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Geld vom Unternehmen für Gemobbte

Die Fragen stellte Claudia Tödtmann, Handelsblatt
Erstmals hat ein Gericht in Deutschland einem Mobbing-Opfer eine erkleckliche Schmerzensgeldzahlung gegen seinen Arbeitgeber zugesprochen.
Das Arbeitsgericht Dresden verurteilte einen Arbeitgeber - es war der Freistaat Sachsen - einer Sachbearbeiterin vom Landesamt für Umwelt und Geologie 40 000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz wegen schwerer Persönlichkeitsverletzung plus Verdienstausfall von 22 000 Euro zu bezahlen(Aktenzeichen 5 Ca 5954/02). Diese Summe ist exorbitant hoch und der Arbeitgeber musste für das Fehlverhalten seiner Führungskräfte zahlen. Zum Vergleich: In England bekam ein Mobbing-Opfer sogar 1,4 Millionen Euro. Das Handelsblatt sprach mit Stefan Simon, Arbeitsrechtler bei der Anwaltskanzlei Clifford Chance in Frankfurt, über den Fall und seine Bedeutung.Frage: Was hatte man der Frau in der sächsischen Behörde angetan?

Die besten Jobs von allen

Simon: Sie war ständig Schikanen, Diskriminierungen und Anfeindungen ausgesetzt, urteilte das Gericht. Sie musste Hilfsarbeiten und unerfüllbare Aufgaben verrichten, Kollegen behinderten sie in ihrer Arbeit. Von der Abteilungsbesprechung wurde sie ausgeschlossen. Insgesamt kamen rund 30 verschiedene Vorwürfe zusammen. Am Ende musste die Frau in psychotherapeutische Behandlung und konnte nicht mehr arbeiten.Was ist die Konsequenz aus dem Urteil? Es stellt klar, dass Arbeitgeber in so einem Fall nicht tatenlos bleiben dürfen. Auch die in der Privatwirtschaft haben diese Fürsorgepflichten gegenüber ihren Mitarbeitern. Führungskräfte müssen sie vor Diskriminierungen und Anfeindungen auch von Vorgesetzten und nachgeordneten Kollegen schützen. Nötigenfalls müssen die Unternehmen sogar Mobber fristlos entlassen. Sieht der Arbeitgeber dagegen nur tatenlos zu, riskiert er sogar Schmerzensgeld.Wird es jetzt landauf, landab teuer für Arbeitgeber? Nur wenn sie systematisches Mobben zulassen, das einzig und allein das Ziel hat, das Opfer aus dem Job zu drängen. Man muss hier unterscheiden: Es genügt nicht, dass jemandem missliebige Arbeiten übertragen werden. Die Anfeindungen müssen systematisch sein, sie müssen aufeinander aufbauen oder ineinander greifen. Ein einzelner Ausrutscher reicht nicht.Was raten Sie Betroffenen? Alles Geschehene sollten Gemobbte aufschreiben, mit Datum und Zeugen. Wenn möglich, sollten sie die Kollegen als Zeugen bitten, ihre Protokolle mit zu unterzeichnen. Bevor man sich nach außen wendet, sollten sich Mobbingopfer intern bei Betriebs- oder Personalrat sowie die nächsthöheren Vorgesetzten informieren....und was raten Sie Unternehmenslenkern? Das Wichtigste ist, dass der Arbeitgeber allen mitteilt, dass er Mobbing nicht duldet - seien es Beleidigungen oder Eingriffe in die Gesundheit. Unternehmen müssen auch tatsächlich dagegen vorgehen: durch Abmahnung zum Beispiel oder sogar durch Kündigung. Manchmal stimmt nur die Chemie zwischen zwei Menschen nicht und es genügt vollkommen, sie in verschiedene Abteilungen zu versetzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.02.2004