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Generation 40 plus

Astrid Oldekop, Dorothee Fricke
40, 45 oder gar 50 Stunden pro Woche: Auf die Wunderwaffe Arbeitszeitverlängerung setzen viele Unternehmen - nicht nur bei gering qualifizierten Jobs. Vor allem junge Absolventen steigen mit schlechteren Verträgen ein und werden die fetten Jahre nicht mehr erleben.
40, 45 oder gar 50 Stunden pro Woche: Auf die Wunderwaffe Arbeitszeitverlängerung setzen viele Unternehmen - nicht nur bei gering qualifizierten Jobs. Vor allem junge Absolventen steigen mit schlechteren Verträgen ein und werden die fetten Jahre nicht mehr erleben."Groß war die Begeisterung natürlich nicht, aber inzwischen hat's jeder geschluckt."
Wolfgang Arndt, Maschinenbauingenieur beim Gartengerätehersteller Gardena in Ulm, nimmt es ziemlich gelassen, dass er seit Juni vertraglich 40 Stunden in der Woche arbeiten muss - statt bisher 38. "Wenn wir den Standort hier erhalten wollen, geht das nicht anders", ist Arndt überzeugt. Der 39-Jährige denkt, dass Gardena eine gerechte Lösung gefunden hat: Während die unteren und mittleren Lohngruppen statt bisher 35 nun 36,5 bis 39 Wochenstunden ranmüssen, sind Hochqualifizierte wie er als Teamleiter auf bis zu 42 Wochenstunden hochgestuft worden.

Länger, schneller, billiger: Wie beim Ulmer Gerätehersteller hat die Arbeitszeitverlängerung in vielen Betrieben und Behörden Einzug gehalten. Zu den Vorreitern gehörte Automobilzulieferer Continental, wo die 40-Stunden-Woche für einige Standorte schon vor sechs Jahren eingeführt wurde. Mitarbeiter der Forschung bei DaimlerChrysler in Sindelfingen arbeiten seit Sommer wieder 40 Stunden. Siemens-Mitarbeiter in Bocholt und Kamp-Lintfort müssen seit Juli ebenfalls 40 statt 35 Stunden ihrem Arbeitgeber widmen. Handelskonzern Metro und die Deutsche Bahn wollen in Sachen Arbeitszeitverlängerung nachziehen.
Im öffentlichen Dienst sieht es nicht anders aus. Landauf, landab bekommen Beamte längere Bürozeiten verpasst: 40, 41 oder sogar 42 Stunden - und die Angestellten werden mitgezogen. Wo alte Verträge nicht zu ändern sind, bekommen Neueinsteiger, Aufsteiger und Jobwechsler eben neue - mit längeren Arbeitszeiten und weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Arbeiten für den Aufschwung

Jeder weiß: Mit osteuropäischen oder gar asiatischen Billiglohnländern kann die Bundesrepublik über den Preis nicht konkurrieren. Doch die Argumente der Befürworter sind griffig: Unbezahlte Mehrarbeit steigert die Produktivität. Dadurch sinken die Lohnstückkosten, was Deutschland wiederum international wettbewerbsfähig macht.
Dieter Bräuninger, Volkswirt der Deutschen Bank, erwartet bei einer generellen Rückkehr zur 40-Stunden-Woche einen Rückgang der Arbeitskosten in der Industrie um elf Prozent. Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet vor: "Eine Verlängerung der Arbeitszeit um nur eine Stunde pro Woche senkt bereits die Arbeitskosten um 2,6 Prozent. Das ist schon ein erheblicher Anteil." Diese eine Stunde Mehrarbeit steigere die Wirtschaftsleistung, um ein Prozent und schaffe bis zu 60.000 neue Stellen, heißt es beim IW.
Ob längere Arbeitszeiten die Auftragsbücher wieder so füllen, dass letztendlich neue Mitarbeiter eingestellt werden, ist allerdings umstritten. Schließlich muss das, was zusätzlich produziert wird, auch verkauft werden. Bleiben die Einkommen aber trotz unbezahlter Mehrarbeit unverändert, könnte die Nachfrage ebensogut sinken.

