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Gehälterkrieg um Top-Junganwälte

Von Katrin Terpitz
Die Zeiten, in denen Kanzleien ihre Nachwuchsprobleme mit Stellenanzeigen bewältigten, sind vorbei. Heutzutage müssen sich Spitzenkanzleien etwas einfallen lassen, um die Top-Kandidaten für sich zu gewinnen. Denn Bewerber mit glänzenden Examina sind hart umkämpft.
Die klassische Stellenanzeige ist als Köder passé. Grafik: HB
?Auf den Spuren eines Genies? ? der Titel der Caravaggio-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast schien der US-Kanzlei Shearman & Sterling als Motto gerade recht, um selbst juristische Überflieger aufzuspüren. Im Anschluss an Sektempfang und Exklusivführung können sich demnächst handverlesene Bewerber und Kanzleimitarbeiter bei Wein und Käse beruflich näher kommen. ?Brain meets art? ist nur ein ausgefallener Versuch von Kanzleien, Top-Kandidaten für sich zu gewinnen. Denn: ?Die Zeiten der klassischen Stellenanzeige als Breitbandantibiotikum gegen Nachwuchsprobleme sind vorbei?, Rainer Wilke, Partner bei Shearman.Spitzenkanzleien müssen sich etwas einfallen lassen, denn Bewerber mit glänzenden Examina sind rar und hart umkämpft. Ganz anders noch vor zwei Jahren, als kaum Partner ernannt wurden. In diesem Jahr sind immerhin 880 neue Stellen zu besetzen, hat das Juve-Karrieremagazin ?Azur? errechnet. ?Der Markt hat sich in kürzester Zeit total gewandelt. Bei gleicher Zahl von Top-Absolventen suchen Unternehmen, Kanzleien und Spin-offs mit Hochdruck ? denn deren Geschäfte brummen?, beobachtet Mathieu Klos, leitender ?Azur?-Redakteur.

