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Geschlossene Gesellschaft

Ulrike Heitze
Ruinierte Knie, kaputter Rücken, Burnout. Die Krankheiten, die zur Berufsunfähigkeit führen, nehmen dramatisch zu. Und die Versicherer sind immer weniger bereit, Risikokandidaten zu versichern. Doch es gibt Strategien, sich Einlass zu verschaffen.
Policen-Wahl: Die wichtigsten Klauseln
Die besten Risiko-Lebensversicherungen mit BU-Police

Eigentlich hatte Jeanette Krämer die Episode mit den Nackenschmerzen längst ad acta gelegt. Akutes HWS-Syndrom mit Bewegungseinschränkungen im Arm, lautete damals die Diagnose des Orthopäden, schmerzhaft, aber mit Massage und Krankengymnastik erfolgreich behandelt - erledigt

Jetzt, anderthalb Jahre später, holt die junge Kontakterin ihre Krankengeschichte wieder ein: Ihr Antrag auf Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) wurde mit Verweis auf eben jene Erkrankung abgelehnt. Eine andere Gesellschaft, bei der sie parallel angefragt hatte, würde sie zwar versichern, ihre Wirbelsäule aber wäre vom Schutz ausgenommen. Nicht gerade das, was sich Krämer unter einer guten Absicherung vorgestellt hatte: Denn sollte die heute 32-Jährige wegen eines Rückenleidens einmal nicht mehr arbeiten können, bekäme sie von der Versicherung keinen Cent

Die besten Jobs von allen


Eintrittshürden immer höher
Da tröstet es die Hamburgerin wenig, dass sie ihr Problem mit vielen anderen teilt. Nur jeder vierte Antragsteller bekommt nach Stichproben des Magazins Finanztest seinen Wunschtarif. Jeder achte Kunde wurde nach Berechnungen des Branchendienstes Map-Report im Jahr 2003 von den Versicherungen komplett abgelehnt. Zwei Jahre zuvor war es nur jeder 25ste. Mit Ablehnungen, Ausschlüssen, Altersbegrenzungen oder Beitragszuschlägen wegen des "falschen" Jobs, eines gefährlichen Hobbys oder einer Vorerkrankung sind Versicherungen mittlerweile schneller bei der Hand als früher

Die Gründe dafür sind vielfältig: Steigende Erkrankungsquoten, ein verbesserter Verbraucherschutz, der Prozesse teuer macht, strengere EU-Vorgaben zur Eigenkapitalausstattung und Risikomischung sowie ein tendenziell schlechterer Gesundheitszustand der Antragsteller lassen Versicherungen genauer hinschauen, welche Kandidaten sie sich einhandeln. "Wer ist schon jung, kerngesund und war in den letzten fünf bis zehn Jahren nicht beim Arzt", bringt Helge Kühl, Versicherungsberater und -makler unter anderem für Berufsverbände, das Dilemma auf den Punkt

Neben körperlich schweren Jobs sind insbesondere kreative und feinmotorische Berufe kaum mehr günstig zu versichern. Eine Schaffenskrise als Folge einer möglichen psychischen Erkrankung ist für Versicherer schwer kalkulierbar. Auch Lehrer sind betroffen. Da bei ihnen das Burnout-Risiko jenseits der 50 dramatisch ansteigt, versichern Gesellschaften wie Cosmos, Europa, Gothaer oder Mamax Lehrer nur noch befristet bis zum Alter von 50 oder 55 Jahren

Killerfaktoren Knie, Kreuz, Psyche
Während der "falsche" Beruf meist nur höhere Beiträge nach sich zieht, führen Vorerkrankungen oft zu Ausschlüssen oder totalen Ablehnungen wie im Fall Jeanette Krämers.

"Bei Knie- und Rückenproblemen gehen viele dazu über, dieses Risiko im Vertrag auszuschließen, während bei Allergien eher 20 oder 30 Prozent Beitrag aufgeschlagen werden", beobachtet Helge Kühl. Wer psychische Vorerkrankungen mitbringt, hat inzwischen ganz schlechte Karten, überhaupt noch versichert zu werden.

