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Gesucht: das perfekte Gesicht

Von Marc Neller
Peter Schreyer ist der Chefdesigner des koreanischen Autobauers Kia. Sein Arbeitgeber will sein Image als Billigmarke loswerden. Die Chefs wollen sich nicht mehr damit zufriedengeben, preisgünstige Autos zu produzieren. Sie haben Höheres im Sinn. Ein Stardesigner auf der Suche nach der Formel der Zukunft. Eine Handelsblatt-Reportage.
Der Herr der Linien: Peter Schreyer hat unter anderem den Audi TT entworfen.
FRANKFURT / MAIN. Diese Aussicht. Diese Transparenz. Genau so hat Peter Schreyer sich sein neues Büro vorgestellt. Ein rundum verglaster Raum, von wo aus er einen freien Blick nach draußen hat. Ein paar Stockwerke unter ihm gleiten Autos auf einer sechsspurigen Straße durch die Frankfurter Innenstadt. Er kann sie vom Schreibtisch aus in ihrem vorbestimmten Biotop sehen. Das sei wichtig, sagt Schreyer. ?Der Blick, das Gefühl für die Proportionen.? Und manchmal scheint es ihm, als wäre zwischen der Offenheit draußen und der Offenheit drinnen in diesem gläsernen Hochhaus kaum ein Unterschied.Von unten, wo die Autos ihre Bahnen durch die Innenstadt ziehen, kann man hineinsehen in diesen Glasquader, in dem Peter Schreyer und seine Mitarbeiter in Besprechungszimmern, an Schreibtischen und in ihren Werkstätten daran arbeiten, die entscheidende Formel zu finden. Die Formel, von der vielleicht Milliarden Euro abhängen. Die Formel für die Zukunft. Die Formel für das perfekte Gesicht.

Die besten Jobs von allen

Peter Schreyer ist der Chefdesigner des koreanischen Autobauers Kia. Sein Arbeitgeber will sein Image als Billigmarke loswerden. Die Chefs wollen sich nicht mehr damit zufriedengeben, preisgünstige Autos zu produzieren. Sie haben Höheres im Sinn. Haben angekündigt, den VW Golf und den Ford Focus zu attackieren. Wer als Autohersteller in Europa eine Rolle spielen wolle, müsse in diesem Segment mitmischen.
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Was die Besucher in Frankfurt erwartet

Als Zeichen dafür, dass sie es ernst meinen mit ihrer Präsenz in Deutschland, haben sie die Europazentrale und das Designzentrum für den europäischen Markt aus der Gesichtslosigkeit Rüsselsheims nach Frankfurt am Main verlegt. Ins Stadtzentrum. Ende Juli hat Schreyer sein altes Büro, karg möbliert, grau in grau, gegen das neue eingetauscht. Zwischen beiden liegen gut 20 Autominuten. Und doch Welten.Die neuen Arbeitsbedingungen seien einzigartig in Europa, sagt Schreyer. Er und seine Kollegen arbeiten nicht mehr im Niemandsland, sondern mitten in einer lebendigen Stadt. Und es ist kein Zufall, dass gleich neben Kias neuer Zentrale die Hallen der Frankfurter Messe liegen. Dort trifft sich die Branche nächste Woche wieder zu einer ihrer wichtigsten Leistungsschauen, der IAA.Das ist das eine. Ein anderer Teil jener Zukunftsformel, die Kia gefunden zu haben glaubt, ist Schreyer selbst. Vorsprung durch Design.Vor gut einem Jahr kam Schreyer zu Kia. Fast 27 Jahre lang hatte er im VW-Konzern gearbeitet, hatte zum Beispiel den Audi TT entworfen, den New Beetle, den Golf IV ? Autos, die fast jeder kennt, nicht nur in Deutschland. Schreyer hat den Deutschen Designpreis gewonnen, und Ende Juni hat ihn das renommierte Royal College of Art in London zum Ehrendoktor gemacht, wie vor ihm Roy Liechtenstein, Giorgio Armani und Norman Foster.