Die besten Jobs von allen

Was im Kampf um die Talente inzwischen immer mehr zählt, ist das Geld ? obwohl die meisten Kanzleien schon immer fürstlich entlohnt haben. Vier Jahre lang aber hatte es fast keine Gehaltssteigerungen gegeben, weiß Klos. ?In Bewerbungsgesprächen der letzten 18 Monate mussten wir feststellen, dass das Salär bei der Auswahl des Arbeitgebers sehr wohl einer der maßgeblichen Faktoren ist?, berichtet Wilke von Shearman.
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Im Mai eröffnete dann die Traditionskanzlei Hengeler Mueller den ?Gehälterkrieg?, so Klos. Sie hob das maximale Jahresgrundgehalt für Einsteiger um 10 000 auf 90 000 Euro an. Gleiss Lutz und Freshfields, die lange im Gleichschritt marschiert waren, erhöhten bald darauf auf 95 000 Euro.Die magische Schallmauer von 100 000 Euro Einstiegsgehalt für Associates durchbrach im Oktober als erster Shearman ? eine satte Steigerung um fast 18 Prozent. ?Wir haben dem Markt mit einem sechsstelligen Betrag ein Zeichen geben wollen?, begründet Wilke. Kurz darauf zogen Latham & Watkins, Milbank Tweed sowie Skadden Arps gleich. Laut ?Azur? liegt das Einstiegsgrundgehalt bei 40 Top-Kanzleien heute im Schnitt bei 84 800 Euro, ein Plus von 9,5 Prozent zum Vorjahr.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Absolute Top-Gehälter für Associates bei Milbank Die absoluten Top-Gehälter zahlt Milbank ? ein fixes Einstiegsgehalt von 100 000 für alle plus Bonus, abhängig von Berufsjahr und Kanzleierfolg. Norbert Rieger, Partner der US-Kanzlei in München, betont: ?Ab dem vierten Jahr liegen unsere Grundgehälter deutlich über dem Wettbewerb. Inklusive Boni lag Milbank schon immer weit über dem Markt.? Konkret: Satte 200 000 Euro bekommen im sechsten Jahr alle plus Bonus bis 15 Prozent. Da kann so mancher Vorstand erblassen.Der Grund für die fürstlichen Saläre: ?Nur ein ganz kleiner Kreis von etwa drei Prozent erfüllt unsere Qualitätsansprüche ? hervorragende Examina, möglichst noch Doktorhut und Auslandserfahrung?, so Rieger. Zweimal die Note ?voll befriedigend? erwarten praktisch alle Top-Sozietäten. Zudem wird der Master of Law (LL.M.) immer bedeutsamer. Managing Partner Markus Hartung von Linklaters formuliert bereits so: ?Der Doktortitel schadet nicht. Der LL.M. aber ist wichtiger. Der Jurist hat länger in einem anderen Kulturkreis gelebt, spricht fließend Englisch. Zudem hat er unternehmerisch in seine Karriere investiert. Bewerber mit voller Kriegsbemalung aber ? Doppelprädikat und beiden Titeln sind selten.? Auch bei Gleiss Lutz, wo jeder Partner promoviert sein muss, hat schon jeder zweite Neueinsteiger einen LL.M., berichtet Ulrich Baeck, Partner in Frankfurt. ?Viel zu wenige Bewerber machen einen LL.M., sie unterschätzen die Bedeutung einer internationalen Ausbildung?, meint auch Klos.Formale Kriterien aber sind längst nicht alles für Kanzleien. Rieger: ?Associates müssen sich als Dienstleister verstehen. Wichtig sind Kommunikationsstärke und Teamgeist, wenn etwa bei Transaktionen bis zu zehn Leute zusammenarbeiten.? Entscheidend ist auch, dass ein Associate Mandanten an sich bindet. Baeck von Gleiss: ?Er muss Menschen gewinnen und in schwierigen Situationen Halt geben.?Der Druck auf Associates ist stark, auch wenn viele Kanzleien von Umsatzvorgaben abgerückt sind. Immerhin hat der durchschnittliche Stundensatz von Associates die Marke von 200 Euro durchbrochen, so die Handelsblatt-Umfrage (siehe Seite 1). ?Ein Junganwalt sollte ab dem dritten Jahr profitabel sein, gute schaffen es im ersten Jahr?, so Klos.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Warum Top-Kanzleien immer stärker auf die hauseigene Weiterbildung setzen.?Associate in einer Top-Kanzlei ist ein knochenharter Job mit wenig Privatleben?, so Klos. Wilke von Shearman: ?Wir nehmen das Leben unserer Mitarbeiter außerhalb der Sozietät ernst, wollen aber nichts schönreden. Wer in der Top-Liga mitspielen will, muss Höchstleistung bringen.? Rieger beobachtet, dass die Work-Life-Balance heute eine größere Rolle spielt. ?Wer immer 60 Stunden die Woche arbeitet, kann nicht kreativ sein. In heißen Phasen wird viel gearbeitet, in ruhigeren die Batterie aufgeladen. Wir zahlen nicht dafür Top-Gehälter, dass sich Associates totschuften und nach drei Jahren ausgebrannt sind.?Immer mehr Gewicht legen Top-Kanzleien auch auf die hauseigene Weiterbildung. Der Grund: ?Die juristische Ausbildung ist zu wenig auf unsere Praxis ausgerichtet?, so Rieger. Gerade in boomenden Rechtsgebieten wie Transaktionen, Banken- oder Aktienrecht kennen sich Frischexaminierte kaum aus. Milbank-Associates erhalten bei Lecture Lunches und diversen Seminaren den letzten Schliff.Auch Linklaters, in einer Umfrage unter Associates zur Juve-Nachwuchskanzlei des Jahres gewählt, hat seit fünf Jahren maßgeschneiderte Programme. Hartung: ?Wir bieten vielleicht nicht die allerhöchsten Gehälter, aber dafür viele andere Vorzüge.? Neben Fachschulungen gibt es u.a. solche für Präsentation und Rhetorik ? auch auf Englisch. ?Wer bei uns war, ist exzellent ausgebildet und sehr attraktiv auf dem Arbeitsmarkt?, betont Hartung. ?Denn selbst die Partnerschaft ist in vielen Kanzleien längst keine Lebensstellung mehr.? Meist dienen Top-Kanzleien als Sprungbrett für eine Karriere bei kleineren Wettbewerbern ? oder in einem Konzern. Klos: ?Die zahlen zwar deutlich weniger, dafür fehlt der Umsatzdruck.?
Dieser Artikel ist erschienen am 28.11.2006