Ein einheitliches Muster, wie die gut 100 Gesellschaften auf dem Markt BU-Anträge handhaben, existiert nicht. Die Entscheidungen über Annahme oder Ablehnung desselben Antragstellers fallen oft überraschend aus, weiß Makler Kühl aus seiner Praxis. Da Versicherer Risiken je nach Geschäftsstrategie unterschiedlich bewerten, reagieren sie auch verschieden streng auf Vorerkrankungen wie Allergien oder gefährliche Hobbys wie Tiefseetauchen oder Drachenfliegen. Was für Risikokandidaten wiederum auch von Vorteil ist: Wo die eine Gesellschaft abwinkt, kann eine nächste durchaus zu Verhandlungen bereit sein.

"Suchen Sie einen Versicherer, der in dem Geschäft genügend Volumen und Erfahrung hat", rät Manfred Poweleit, Chef des Branchendienstes Map-Report. "Und nehmen Sie sich einen kompetenten Berater." Ohne Expertise verheddert man sich schnell in den Vertragsklauseln.

Verbraucherschützer raten zu mehreren parallelen Anfragen bei seriösen Anbietern, die bei Rating-Agenturen wie Franke und Bornberg, Morgen & Morgen oder Finanztest gut abschneiden. Versicherungsexperten zufolge sind mindestens drei bis vier Anläufe bis zur Vertragsunterzeichnung heute die Regel. Geduld und Hartnäckigkeit sind hier gefragt. Eine gute Annahme- und Regulierungsquote bescheinigt Map-Report-Chef Poweleit beispielsweise Swiss Life, Provinzial NordWest und Volksfürsorge

Verdeckt sondieren
Wer jedoch die Anbieter nach dem Gießkannenprinzip mit Anträgen und Risikovoranfragen - mit denen man das eigene Risikoprofil bei der Versicherung vorab checken lassen kann - überhäuft, tut sich keinen Gefallen. Viele Versicherer fragen in ihren Formularen nach früheren Negativbescheiden der Konkurrenz. Zudem führt die Versicherungswirtschaft eine "Sonderwagnisdatei", in der alle Anfragen inklusive Ergebnis fünf Jahre lang dokumentiert werden. Nicht selten, dass ein Versicherer trotz Zusage noch Monate später einen Rückzieher macht, wenn er von negativen Einträgen Wind bekommt

Der Eintrag in die Sonderwagnisliste lässt sich nur durch - im Markt noch seltene - anonymisierte Voranfragen umgehen. Dabei werden die Unterlagen vor Einreichung geschwärzt, die Versicherung nimmt Stellung dazu und erhält die Kundendaten erst, wenn der Vertrag geschlossen wird (zum Beispiel über www.Buforum24.de)

Vieles verhandelbar
Ein guter Versicherer wird einen potenziellen Kunden auch nicht gleich abservieren, sondern Kompromisse anbieten. So lässt sich mit einem Wirbelsäulenausschluss wie dem von Jeanette Krämer zur Not durchaus leben - wenn die Bedingungen klar definiert sind. Unfair ist eine Klausel dann, wenn sie so weit gefasst ist, dass nahezu jede andere Erkrankung ursächlich auf den Rücken geschoben werden kann. Im Zweifelsfall ist man mit einem 50-prozentigen Beitragszuschlag, bei dem dann aber der komplette Rücken mitversichert ist, ohnehin besser bedient. Um diese Variante will jetzt auch Jeanette Krämer kämpfen

Policen-Wahl: Die wichtigsten Klauseln

Prognosezeitraum:
Welche ärztliche Prognose wird zur Feststellung der BU gefordert?
"Voraussichtlich sechs Monate" - sehr gut.
"Voraussichtlich dauerhaft" - lieber Finger weg.
Denn das heißt im Klartext: voraussichtlich drei Jahre. Mit solch langfristigen Einschätzungen tun sich Ärzte schwer.

