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Geschniegelt und gescheitelt

Von Thomas Knüwer
So könnte Schwiegermutters Liebling aussehen. Streng gescheitelt und mit Gel in Form gehalten die Frisur, konservativ die Kleidung mit beigefarbener Hose und Pullover. Wer Jason Calacanis nicht kennt, könnte ihn für einen Wirtschaftsprüfer oder Beamten halten. Er widerspricht jedem Klischee eines Web-2.0-Gurus ? sein Erfolgsgeheimnis?
PARIS. Das dauert so lange, bis man das erste Mal von einem Redeschwall aus seinem Mund überflutet wird. Denn zwei Dinge, die kann der Amerikaner mit den griechischen Wurzeln nicht: kurz und langsam. Wenn er redet, dann redet er so lange, bis der Gesprächspartner überredet oder überzeugt ist. Zum Beispiel von seiner Suchmaschine Mahalo. Oder von seiner Mission, das Internet vor der Vermüllung zu bewahren.In Deutschland ist der 38-jährige, geborene New Yorker nur in der Web-Szene bekannt. Das verwundert, ist er doch schon seit 1993 in Internetkreisen aktiv. Nach dem Psychologie-Studium treibt er sich in der New Yorker Web-Szene umher, der ?Silicon Alley?. Vier Jahre später gründet er sein erstes Unternehmen: Der ?Silicon Alley Reporter? wird zur Hauspostille der Netz-Branche an der US-Ostküste.

Die besten Jobs von allen

Rising Tide ? aufsteigende Flut ? heißt sein Verlag, die New Economy trägt ihn empor. Aus 16 fotokopierten Seiten wächst der ?Reporter? auf 300 Seiten in Hochglanz und erhält ein Schwesterblatt im Westen, den ?Digital Coast Reporter?. ?Cowboy der Silicon Alley? nen-nen viele Calacanis. Weil er sich für eine Reportage im ?New Yorker? ganz in Schwarz ablichten lässt. Und weil er schnell zieht bei Rededuellen. Mit reichlich Ironie vergleicht er sich mit den Großen der Wirtschaft, etwa dem Disney-Chef und einem Medien-Mogul: ?Ich weiß nicht, warum ich nicht der nächste Michael Eisner oder Barry Diller sein sollte ? einer muss es doch werden.?Szenenwechsel: eine Internet-Konferenz in Paris. Calacanis ist mehr damit beschäftigt, zu winken und zu grüßen, als sich auf sein Gespräch zu konzentrieren. Jason kennt jeden, jeder kennt Jason ? auch wenn ihn nicht jeder mag. Calacanis hat reichlich Gegner ? wie das Szeneblog Valleywag ?, die ihn für ein Großmaul halten. 2007 krachte es mit Dave Winer, dem Web-Vordenker. Eine Wortmeldung während Calacanis? Vortrag auf einer Konferenz artete in ein übles Wortgefecht aus. Streit geht Calacanis wahrlich nicht aus dem Weg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erster Coup in der Dotcom-KriseIn der Dotcom-Krise gelang sein erster Coup. Er konnte noch 2001 sein wieder reichlich geschrumpftes Unternehmen für eine nicht bekannte Summe an Dow Jones verkaufen. Zwei Jahre später ist er zurück und gründet Weblogs Inc., eine Art Blogverlag. Der sammelt innerhalb eines Jahres 50 Blogs unter seinem Dach, um sie gemeinsam zu vermarkten. AOL kauft das Unternehmen 2005 für 25 Millionen Dollar. Calacanis ist ein gemachter Mann.Seine neue Idee heißt Mahalo ? eine Suchmaschine, die ihre Ergebnisse nicht automatisch generiert, sondern eher einem Katalog ähnelt, erstellt von echten Menschen. Es geht zäh voran. 10 000 Begriffe listet Mahalo derzeit, zwei Millionen Besucher zählt das Angebot monatlich. Aber: ?Das sind doppelt so viele wie erwartet. Wir sind ein Jahr vor dem Plan?, sagt er. Auf fünf Jahre ist die Firma finanziert und soll bis dahin einen Suchkatalog auf die Beine gestellt haben, der so groß ist wie Wikipedia. Zu den Investoren gehören der texanische Milliardär Mark Cuban und Sequoia Capital, das einst Google und Yahoo finanzierte. Insgesamt 16 Millionen Dollar steckten sie in Mahalo.Aber Calacanis will mehr, als Geld verdienen. Er kämpft gegen die Verschmutzung des Internets mit Werbung: ?Eine Menge Leute tun so, als ob sie das nicht sehen ? weil sie gute Geschäfte damit machen.? Wütend prangert er Seitenbetreiber an, die beliebige Texte online stellen, nur um mit den Anzeigen daneben zu kassieren. Sein Missionarseifer macht ihn in den Augen mancher zum liebenswerten Spinner. Der Branchendienst Watchmojo meint trocken: ?Ohne Jason etwas wegnehmen zu wollen, aber das Gewichtigste, was er derzeit hat, sind die Investoren.? Die Suchergebnisse seien wenig eindrucksvoll. Diesmal bleibt Calacanis ruhig und sachlich: ?Wir sind ein halbes Jahr online und stehen erst ganz am Anfang?, sagt er nur. So muss das sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.02.2008