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Revolution in der Automobilbranche?Die Technik ist ja nicht mehr kaufentscheidend?, sagt Schreyer. Sondern das Design, soll das heißen. Ein gutes Auto löse Begehrlichkeiten aus, das Gefühl, kaufen zu müssen.Ein deutscher Stardesigner bei der aufstrebenden Konkurrenz aus Fernost. Eine Zeitenwende haben Experten schon ausgerufen, wenn einer wie er auf die andere Seite wechselt.Schreyer ist also an einer Revolution in der Automobilbranche beteiligt. Dabei wirkt er gar nicht wie ein Revolutionär, manchmal eher introvertiert. Oft blickt er seinen Worten prüfend hinterher. Ein Mann in schwarzem Anzug, schwarzem Hemd, mit schwarzrandiger Brille, dem man den Designer sofort abnimmt. Er sagt: ?Die tatsächliche Revolution ist, dass ein koreanischer Automobilhersteller einen Designer verpflichtet, der nicht aus Korea stammt.? Er lächelt, ein kurzes, nach innen gerichtetes Lächeln.Es hilft in seinem Beruf, wenn einer seine Ansichten, seine Ideen sparsam dosieren kann. Erst recht, wenn er in einem Glashaus sitzt. Autodesigner sind Geheimniskrämer. Berufsbedingt. Details entscheiden über Erfolg oder Misserfolg ihrer Entwürfe. Und es geht um zu viel Geld. Erst recht in Schreyers Fall.In Südkorea fahren mehr als zwei Millionen Autos, zwei Drittel davon sind von Kia und Hyundai, dem Mutterkonzern. Das ist kaum zu steigern, Wachstum ist nur im Ausland möglich. In Europa zum Beispiel, wo Kia eine der am schnellsten wachsenden Automarken ist. Der Marktanteil in Deutschland liegt bei 1,3 Prozent. Es hilft, dass inzwischen Qualitätsmängel behoben sind, die sich regelmäßig in hinteren Rängen der ADAC-Pannenstatistik niederschlugen. Aber die Koreaner sind nun an einem Punkt angelangt, an dem niedrige Preise alleine nicht reichen.Kia sei nicht wegen, sondern trotz seiner Autos erfolgreich, lästern Branchenkenner. Die bisherigen zehn Modelle ähneln sich kaum. Die Marke steht nicht für denkwürdige Ingenieurleistungen wie Mercedes, sie hat keine Geschichte, die sich zur Mythenbildung eignet. Kia baut Autos, die auf der Straße bisher kaum auffielen.
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Schreyer drückt es anders aus. ?Was fehlt, ist ein Familiengefühl im Erscheinungsbild.? Es ist ein ungelenker Satz, wie er Schreyer gelegentlich unterläuft. Man könnte auch sagen, Kia-Autos haben kein Gesicht. Nur, worin liegt der Reiz, für eine Firma ohne Gesicht zu arbeiten?Schreyer sucht nach einem Bild. Er findet Schnee. Einen Hang mit unberührtem Tiefschnee, auf dem er Spuren hinterlassen kann. Traum eines Skifahrers. Nicht zufällig kommt er auf dieses Bild. Er ist Bayer, nicht zu überhören. Wenn er am Wochenende bei seiner Familie in Ingolstadt ist, hat er es nicht weit in die Berge.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Schreyer war Kias dritter hochkarätiger Zukauf in kürzester Zeit. Schreyer musste nicht lange überlegen, um das Angebot aus Fernost anzunehmen. Als Wolfgang Bernhard als Markenchef zu VW kam, hatte es Schreyer schwer, hieß es dort. Die beiden seien einander herzlich abgeneigt. War sein Wechsel eine Flucht? ?Nein.? Schreyer hat inzwischen an einem Konferenztisch Platz genommen. Er holt tief Luft jetzt, setzt zu einem Satz an, bricht ab. Er spreche nicht über frühere Arbeitgeber. Nicht sein Stil.Der Grund für den Wechsel, sagt er schließlich, sei simpel. Er war sich vorgekommen wie einer, der die Folgen 1720 und 1721 eines Erfolgscomics zeichnete. Und dann gab es eben diese Firma mit einem Designproblem, die das beheben will ? mit aller Macht.Schreyer war Kias dritter hochkarätiger Zukauf in kürzester Zeit. Nach Len Hunt, dem Amerika-Chef von VW, und nach Gregory Guillaume, dem Leiter des VW-Design-Zentrums in Spanien. Und haben nicht andere koreanische Firmen den Wandel von einer Billigmarke zu einer Designmarke geschafft ? Mobiltelefonhersteller vor allem? Schreyer soll mit Kia wiederholen, was ihm mit Audi gelungen ist: eine Marke neu ausrichten, veredeln.In den Werkhallen modellieren Schreyers Mitarbeiter neue Entwürfe, Maßstab eins zu eins. Es riecht nach Schwefel. Das Plastilin, der Werkstoff, wird auf 40 Grad erhitzt und warm verarbeitet. Es fühlt sich an wie weiche Knetmasse. Ist es auf Raumtemperatur abgekühlt, nimmt es eine Konsistenz an wie festes Wachs. Andere Hersteller entwerfen neue Modelle fast nur noch am Computer. Für