Klare Definition der Tätigkeit:
Maßstab für die Beurteilung des Krankheitsgrades sollte "die zuletzt ausgeübte Tätigkeit in der Ausgestaltung wie in gesunden Tagen" sein. Wer zuvor bereits krankheitsbedingt den Job heruntergefahren hat, würde schnell leer ausgehen

Leistungsbeginn ab dem ersten Monat:
Solange noch unklar ist, ob ein Patient auf Dauer berufsunfähig bleibt, warten viele Versicherer sechs Monate mit der Zahlung. Nützlich, wenn das halbe Jahr rückwirkend bezahlt wird. Je nach eigenem Finanzpolster aber auch eine lässliche Klausel. Akzeptiert man die Karenzzeit, spart man fünf bis sechs Prozent Beitrag

Verzicht auf abstrakte Verweisung:
Mit dieser Klausel verzichtet der Versicherer darauf, eine Rente mit der Begründung zu verweigern, der Versicherte könnte theoretisch noch in einem Beruf arbeiten, der hinsichtlich Ausbildung, Erfahrung und Lebensstellung (insbesondere Gehalt) mit dem bisherigen vergleichbar ist. Der Verzicht auf die "konkrete Verweisung" setzt noch engere Grenzen: Hierbei kann man nicht einmal auf eine Tätigkeit verwiesen werden, die man ohnehin schon nach Eintritt der BU freiwillig ausübt. Doch die Klausel ist teuer und schießt weit übers Ziel der normalen Risikoabsicherung für den Worst Case hinaus

Weltweite Geltung:
Dieser Passus sollte bei internationaler Berufsbiografie mit abgeschlossen werden. Wichtige Details: Finden im BU-Fall die Nachprüfungen in Deutschland oder im Ausland statt? Und: Wer zahlt die Reisekosten?

Rückwirkende Zahlung:
Geht die Meldung über die Berufsunfähigkeit verspätet ein, beispielsweise aufgrund eines schleichenden Krankheitsverlaufs, sollten Versicherer rückwirkend zahlen, idealerweise drei Jahre. Je nach persönlichem Finanzpolster aber ist der Passus auch unnötig, denn immerhin hat man bis dahin ja finanziell überlebt. Zusatzklauseln erhöhen oft den Beitragssatz

Rücktrittsverzicht:
Der Versicherer sollte höchstens fünf Jahre nach Abschluss vom Vertrag noch zurücktreten dürfen, wenn der Kunde seine vorvertragliche Anzeigepflicht verletzt und die Gesundheitsfragen nicht korrekt beantwortet hat. On top: Der Versicherer verzichtet auf "§ 41 VVG", der ihm Beitragserhöhung oder Kündigung erlaubt, wenn der Kunde schuldlos falsche Angaben gemacht hat

Nachversicherungsgarantie:
Der Vertrag sollte die Aufstockung der BU-Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung zulassen, wenn sich die Lebensverhältnisse ändern, also beispielsweise Hochzeit, Kinder, Eigenheim, Existenzgründung oder Gehaltssprung anstehen. Dieser Zusatz kostet meist ein paar Euro mehr

Verzicht auf befristete Anerkenntnis:
Der Versicherer sollte seine Leistungszusage im BU-Fall unbefristet geben. Andernfalls müsste der Kunde laufend nachweisen, dass er noch krank ist. Ist der Vertrag nur mit Befristungsklausel zu haben, sollte der Versicherte wenigstens die Modalitäten penibel aushandeln und festschreiben, wann, wie oft und wie lange Nachweise zu erbringen sind

