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Generationswechsel an der ABB-Spitze

Von Oliver Stock, Handelsblatt
Jürgen Dormann geht in den Verwaltungsrat, sein Nachfolger Fred Kindle leitet bislang den Industriekonzern Sulzer.
ZÜRICH. Wahrscheinlich hat der Ältere in dem Jüngeren sich selbst wieder erkannt: Jürgen Dormann, 64 Jahre alt, gibt wie angekündigt seinen Posten als Vorstandschef beim Schweizer Industriegüterkonzern ABB auf. Sein Nachfolger, den er am vergangenen Freitag den mehr als 130 000 Mitarbeitern vorstellte, ist der 20 Jahre jüngere Fred Kindle, der bislang die Geschicke des mit 9 000 Mitarbeitern beinahe noch mittelständischen Schweizer Industriekonzerns Sulzer leitet.Dormann bleibt Verwaltungsratschef bei ABB. Er ist auch noch Aufsichtsratschef bei Aventis, jenem Konzern, den er selbst aus dem Zusammenschluss von Hoechst und Rhone-Poulenc geformt hat und der derzeit gegen eine feindliche Übernahmen kämpft. Wer bei Sulzer auf den Chefsessel rückt, soll nach Angaben aus dem Verwaltungsrat des Unternehmens bis zum April entschieden werden. Offiziell wird Dormann Anfang nächsten Jahres seinen Stuhl räumen, bereits im September wird Kindle sozusagen als Praktikant bei ABB anfangen.

Die besten Jobs von allen

Was der Jüngere dann vom Älteren lernen kann, ist vielleicht gar nicht so viel. Ähnlich wie Dormann bei ABB hat Kindle bei Sulzer den Umbau des Konzerns vorangetrieben. Die Parallelen reichen bis zu einzelnen Sparten: Sulzer verkaufte seine Gebäudetechnik, ABB ist derzeit dabei. Sulzer musste sich der Sammelklagen von Patienten erwehren, die verunreinigte Hüftgelenke implantiert bekommen hatten, ABB erwehrt sich der Klagen Asbest-geschädigter. Sulzer konzentriert sich auf die Industriebereiche Beschichtungstechnik, Turbomaschinen-Service, Pumpen und Verfahrenstechnik und konnte 2001 eine feindliche Übernahme verhindern.Kindle verfüge über ?Technologie- und Business-Kompetenz?, lobte der Ältere am Freitag den Jüngeren. Er meinte damit dessen Erfahrung als McKinsey-Mann, als Projektmanager beim Liechtensteiner Bohrmaschinen-Hersteller Hilti und eben als Manager eines Umbaus bei Sulzer. ?Kindle steht für Kontinuität?, stellt Dormann fest, was beruhigend wirken sollte und was auch heißt, dass die beiden mächtigen ABB-Spartenleiter sowie Finanzchef Peter Voser dem Unternehmen erhalten bleiben. Alle drei waren als mögliche Nachfolge-Kandidaten Dormanns im Gespräch. ?Ich vertraue darauf, dass Peter Voser bleibt?, sagte Dormann jetzt ? ein Satz, der etwas mehr nach einer Bitte klang.Die, die Kindle kennen, beschreiben ihn als jemanden, ?der sich nicht in seinem Zimmer verkrümelt und einsame Entscheidungen trifft?. Der Sulzer-Chef legt nach eigenen Worten wert auf Teamarbeit. ?Wir müssen keine Freunde sein, aber wir müssen uns auf ein gemeinsames Ziel verständigen?, lautet seine Anforderung, die bei ABB ankommen dürfte. ?Was wir hier nicht brauchen, ist ein neuer King Louis?, heißt es aus der ABB- Vorstandsetage, wo man vor Dormanns Amtsantritt einiges gewohnt war. Analysten hielten sich am Wochenende mit Einschätzungen zurück. Kindle hatten die wenigsten von ihnen als Kandidaten erwartet. ?Ein guter Mann mit gutem Ruf, der einen guten Job gemacht hat?, sagte Andreas Riedel von der Bank Sarasin. Er habe zwar kein Akquisitionen hingelegt, heißt es von anderer Seite, aber das sei ja mitunter auch besser so.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2004