Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Geldkaff voller Singles

Petra Hoffknecht | Martin Roos
Foto: Dorothee van Bömmel
In die Mainmetropole kommen die Börsianer, Banker und Berater nicht, um zu wohnen, sondern um zu arbeiten. Doch wer sich einmal auf Frankfurt eingelassen hat, will oft gar nicht mehr weg.
Vor dem Lux, einem Bistro im Frankfurter Bermuda-Dreieck zwischen der Studio Bar und dem Club Monza, ist jeder Tisch besetzt. Investmentbanker Edgar Wilczek, 33, schaut nachdenklich in sein Glas sauer gespritzten Apfelwein. ?Es sind sich so viele sicher, dass der Neue Markt unter die 1000er-Marke fällt“, sagt er zu seinem Tischnachbarn, der wie er bei Concord Effekten arbeitet. ?Und gerade weil es so viele sind, glaube ich nicht dran.“

Zwei junge Männer in weißen Hemden und dunklen Hosen schlendern vorbei. Der eine hat seine Krawatte gelockert, der zweite hat sie bereits im Aktenkoffer verstaut. Bankers Feierabend. Ihr Ziel: das King Kamehameha, eine Institution des Nachtlebens mit höhstem Ansehen beim besser verdienenden Publikum – vor allem aus der Finanzwelt

Die besten Jobs von allen


Und immer drehen sich die Gespräche um das eine: Job und Geld. Von Börsen, Aktienkursen und Finanzen können die 58.000 Beschäftigten in der Frankfurter Bankenwelt eben auch nach Feierabend nicht lassen. ?Dass man sich hier trifft, kann genauso wichtig sein wie der tägliche Gang ins Büro“, sagt Wilczek. ?Kommunikation ist im Investmentbanking alles.“

650.000 Menschen leben in der sechstgrößten deutschen Stadt, die statistisch gesehen mit 569.000 Arbeitsplätzen für bald jeden Einwohner eine Stelle hätte. An Werktagen hält sich knapp eine Million Menschen in Frankfurt auf – nur gut die Hälfte von ihnen aber übernachtet auch in der Main-Metropole. Der Rest pendelt von Aschaffenburg, Mainz oder Gießen am Morgen hinein und am Abend wieder hinaus

Die meisten von ihnen haben Familie. Wer in der City wohnt, ist oft unverheiratet: Frankfurt hat mehr Single-Haushalte als jede andere Stadt in Europa . über 50 Prozent. Jeder vierte Einwohner besitzt einen ausländischen Pass, nur jeder sechste wurde in Frankfurt geboren. Die meisten Einwohner sind also ?Eigeplaggte“, wie die Frankfurter sagen – Zugezogene

Nichts als Arbeit

?Manchen Leuten muss man ziemlich gut zureden, damit sie nach Frankfurt kommen“, sagt Günter Schumann, Geschäftsführender Gesellschafter der Frankfurter Personalberatung Heimeier & Partner. ?Sind die Kandidaten aber erst hier, gefällt es den meisten sehr gut.“ Die vielen Cafés und Biergärten zeigten ja, dass die Stadt lebe.

Blattspinat bei Karin

Im Café Karin am Großen Hirschgraben zum Beispiel ist immer was los: in der einen Ecke Gnochetti- und Blattspinatfresser, in der anderen Zeitung lesende Möchtegern-Literaten; und dazwischen lauter gestylte Typen – ein Banker, ein Unternehmensberater und dann und wann ein Zuhälter

?Grundsätzlich kommt man nach Frankfurt, um zu arbeiten und um in seinem Beruf Erfolg zu haben. Nicht aber, um zu wohnen“, meint Schumann. Das Problem der Stadt: Sie sei zwar attraktiv, müsse aber dieses Bild nach außen stärker vermitteln. Tatsächlich genießt Frankfurt unter Berufstätigen kein gutes Image: Laut einer Emnid-Studie landete die Bankenmetropole bei der Frage, in welcher deutschen Stadt man gerne arbeiten würde, auf dem vorletzten von acht Plätzen. Unbeliebter war nur noch Sachsens Landeshauptstadt Dresden

Concord-Effekten-Händler Edgar Wilczek schert sich wenig um Frankfurts Ruf. Vier Jahre hat er in London gewohnt. Dort hat er seinen Master of Business Administration (MBA) gemacht. Für seinen Job sei er gerne an den Main gekommen. Vor allem reizt ihn das Umland: ?Egal ob Taunus, Rheingau oder Odenwald – ich kann hier viel Sport machen, joggen oder Mountainbike fahren.“

Nur mit der hessischen Mentalität kann sich der gebürtige Hamburger nicht so recht anfreunden. ?Mal babbeln die Leute viel, mal haben sie einen Sturkopf“, meint er. ?Und wenn sie dann freundlich sein wollen, kann das für einen, der nicht aus Frankfurt kommt, durchaus unfreundlich wirken.“

Feine Gesellschaft

Spät am Abend im Kamehameha. In der Szenebude ist jetzt People-Watching angesagt. Geglotzt wird rund um die Bar und hinunter bis ins Atrium. Schöne und Junge wippen mit dem Fuß zu gedämpfter Musik; und Reiche und solche, die es sein wollen, auch. Man fühlt sich hipp, denn sie alle wissen: Frankfurts Ruf als Finanzzentrum ist spitze. Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Arthur Andersen unter Top-Managern weist die Stadt als Wirtschaftsmetropole Nummer zwei in Europa aus – gleich hinter London.

Vier Fünftel des Geldes werden im Dienstleistungssektor verdient – neben den Kredithäusern und Privatbanken entfällt ein großer Teil auf Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte. Die Arbeitslosenquote beträgt 5,5 Prozent

Nach zwei Jahren sechsstellig

Barbarie-Entenbrust mit Morchelsauce, Spargel und Pariser Kartoffeln – das Kamehameha serviert vom Feinsten. Eine Liveband spielt. Leute stehen auf und beginnen zu tanzen. Ein Typ im Anzug mit goldener Master-Karte bezahlt die Rechnung – und zwar für den ganzen Tisch. Lauter Investmentbanker.

Den Jungs scheint’s gut zu gehen. Wer von denen was kann, verdient bereits nach zwei Jahren hohe sechsstellige Jahresgehälter. ?Die Banken zahlen heute so gut, weil der Verdrängungswettbewerb so stark geworden ist“, sagt Arno Mende, Associate Partner des Rekrutierungsunternehmens Russel Reynolds in Frankfurt. ?Viele Banken haben keine Zeit mehr, junge Hochschulabsolventen zu holen und auszubilden. Die wollen direkt Spitzenleute haben.“ Die Bankgruppen würden den Konkurrenten auch ganze Abteilungen wegkaufen. ?Team-Moves sind sehr angestiegen.“

Vor ein paar Monaten hat Mende eine 15-köpfige Aktienabteilung von einer deutschen zu einer ausländischen Bank vermittelt. ?Da waren die Deutschen natürlich nicht sehr begeistert.“ Später sei das ganze Team aber komplett wieder zurückgewechselt. Wie und warum, das will keiner so richtig sagen.

Der Barkeeper schweigt

?Das sind die Geheimnisse des Networkings“, meint Concord-Effekten-Händler Wilczek. Er lächelt und schweigt. Der Einzige, der Details über Deals und Wechselmanöver wissen könnte, wäre der Barkeeper im Kamehameha. An seiner Theke plaudern die Banker. Doch auch er schweigt. Schließlich will er keine Kunden verlieren.

Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2001