Freizeitpark war gestern

Das Bild vom Freizeitweltmeister Deutschland ist ohnehin längst widerlegt: Mit durchschnittlich 42,4 tatsächlich gearbeiteten Wochenstunden liegt Deutschland EU-weit im Mittelfeld, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt. Und die meisten Beschäftigten nehmen längere Arbeitszeiten in Kauf, wenn sie dadurch ihren Arbeitsplatz sichern können. Nach einer Online-Umfrage von karriere sind mehr als drei Viertel der Befragten bereit, für ihr jetziges Gehalt die 35-Stunden-Woche über Bord zu werfen. Knapp 40 Prozent würden bis zu 42 Stunden fürs gleiche Geld arbeiten, 14,5 Prozent sogar mehr als 50 Stunden.
Viele von ihnen tun es schon jetzt. Denn die Arbeitszeiten, so ergaben die DIW-Forschungen, liegen umso höher, je größer die geforderte Qualifikation für die berufliche Tätigkeit ist. So leisten Führungskräfte mit vertraglich festgeschriebenen Zeiten im Schnitt knapp zehn Überstunden pro Woche, die nur selten durch Freizeit oder Lohn ausgeglichen würden. Zudem finde ein schleichender Abbau von Urlaubstagen statt. Fast jeder dritte Arbeitnehmer nimmt laut DIW weniger Urlaubstage, als ihm zustehen. Sebastian Schief vom Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen warnt bereits vor weiteren Drehs an der Arbeitszeitschraube: "Die Kosteneinsparungen wirken meist nur kurzfristig." Auf lange Sicht könnte sich der Effekt ins Gegenteil verkehren. Schief verweist auf Umfragen, nach denen bei längerer Arbeitszeit die Motivation sinkt, was wiederum der Produktivität schadet.

Beispiel Britta Plaßmann. Die 24-Jährige wurde im Juli nach ihrer Ausbildung im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in Düsseldorf übernommen und muss nun 41 statt bisher 38,5 Stunden pro Woche arbeiten, zudem wurden ihr das Urlaubs- und 50 Prozent vom Weihnachtsgeld gestrichen. Bedingungen, die im öffentlichen Dienst in Nordrhein-Westfalen für sämtliche Neuangestellten gelten. "Wenn alle schon am Nachmittag nach Hause gehen, muss ich noch im Büro bleiben", erzählt sie. "Motivierend ist das nicht gerade."
Flexibel ans Ziel

Motivationskiller oder Jobgarant - in einem sind sich die Experten jedoch einig: Eine Standardlösung der Arbeitszeitfrage für die Gesamtwirtschaft kann es nicht geben. Erforderlich seien vielmehr flexible Modelle und Arbeitszeitkorridore, in denen je nach Bedarf mal länger, mal kürzer gearbeitet wird.
Die Forderung nach Flexibilisierung wird bereits umgesetzt - trotz vermeintlich starrer Tarifverträge in den Branchen und Regionen. Längst nutzen die Unternehmen Öffnungsklauseln und schließen für bestimmte Sparten und sogar für einzelne Abteilungen Betriebsvereinbarungen ab. So arbeiten beim Automobilzulieferer Continental Mitarbeiter, die unter den Metalltarif fallen, 35 Stunden, die Angestellten im Chemiesektor 37,5 Stunden und diejenigen, deren Abteilungen von einer Schließung bedroht waren, 40 Stunden.
Für Gardena-Ingenieur Arndt war die 38-Stunden-Woche schon kein Thema mehr, als es sie noch gab. Seine faktische Arbeitszeit hat sich nicht verändert - nur dass er jetzt zwei Stunden mehr im Vertrag stehen hat. Vorher hatten sich bei ihm etwa 400 Überstunden pro Jahr angesammelt. "Für Kollegen, die sich bisher auf einen freien Freitagnachmittag gefreut haben, ist die neue Regelung schon eine Umstellung gewesen", berichtet Arndt. Trotzdem habe sich die Stimmung im Unternehmen nicht verschlechtert. In der Entwicklungsabteilung seien gerade die jungen Ingenieure hoch motiviert. "Die sind ja heute froh, überhaupt einen guten Job zu bekommen."?


