Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Geschäftstüchtiger Künstler

Von Katharina Kort
Etwas Kreatives hatte Carlo Alessandro Puri Negri schon immer im Blut. Zunächst hatte sich der heutige Vorstandsvorsitzende der größten italienischen Immobiliengesellschaft Pirelli Re auf der Bühne versucht. Später übernahm er einige kleine Rollen in Filmen. Doch schnell merkte der heute 55-Jährige, dass seine Talente woanders schlummern.
Stets in feinem Zwirn: Pirelli-Re-Chef Carlo Alessandro Puri Negri verbindet stilvolles Auftreten mit geschäftlichem Erfolg.
MAILAND. Nach der Schauspielschule des berühmten ?Piccolo Teatro? von Giorgio Strehler in Mailand übernahm Puri Negri einige kleinere Rollen in Filmen und auf der Bühne, merkte aber schnell, dass seine Talente vielleicht doch woanders schlummern.?Das war nicht sonderlich erfolgreich?, gibt der braun gebrannte Manager mit dem welligen, grauen Haar heute mit einem Augenzwinkern zu. Doch mit seiner Präsenz füllt er noch immer einen Raum. Stets in feines Zwirn gekleidet, mit Einstecktuch und Manschettenknöpfen, hat er sein Charisma behalten. Nur spricht er heute mit seiner sonoren Stimme von ?Leverage? und ?Facility Management?. ?Man muss bei ihm aufpassen, er kann einen einwickeln?, sagen Mitarbeiter über Puri Negri, der nun die Rolle des Pirelli-Re-Chefs mit Leben erfüllt. Lange war er eher für seine Segel- und Verführungskünste denn für geschäftliches Geschick bekannt. Seine erste Ehefrau war die damals gefragte Schauspielerin Clio Goldsmith.

Die besten Jobs von allen

Pirelli war auch nicht die erste Station nach seinem Abschied von der Bühne. Man hielt ihn dort zunächst nicht für geeignet ? obwohl er mütterlicherseits ein echter Pirelli ist. ?Ich bin Pirelli eng verbunden, weil es von meinem Urgroßvater gegründet wurde?, sagt Puri Negri. ?Aber ich habe nichts geerbt. Die haben vorher alles verbrannt?, stellt er lächelnd klar.Nach seinem kurzen Schauspieldebüt sammelte er Anfang der 80er- Jahre zunächst über mehrere Jahre Erfahrung in der Werbung und im Marketing der Verlage Mondadori und Espresso, bevor er 1989 endlich zu seinem Wunsch-Arbeitgeber wechselte. Damals hieß die kleine Immobilientochter von Pirelli ?Milano Centrale?, da ihr verschiedene Gebäude in der Mailänder Innenstadt gehörten. Das neue Stadtviertel Bicocca im Norden Mailands, wo später auch die Deutsche Bank und Siemens einziehen, ist das erste große Projekt, für das die Gesellschaft noch heute bekannt ist.?Mit Bicocca haben wir bis heute keine einzige Lira verdient?, gibt der Manager unverblümt zu. Dennoch hat Puri Negri sein Baby innerhalb von weniger als 20 Jahren zum größten italienischen Immobilienunternehmen hochgepäppelt. Dabei setzt der ehrgeizige Mann auf ein Geschäftsmodell, das vom Asset-Management über Immobilien-Dienstleistungen bis hin zu Immobilienfonds reicht. 2003 kam ein Franchise-Makler-Netz unter dem Namen Pirelli Re hinzu, das heute mehr als 600 Filialen in Italien hat.Bei Immobilien-Käufen tritt Pirelli Re stets als Minderheitsaktionär auf und setzt auf Fremdfinanzierung. Von den Immobilien im Wert von 14 Mrd. Euro, die Pirelli Re heute verwaltet, ist gerade einmal ein Fünftel im direkten Besitz von Pirelli Re. ?Ich bin nur ein Maurer und kein Ökonom?, stellt Puri Negri mit falscher Bescheidenheit fest.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Deutschland sieht Puri Negri noch immer Potenzial.?Ich glaube, Analysten haben Schwierigkeiten damit, dass wir so viele verschiedene Geschäftsbereiche haben, die sie alle anders bewerten müssen?, erklärt er den aus seiner Sicht zu niedrigen Aktienkurs des seit 2002 börsennotierten Unternehmens. Dabei hat sich der Kurs nicht schlecht entwickelt. Immerhin hat sich der Börsenwert in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt, auch wenn er in den vergangenen Wochen wieder deutlich gesunken ist.Für die kommenden Jahre liegt Puri Negris Augenmerk vor allem auf dem Ausland, das Ende 2006 erst 15 Prozent des Geschäfts ausmachte. Ende 2008 soll es bereits bei einem Drittel liegen. Bisher ist Pirelli Re außerhalb Italiens nur in Deutschland und Polen präsent. In Zukunft sollen zwei neue Länder jährlich hinzukommen ? in diesem Jahr sind es Rumänien und Bulgarien.In Deutschland sieht der ehemalige Schauspieler noch immer Potenzial: ?Die Preise sind niedrig, absolut marktfern, wenn man sie mit dem Rest Europas vergleicht?, sagt er, ?selbst in München zahle ich 4 000 Euro pro Quadratmeter für eine Qualität, für die ich in Mailand 8 000 Euro hinlegen müsste?. Dass es in seiner Heimat nicht leicht ist, mit den Behörden der Städte, Gemeinden und Aufsichten zu verhandeln, sieht er als Vorteil: ?Italien ist ein phantastisches Training. Nach Italien sind die Gemeinden im Ausland ein Leichtes?, ist er überzeugt.Und falls sich Mehrheitsaktionär Pirelli, der heute knapp 51 Prozent hält, entscheidet, seine Tochter abzustoßen? ?Dann lasse ich mich finanzieren und kaufe den Laden?, sagt er. Dabei geht Puri Negri selbstverständlich davon aus, dass auch ein Finanzier das Management ? also ihn ? beibehalten will. Selbstironisch bemerkt er denn auch: ?Ich glaube, ich glorifiziere mich gerade selbst ??
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2007