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Gegen den Strom

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
Das Lächeln wirkte gepresst. ?Ich hoffe, dass sich nicht alle Prognosen erfüllen. Ein Magazin prophezeit mir ja bereits, dass ich dieses Jahr meinen Job verliere?, sagte Börsenaugur Richard Bernstein selbstironisch vergangenes Jahr beim Expertengespräch der New Yorker Analystenvereinigung NYSSA.
NEW YORK. Einen Moment lang wussten die Zuhörer im edlen Harvard-Club nicht, ob sie peinlich berührt wegschauen oder mitlachen sollten.Bernstein stand im vergangenen Jahr unter Druck. Denn mit seiner pessimistischen Prognose für das US-Börsenjahr 2003 lag der US-Chefstratege der New Yorker Investmentbank Merrill Lynch daneben. Auch 2004 liefen US-Aktien besser, als Bernstein vorhersagte. Zwei Jahre hintereinander vom stets optimistischen Trend abweichen und damit falsch liegen ? das kostet an der Wall Street leicht den Job.

Die besten Jobs von allen

Aber Bernstein behielt nicht nur seinen Job. Kürzlich wählten ihn 3 400 Fondsmanager sogar zum besten Anlagestrategen der USA. In der jährlichen Rangliste des Fachblatts ?Institutional Investor? landete der Merrill-Mann ganz vorne, vor optimistischeren Rivalen wie Abby Joseph Cohen von der Investmentbank Goldman Sachs.?Bernstein schwimmt gegen den Strom, und das spornt zum Nach-denken an?, lobt ein New Yorker Fondsmanager. Auch für das neue Jahr bleibt der Merrill-Experte seinem Ruf als ?Bär? (Börsenpessi-mist) treu. Zwar hat der Bär nach zwei unerwartet guten Aktienjahren Kreide gefressen und spricht nicht mehr von drohenden Kursverlusten, sondern nur von ?begrenztem Aufwärtspotenzial?.Doch der empfohlene Aktienanteil im Merrill-Lynch-Musterportefeuille ist mit 45 Prozent der niedrigste unter dreizehn Wall-Street-Häusern, die von der Agentur Dowjones befragt wurden. Bernstein rät, mehr Geld in sichere Staatsanleihen zu investieren und den Börsen zu misstrauen. Er empfiehlt allenfalls ?Qualitätsaktien?, also Aktien stabiler Unternehmen, die auch in schwierigen Konjunkturphasen solide Erträge und Dividenden versprechen.Von der Meinung anderer Strategen hält Bernstein wenig. Er hat sogar einen Anti-Indikator entwickelt, der die Empfehlungen der Wall-Street-Strategen misst ? und dann dazu rät, stets das Gegenteil von dem zu tun, was die meisten Strategen gerade empfehlen. In der Vergangenheit funktionierte diese Taktik. ?Bereits 2004 dachten alle, dass die Anleihekurse einbrechen würden?, sagt Bernstein, ?stattdessen haben Zinspapiere sich gut entwickelt.? Das sollte laut Bernstein dieses Jahr erneut der Fall sein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Oft technisch-trockene ArgumenteDer athletisch gebaute 46-Jährige mit dem fast kahlen Kopf zählt nach 16 Berufsjahren bei Merrill Lynch fast schon zu den Veteranen in der schnelllebigen Wall-Street-Welt. Bernsteins Studien gehen an Merrills Kunden und an die mehr als 14 000 Wertpapierberater der nach Bilanzsumme weltgrößten auf das Investment-Banking konzentrierten Bank.Mit seinen oft technisch-trockenen Argumenten taugt Bernstein nicht zum Guru für die Masse der Privatanleger. Seine Prognosen begründet er gerne mit komplexen mathematischen Modellen. Zuweilen muss er seine Argumente bei Telefonkonferenzen mit Fondsmanagern mehrfach wiederholen, weil selbst die Profis nicht mehr mitkommen. Den Großteil seiner bisherigen Wall-Street-Karriere verbrachte er als so genannter quantitativer Analyst, der mathematische Variablen und fundamentale Daten zur Börsenprognose nutzt. Diese handwerkliche Bodenhaftung half ihm in den späten 90er-Jahren. Damals warnte er als einer von ganz wenigen Wall-Street-Analysten frühzeitig vor dem drohenden Ende der Internet-Börseneuphorie. Der Einbruch der Aktienkurse zwischen dem Frühjahr 2000 und Anfang 2003 bescherte ihm einen Karrieresprung. Er stieg zum US-Chefstrategen auf und verantwortet seitdem die Börsenprognosen.Dass die US-Börsen sich 2003 und 2004 besser entwickelten als von Bernstein vorhergesagt, schadete seinem Ruf kaum. ?Investoren verzeihen derzeit eine zu zurückhaltende Prognose nach dem Motto ?Das lief ja besser als erwartet??, sagte Tim Swanson, der große Privatvermögen bei der US-Bank National City Corp verwaltet, der Agentur Bloomberg.Warren Buffett, der legendäre US-Investor und zweitreichste Mann der Welt, zählt Sturheit und den Willen, gegen den Strom zu schwimmen, zu den wichtigsten Börsentugenden. Diese Eigenschaften besitzt Bernstein zweifellos.Distanz zur eigenen Zunft verrät dieser auch in seinem jüngsten Buch mit dem Titel ?Navigieren durch den Krach ? Investieren im neuen Zeitalter von Medien und Hype? ( John Wiley & Sons). Darin kritisiert er die Informationsflut, die täglich Anleger überschwemmt. Sie sei eher schädlich als nützlich für die erfolgreiche Geldanlage, findet er. Gegen den Zeitgeist schwimmt er auch privat als Fan des Fußballclubs Tottenham Hotspurs, der zuletzt 1961 den englischen Meistertitel holte.Zwar trägt er selbst mit seinen Marktkommentaren zur Informationsflut bei. Anders als mancher Kollege treibt er jedoch nicht jede Woche eine neue Sau durchs Dorf ? sprich: Er propagiert nicht ständig neue Anlagetrends.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.02.2005