Die Tage werden länger

Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen machen die 35-Stunden-Woche zum Auslaufmodell. Die Arbeitszeiten der Unternehmen im Überblick:

Auto / Zulieferer

BMW:
Wochenstunden: 35, (Leipzig 38), 40 Stunden möglich
Änderungen: 300 Zeitmodelle
Überstunden: Freizeitausgleich z.B. bei Produktionsstopps, ansonsten vergütet

DaimlerChrysler:
Wochenstunden: 35, 40 (Forschung & Entwicklung, Planung)
Änderungen: 40-Stunden-Woche für über 10.000 Mitarbeiter seit Juli 2004
Überstunden: Vergütung oder Freizeit

Continental:
Wochenstunden: An jedem vierten Standort 40 ohne Lohnausgleich, Metalltarif 35, Chemietarif 37,5
Änderungen: Keine. Die 40-Stunden-Woche gibt es seit sechs Jahren.
Überstunden: Freizeitausgleich

MAN:
Wochenstunden: 35-40 (AT)
Änderungen: Verlängerung geplant
Überstunden: Freizeitausgleich oder Vergütung, Arbeitszeitkonten


Handel

Metro Group:
Wochenstunden: im Einzelhandel 37,5, im Großhandel 38,5, viele Mitarbeiter haben Teilzeitverträge
Änderungen: Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne Zuschläge geplant, dadurch will der Konzern die Arbeitskosten senken.
Überstunden: nach den tariflichen Regelungen als Freizeitausgleich oder Vergütung


Versicherungen

Allianz:
Wochenstunden: Versicherungen 38, Bank 39
Änderungen: nicht geplant
Überstunden: Überstunden können stunden- oder tageweise abgebaut werden, einmal im Jahr verfallen alle Überstunden, die über einer Grenze von 40 Stunden liegen.
Gratifikationen können in freie Zeit umgewandelt werden.


IT

Infineon:
Wochenstunden: 35-40
Änderungen: 40-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich seit 2000 möglich
Überstunden: Abbau durch Gleitzeit, Rest wird vergütet.

Intel:
Wochenstunden: 38
Änderungen: nicht geplant
Überstunden: Freizeitausgleich für die ersten zehn, danach Auszahlung

Siemens:
Wochenstunden: Je nach Standort 35 oder 40, Vertrauensgleitzeit
Änderungen: in Kamp-Lintford und Bocholt Erhöhung der Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich; in Bruchsal und Kirchheim auf 35 reduziert
Überstunden: v.a. Freizeitausgleich


Transport / Logistik

DB:
Jahresarbeitsstunden: 1.984
Änderungen: Erhöhung auf 2.088 Stunden geplant; das entspricht einer 40-Stunden-Woche.
Überstunden: Freizeitausgleich


Metallverarbeiter

Gardena:
Wochenstunden: 36,5 bis 42 plus
Änderungen: Abschaffung der 35-Stunden-Woche im Juni 2004
Überstunden: Jahresarbeitszeit, Überstunden können in produktionsschwachen Zeiten ausgeglichen werden Industriegüter

Bosch:
Wochenstunden: 35 bis 40; an einigen Standorten bekommen neue Absolventen 40-Stunden-Verträge in Verbindung mit Langzeitkonto.
Änderungen: Mehr Flexibilisierung, um auf verschiedene Auslastungsgrade ohne hohe Zusatzkosten schnell reagieren zu können
Überstunden: Freizeit oder Vergütung


