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Gerhard Weber ist nicht mehr aufzuhalten

Von Tanja Kewes
Der Gründer und Vorstandschef von Gerry Weber eröffnet immer neue Läden ? und ist gegen alle Widerstände erfolgreich. Ein Ohnmachtsgefühl beschlich Weber trotzdem im Sommer des vergangenen Jahres.
LONDON. Leichtfüßig und strahlend schwebt Gerhard Weber über das Parkett. Seine maßgefertigten Schuhe aus feinem schwarzem Leder tragen ihn wie einen Tänzer von Kundin zu Kundin, von Kleiderständer zu Kleiderständer, zur Kasse. Das violette Innenfutter seines Jacketts blitzt immer wieder auf ? so eilfertig ist er, so zuvorkommend, so voll in seinem Element.?Von einem solchen Auftritt habe ich vor Jahren noch geträumt?, ruft er aus und lässt sich in einen schwarzen Sessel fallen. Das neue Flaggschiff des Modekonzerns Gerry Weber umfasst 730 Quadratmeter und drei Etagen und liegt an der feinen Regent Street in London. Im Sessel hält es den 64-Jährigen aber nicht lange. Er springt auf, bietet einem unschlüssig herumstehenden Gast den Platz an. Der Kunde ist König, das Geschäft geht vor, gerade an einem Tag wie diesem.

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Der Ostwestfale, der mit seinen stahlblauen Augen und glatten grauen Haaren an Kirk Douglas erinnert, ist nicht mehr aufzuhalten. Seit dem Börsengang von Gerry Weber International 1989 treibt Weber den Wandel vom Damenmodehersteller zum internationalen Lifestylekonzern systematisch voran. Seinem Traum ? ?die Dame von Kopf bis Fuß in Gerry Weber? ? kommt er von Jahr zu Jahr näher. Neben Mode gibt es heute Taschen, Brillen, Uhren, Schmuck und Duft. Um die Markenwelt in ihrer ganzen Breite präsentieren zu können, setzt Weber seit Ende der 90er-Jahre auf eigene Häuser. Das erste so genannte ?House of Gerry Weber? eröffnete 1999 in Bielefeld, die Regent Street ist Nummer 103. Bis zu 300 weitere sollen in den nächsten zwei Jahren folgen.?Weber ist ein Macher. Seine Strategie verfolgt er konsequent?, sagt Christoph Schlienkamp. Der Konsumgüteranalyst beim Bankhaus Lampe verfolgt den Aufstieg des Ostwestfalen seit Jahren. Das Geschäftsjahr 2004/2005 schloss das S-Dax-Unternehmen mit einem Umsatzplus von knapp zwölf Prozent auf 352 Millionen Euro ab. Das Betriebsergebnis kletterte um 28 Prozent auf 35,8 Millionen Euro. Der Aktienkurs um 80 Prozent.Ein Liebling der Börsenbeobachter ist Weber deshalb nicht. Dass sich der Gründer und Vorstandschef in Analystenkonferenzen regelmäßig von seinem Finanzchef Hans-Dieter Kley vertreten lässt, stößt negativ auf. ?Doch das ist nur?, sagt Schlienkamp, ?eine Petitesse!? Wichtig sei vielmehr, dass er sein Metier beherrsche. Die Kreation und den Verkauf.Und darin übt sich Weber früh. Im Modeladen seiner Mutter Luise fühlt er die ersten Stoffe. Mit 23 Jahren hat er genug gesehen und macht sich selbstständig. ?Weber Moden? heißt sein erster Laden. 1973 gründet Weber zusätzlich die Damenmodefabrik Hatex, die Kleider für große Handelsketten produziert. Doch das Lieferantendasein und die kleine Kette von sieben Filialen reichen Weber nicht. Aus seinem Namen soll eine Marke werden. Aber wie? ?Weber ist wie Müller-Meier-Schulze ein Allerweltsname. Und Halle eine Kleinstadt?, erinnert er sich.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ein Visionär und zugleich ein Kämpfer alter Schule? Der gelernte Textilkaufmann erklärt 1986 den Kunstnamen ?Gerry Weber? zur Modemarke und engagiert die 17-jährige Steffi Graf als Model ? ?trotz krummer Nase und Abdrücken von Tennissocken an den Beinen?. Steffi Graf gewinnt in Tennisröckchen aus Westfalen das Turnier von Wimbledon. Es ist die Sensation des Jahres 1988. Ihr Sieg nützt auch ihm. Sein Name ist in aller Munde. Die Scheinwerfer der ?Gerry Weber Open? strahlen seitdem hell und weit, weltweit. Nach Escada ist Gerry Weber heute der zweitgrößte deutsche Damenmodehersteller an der Börse. ?Weber hat aus dem Nichts eine Weltmarke geschaffen?, lobt Gerhard Wöhrl von der gleichnamigen Modehauskette aus Nürnberg.Webers Erfolg beruht auf seinem Willen. Ist er einmal von einer Sache überzeugt, überrennt er Widerstände, wischt warnende Worte mit einer Hand weg. Auch sein Kompagnon Udo Hardieck wird dabei zum Statisten. Die Vorwärtsintegration vom Hersteller zum Händler etwa treibt Weber gegen Proteste und Boykottaufrufe voran. Etablierte Modehäuser machen Front gegen die neue Konkurrenz aus der Industrie. Jahre später sind viele Kritiker verstummt, aus leisen Befürwortern lautstarke Fans geworden. Kein Wunder, sind die Kleiderständer von Gerry Weber im Handel doch nicht verweist, sondern umkreist, die Kollektionen Bestseller, und die Rendite ist üppig. ?Weber ist ein Visionär und zugleich ein Kämpfer alter Schule?, sagt Uwe Schröder, Vorstandschef des Modekonzerns Tom Tailor.Der viel Gepriesene ist dabei ein Freund der klaren Worte. Über seine Hemdsärmeligkeit täuscht auch das stets bunte Einstecktuch nicht hinweg. Sein Kommentar zum Chaos in einem Kaufhaus: ?Bei Ihnen auf der Fläche sieht es aus wie Kraut und Rüben!? Widerspruch zwecklos. Einem Handelspartner, der seine Mode nicht ?liebevoll? präsentieren wollte, stellte Weber jüngst ?den Schuh vor die Tür?. Auf seine westfälisch direkte Art angesprochen, antwortet er: ?Politiker wollte ich noch nie werden!?Ein Ohnmachtsgefühl beschlich Weber aber im Sommer des vergangenen Jahres. Als die rückwirkend wieder eingeführten Importquoten für Textilien aus China Tausende Kleidungsstücke blockierten, suchte Weber den Schulterschluss mit Wettbewerbern wie Heinz Krogner von Esprit und Uwe Schröder von Tom Tailor. Kopflos machten die Quoten den Ostwestfalen aber nicht. Hinter den Kulissen knüpfte er Kontakte zu neuen Lieferanten in anderen asiatischen Ländern.Unruhig wird Weber, wenn er die Fäden nicht selbst spinnen kann. ?Fünf Jahre hat es gedauert, bis wir hier, im Herzen Londons, Einweihung feiern konnten?, schimpft er und streicht sich die Haare glatt. Der Straßenzug zwischen Piccadilly und Oxford Circus gehört der Queen. Und gegen die Vorschriften der britischen Krone war auch der Modezar aus Ostwestfalen ? wie er in der Branche genannt wird ? machtlos.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2006