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Gehälter am Boden der Realität

Von Klaus Leciejewski, Chef der Personalabteilung bei KDL-Consulting
In den zurückliegenden zwei Jahren hat sich der Arbeitsmarkt in Deutschland völlig gedreht. Bei einem Arbeitgeberwechsel gilt es umzudenken: Marktgerechte Vergütung bedeutet heute, sich auf einen Rückschritt einzustellen.
In den zurückliegenden zwei Jahren hat sich der Arbeitsmarkt in Deutschland völlig gedreht. Die Nachfrage nach Fach- und Führungskräften ist auf einen historisch geringen Stand gefallen. Zwar stellen nach wie vor viele Unternehmen ein. Zum Teil ersetzen sie ausscheidende Führungskräfte oder sie bauen spezielles Know-how in Unternehmen aus. Im Unterschied zu früheren Zeiten können sie sich aber ihren Kandidaten unter einer viel größeren Zahl von Bewerbern aussuchen.Das wirkt sich auch erheblich auf die Vergütung aus. Viele der bisherigen Gehälter kamen auf Grund der überhitzten Nachfrage zu Stande. Oft waren die Firmen zu übertriebenen Löhnen bereit. Jetzt passen die Unternehmen die Gehälter dem Angebot und der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt an.

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Sowohl bei einem Neueinstieg als auch bei einem Karriereschritt müssen sich Führungskräfte an die neuen Rahmenbedingungen gewöhnen. Bei Gehaltsverhandlungen sollten sie folgendes im Hinterkopf behalten:
  1. Bei einer Neueinstellung ist in der Regel nicht mehr die frühere Gehaltshöhe zu erreichen. Marktgerechte Vergütung bedeutet heute sich auf einen ? wenn auch zeitweiligen ? Rückschritt einzustellen. Eine gleiche Leistung wie früher kann unter den derzeitigen Marktbedingungen durchaus geringer vergütet werden. Der Markt für Gehälter der Führungskräfte ist keine Einbahnstraße.
  2. Dieser Rückschritt bedeutet keine Rückstufung in Kompetenz oder Verantwortung. Er bedeutet eine Einordnung in das neu strukturierte Gehaltsgefüge des Unternehmens. Damit ist jedoch keine Präjudizierung späterer Gehaltssteigerungen oder Karriereschritte verbunden.
  3. Gehaltssteigerungen von 10 bis 30 Prozent lassen sich nicht mehr durchsetzen. Nur in besonderen Fällen sind die Unternehmen bereit, spürbare Gehaltssprünge zu gewähren. Entscheidender als diese sind für den Kandidaten jedoch die Zukunftsperspektiven, die an die Position gebunden sind. Wer sich beruflich weiter entwickeln kann, sollte die Gehaltshöhe nicht überbewerten.
  4. Überhaupt orientieren sich die Funktion und der Verantwortungsbereich einer Position nicht generell an einer bestimmten Gehaltsgröße. Die Unternehmen sehen bei Neueinstellungen oder Karriereschritten weitaus intensiver als früher auf die gelösten Aufgaben als einen Gehaltsgrößenvergleich zu bemühen. Ein Rückschritt im Gehalt kann einen Fortschritt in der beruflichen Entwicklung bedeuten.
Quelle: Handelsblatt
Dieser Artikel ist erschienen am 27.11.2002