Öffentlicher Dienst

Baden-Württemberg:
Wochenstunden: 41 (Neueinsteiger)
Änderungen: Im Mai wurde die Arbeitszeit der Angestellten in Neuverträgen von 38,5 auf 41 Stunden aufgestockt. Das entspricht der Wochenarbeitszeit der Beamten.
Ziel der Stuttgarter Landesregierung ist es, alle Verträge umzustellen und so die Personalausgaben zu senken.
Überstunden: v.a. Freizeitausgleich

Mecklenburg-Vorpommern:
Wochenstunden: 38,5, Höherverdienende 37
Änderungen: Im Sommer wurden Arbeitszeit und Gehalt gesenkt.
Überstunden: keine

Niedersachsen:
Wochenstunden: 40 (Neueinsteiger)
Änderungen: Für Ein- und Aufsteiger nur noch 40-Stunden-Verträge, statt bisher 38,5
Überstunden: v.a. Freizeitausgleich

Thüringen:
Wochenstunden: 40
Änderungen: Erhöhung auf 41 bis 42 Stunden geplant. Bis 2009 sollen so 7.400 Stellen abgebaut werden.
Überstunden: v.a. Freizeitaugleich

Sachsen-Anhalt:
Wochenstunden: 37 bis 40
Änderungen: 2004 wurde die Arbeitszeit auf 37 bzw. 38 Stunden gesenkt. Erhöhung auf 42 Stunden geplant.
Überstunden: v.a. Freizeitausgleich


"Nebel-Debatte"

Ist die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche zukunftsweisend?

Peter Wippermann: Die Idee ist ungefähr so effektiv wie die Diskussion, ob wir die alte Rechtschreibung wieder einführen sollen. Warum sollte man etwas wieder rückgängig machen, was man Jahre zuvor anders entschieden hat?
Zum Beispiel weil wir zu hohe Lohnkosten haben und günstiger produzieren müssen, um international wettbewerbsfähig zu sein. Ein deutscher Programmierer verdient 58 Euro in der Stunde, ein indischer sieben Euro. Durch ein oder zwei Stunden Mehrarbeit kann das gar nicht ausgeglichen werden. Das ist so, als würde man in einer Sackgasse Gas geben, um schneller vor die Wand zu fahren.


Wie könnten wir stattdessen die Kurve kriegen?

Indem wir diese Nebel-Debatten um Arbeitszeiten beenden, die nur den Blick auf die Frage verschleiern, womit man in Zukunft Geld verdienen kann. Wir müssten viel mehr aus den neuen vernetzten Technologien machen. MP3 zum Beispiel wurde in Deutschland entwickelt, doch wo wird es vermarktet? In Amerika. Apple verkauft heute mehr MP3-Spieler als Laptops. Bei soften Themen wie Unterhaltung und Sport lassen sich noch viele neue Felder erschließen.


Also doch in die Hände spucken und mehr arbeiten?

Vom Acht-Stunden-Tag alter Prägung werden wir uns verabschieden müssen. Die Zukunft liegt im selbstbestimmten Arbeiten, es wird zu einer Fusion von Arbeits- und Freizeit kommen. Ob man dann lange oder kurz arbeitet, ist nicht mehr die Entscheidung derjenigen, die Tarifverträge abschließen. Bei Ebay sind auch nicht weltweit 400.000 Jobs entstanden, weil irgendjemand die Arbeitszeit vorgegeben hat.


Gerade jetzt aber wünschen sich die Leute mehr Sicherheit und einen geregelten Arbeitsplatz. Wie passt das zusammen?

Das ist eine simple psychologische Reaktion auf die Herausforderung, sich umstellen zu müssen. Aber die Sicherheit, auf die wir hoffen, wird es nicht mehr geben. Die Gewinner der Zukunft werden diejenigen sein, die ihre eigenen Ideen umsetzen. Und gute Ideen hat man nicht in einem sauerstoffarmen Büro, sondern unter der Dusche oder beim Joggen.


Die Fragen stellte Dorothee Fricke

Peter Wippermann ist Gründer des Trendbüros Hamburg und Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Essen.

Die besten Jobs von allen

Dieser Artikel ist erschienen am 25.01.2005