Die besten Risiko-Lebensversicherungen mit BU-Police

... Für den Mann2
Gesellschaft Produkt / Berufsgruppe Brutto-Beitrag3 Netto-Beitrag3 / Auszahlung zu Lebzeiten4
Nürnberger LV BUZ (BUZ2004C) (GN 223114-01.04) / 1 1.081,31 865,05 / -
Aachen Münchener LV BUZ BUZVB BA (08.05) zur RLV / 1 1.397,52 957,32 / 4.329,00
Deutscher Herold BUZ zur RLV BB BUZ 01/2005 BG 1+2 mit Beitragszuschlag / ohne Zuschlag 1.643,39 1.043,21 / -
Zürich LV (Deutschland) BUZ zur RLV BB BUZ 01/2005 BG 1+2 mit Beitragszuschlag / ohne Zuschlag 1.643,39 1.043,21 / -
Stuttgarter LV BUZ-PLUS Stand: 01/2004 (RLV) / G1 1.740,12 1.365,93 / -
Gerling Konzern LV BUZ TB + Erl-TB (GKL BUZ.0501) + AVB-D (GKL AVBD.0501) 01/2005 <= 48% / A 2.004,19 1.221,31 / 5.177,90

... für die Frau2
Gesellschaft Produkt / Berufsgruppe Brutto-Beitrag3 Netto-Beitrag3 / Auszahlung zu Lebzeiten4
Nürnberger LV BUZ (BUZ2004C) (GN 223114-01.04) / 1 1.098,89 879,11 / -
Deutscher Herold BUZ zur RLV BB BUZ 01/2005 BG 1+2 mit Beitragszuschlag / ohne Zuschlag 1.591,75 997,72 / -
Zürich LV (Deutschland) BUZ zur RLV BB BUZ 01/2005 BG 1+2 mit Beitragszuschlag / ohne Zuschlag 1.591,75 997,72 / -
Aachen Münchener LV BUZ BUZVB BA (08.05) zur RLV / 1 1.657,53 1.148,27 / 6.019,00
Stuttgarter LV BUZ-PLUS Stand: 01/2004 (RLV) / G1 1.707,76 1.491,75 / -
Gerling Konzern LV BUZ TB + Erl-TB (GKL BUZ.0501) + AVB-D (GKL AVBD.0501) 01/2005 <= 48% / A 1.912,82 1.189,12 / 5.609,80

1 Produkt-Rating: Die genannten Produkte haben im Rating der Versicherungsanalysten Franke & Bornberg die höchstmögliche Bewertung "FFF Plus" für ihre Vertragsbedingungen sowie gute bis hervorragende Noten im Unternehmensrating erzielt. Berücksichtigt wurden nur Produkte der Kategorie "BU erweitert" mit folgenden Vertragsbestandteilen: "genereller Verzicht auf abstrakte Verweisung", "Leistungsbeginn ab dem 1. Monat (Karenzzeiten zulässig)", "weltweite Geltung".
2 Zugrunde liegender Musterfall: Beruf: Diplom-Kaufmann/-frau, Gesundheitszustand: keine Vorerkrankungen, Raucher (sofern im Tarif unterschieden), Alter bei Vertragsabschluss: 30, Endalter: 65, Vertrag ab 1.3.2006, monatliche BU-Rente: 1.500 Euro, Risiko-LV-Summe: 50.000 Euro, jährliche Beitragszahlung
3 Jeweils Jahresbeiträge in Euro. Bruttobeitrag: Maximalbeitrag, der laut den Tarifbedingungen fällig werden kann, wenn keine beitragsmindernden Überschüsse mehr erwirtschaftet werden. Nettobeitrag: Aktuell zu zahlender Beitrag. Aber: Darin sind Leistungen aus der Überschussbeteiligung enthalten, die für die Zukunft nicht garantiert sind. Die Angaben gelten nur für die gesamte Vertragsdauer, wenn die derzeitigen Überschussanteile konstant bleiben.
4 Zahlung im Erlebensfall: Die Werte gelten nur, wenn während der gesamten Vertragslaufzeit keine BU eintritt und sich die Höhe der zugrunde gelegten Überschussbeteiligung nicht ändert.

Quelle: Franke & Bornberg, Angaben ohne Gewähr. Grafik: karriere, Stand 1/2006.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2006