Schreyer undenkbar. Er muss von Hand Korrekturen vornehmen und deren Wirkung sofort sehen können.Unter weißen und roten Abdeckplanen in der Designwerkstatt zeichnet sich ab, was ein neues Kia-Auto werden könnte. Vorerst dürfen nur Schreyer und seine Mitarbeiter sehen, was sich unter den Planen verbirgt. Irgendwann auch die Chefs in Korea. Zwei Jahre später die Welt. Vielleicht.Ein Autodesigner schafft Dinge für ein großes Publikum. Dinge, die andererseits aber lange unsichtbar bleiben müssen. Autodesigner sollten am besten demütige Menschen sein. Das würde schon helfen, sagt Schreyer. In vielerlei Hinsicht. ?Eigentlich ist es gar nicht möglich, einen Mythos zu erschaffen und den dann auch noch in Serie zu produzieren.? Aber manchmal gelingt es.Er hat solche Autos gefahren. Sein erstes war ein olivgrüner Fiat 127, Auto des Jahres 1971. Das zweite ein giftgrüner Fiat X1/9. Jetzt fährt er ein Auto, das er selbst entworfen hat, einen Audi TT, erste Generation, silberfarben. Der Audi TT steht für schlichtes, edles, sportliches Design. Seine Flunderform erinnert ein wenig an einen Porsche. Die Fachwelt war sich schnell einig, dass der TT sich deutlich von der Masse dessen abhebt, was Jahr für Jahr als Neuerscheinung bei den Autohändlern ausgestellt ist und doch oft sehr bekannt aussieht.Lesen Sie weiter auf Seite 4: In relativ kurzer Zeit hat Schreyer schon ein paar sichtbare Spuren bei Kia hinterlassen.Es kommt Schreyer sehr entgegen, wenn er solche Dinge nicht selbst sagen muss. Aber noch immer schwärmt er von den Testfahrten in dunklen nordischen Winterwäldern. Der Testfahrer fuhr vor ihm her. ?Es war ein überwältigender Moment?, sagt er. Und eine überwältigende Erleichterung, als das Auto auf den Markt kam und alles zusammenpasste: der Klang des Motors und der Türen, der Geruch der Sitze und der Innenverkleidung, das Gefühl beim Anfassen des Lenkrads und der Armaturen. Dass der Wagen eine Zeit lang auffallend häufig in Unfälle verwickelt war und Audi nachrüsten musste, ist eine andere Sache. Vergangenheit für Schreyer.Von den ersten Skizzen bis zur Serienproduktion vergehen vier, fünf Jahre. Trotzdem hat Schreyer in der relativ kurzen Zeit bei Kia schon ein paar sichtbare Spuren hinterlassen, zumindest werden sie ihm zugeschrieben. Im Oktober vergangenen Jahres stellte er auf dem Pariser Automobilsalon ein Modell namens ?Cee?d? vor, die Fachpresse lobte das europäische Design. Sein Konzeptwagen ?Kue? kam auf der Detroit Motor Show gut an. Das Cabrio ?ex-Cee?d? mit Stoffdach später auch. Zeitlose Formen, klare Linien; typische Schreyer-Autos.Auf der IAA wird Schreyer neue Studien vorstellen, ein ziemlich flaches Sportcoupé unter anderem, von dem es bisher zwei Fotos gibt. Eine Frontansicht, eine Seitenansicht. Man erkennt eine Karosserieform, nicht aber einzelne Linien, den exakten Schwung des Kotflügels etwa.Sprechen mag Schreyer vorerst auch nicht über diesen Entwurf. ?Was Rasantes, nichts für den Massengeschmack?, sagt er nur. Es ist einer seiner gezielt unbestimmten Tarnsätze.Schnell wechselt er das Thema, er kommt auf Jalousien zu sprechen. Kias schöne neue Glaswelt hat ihre Tücken. Schreyer nickt in Richtung des Nachbarhochhauses. Wenn sich dort jemand im Auftrag der Konkurrenz einschliche, ebenfalls auf der Suche nach der Formel für das perfekte Gesicht, und von dort heimlich mit einem Teleobjektiv Kia-Modelle fotografierte. ?Das wäre eine Katastrophe!? Das Designzentrum wird demnächst gegen Blicke geschützt. Jalousien müssen her.Und doch. Je länger Schreyer über das Verheimlichen spricht, desto deutlicher wird: Das Verheimlichen, es ist nicht seine Lieblingsdisziplin. Der größte Moment ist, wenn er die Tarnung aufheben, das Tuch also abnehmen kann und einer seiner Wagen zum ersten Mal auf der Straße fährt.
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Dieser Artikel ist erschienen am 07.09.2007