich nichts zur Hand haben, um im Lebenslauf eine Lücke zu füllen, bleiben Sie bei der Wahrheit:
10.2005 - 03.2006 Erkrankung, völlige Rekonvaleszenz
03.2004 - 04.2005 Sportunfall, vollständige Rehabilitation
Im Anschreiben dagegen haben Krankheiten nichts zu suchen. Konzentrieren Sie sich hier nur auf die Beweisführung Ihrer besonderen Jobeignung. Das Bewerbungsschreiben dient schließlich der Eigenwerbung und ist kein Raum, um zu erklären, was Sie warum zurückgeworfen hat

Vorbeugen am Telefon
Fürchten Sie, durch Ihre Krankheitslücken im Lebenslauf gleich durch den Rost zu fallen, sprechen Sie mögliche Stolpersteine vorab in einem Anruf an - sie liefern Ihnen den besten Grund, persönlich vorzusprechen. Bitten Sie um zwei Minuten Gehör. Fragen Sie, ob man an Ihren Unterlagen interessiert ist, und benennen Sie, was für Ihre Jobtauglichkeit spricht. Holen Sie sich erst vom Gegenüber Zuspruch ab, bevor Sie die Katze aus dem Sack lassen: "Wenn Sie meinen Lebenslauf in die Hand nehmen, werden Sie bemerken, dass sich mein Studium wegen einer Erkrankung verlängert hat. Das schmälert aber weder meine Eignung noch meine Leistungsstärke." Fragen Sie, ob man sich trotzdem über Ihre Bewerbung freuen oder sie beiseite legen wird: "Ich kann nicht erwarten, dass Sie für mich Firmenregeln brechen, aber ich will alles versuchen, um Ihre Bedenken auszuräumen."
Bitten Sie niemals um Verständnis wegen einer Krankheit. Bitten Sie um Verständnis für Ihr Bemühen, Ihre Einsatztauglichkeit unter Beweis zu stellen

Gerhard Winkler ist Bewerbungsberater. Er betreibt die Karriere-Webseite jova-nova.com
Was Personaler nervt:
Wir bekommen jährlich knapp 1 000 Bewerbungen von Hochschulabsolventen. Wenn ein Kandidat versucht, eine Lücke zu kaschieren, fällt uns das auf, denn wir überprüfen jeden Lebenslauf sehr genau auf Konsistenz. Lücken unter zwei Monaten wird niemand ansprechen, es macht uns aber stutzig, wenn ein Kandidat nur Jahreszahlen ohne Monatsbestimmung angibt. Im Gespräch fragen wir nicht nach früheren Erkrankungen, das ist sehr privat und wäre rechtlich auch nur begrenzt zulässig. Aber gerade bei uns im Luftfahrtbereich ist es wichtig zu wissen, ob ein Bewerber an einer Krankheit leidet, die seine Eignung für die Stelle einschränkt beziehungsweise zukünftig einschränken könnte. Wenn zum Beispiel ein Ingenieur in den vergangenen sechs Monaten mehrmals am Auge gelasert wurde und sich seine Sehkraft weiter verschlechtern könnte, sollte er darüber sprechen. Anderenfalls hat der Arbeitgeber das Recht, den geschlossenen Arbeitsvertrag anzufechten. Ausfallzeiten wegen eines Skiunfalls, von dem ein Bewerber wieder vollständig genesen ist, sind dagegen kein Einstellungshindernis.
Michael Gotzens, Personalgrundsatzfragen deutsche Standorte, Eurocopter Deutschland GmbH
Dieser Artikel ist erschienen am 02.06.2006