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Gegen Aldi und die anderen

Von Holger Alich, Handelsblatt
Michel-Edouard Leclerc, Chef von Frankreichs Supermarktriese Leclerc, kämpft für niedrige Preise.
PARIS. Der Handel ist eine verschwiegene Branche. Die Chefs und Eigentümer großer Ketten wie Aldi, Lidl oder Carrefour meiden die Öffentlichkeit. Aber Michel-Edouard Leclerc ist anders. Der Präsident der französischen Supermarkt-Gruppe E.Leclerc, die nur Leclerc genannt wird und mit Carrefour zu den größten des Landes zählt, meldet sich beinahe wöchentlich zu Wort, per Interview. Schließlich befindet sich der Mann auf einer Art Kreuzzug. Sein Credo: ?Wir müssen die Preise senken.?Seit Jahren kämpft er dafür, gängige Markenprodukte wie Danone-Joghurt oder L?Oréal-Shampoo billiger verkaufen zu dürfen. Doch starre Gesetze in Frankreich schränken seinen Verhandlungsspielraum mit den Zulieferern ein. Jetzt scheint Frankreichs Robin Hood für kleine Preise endlich am Ziel: Anfang des Jahres stellte Premierminister Jean-Pierre Raffarin die geforderte Liberalisierung in Aussicht.

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Mit seiner ?Methode Leclerc? erreicht der 52-Jährige gleich mehrere Ziele: Er schärft das Profil der Leclerc-Gruppe, seinen Kunden die günstigsten Preise zu bieten. Denn Leclerc machen die deutschen Discount-Größen Aldi und Lidl immer mehr zu schaffen. Gleichzeitig bekommt die französische Handelskette durch seine Medienkampagne ein Gesicht; Leclerc gilt in Frankreich als einer der beliebtesten Unternehmer. Und zu guter Letzt hat er sogar die Regierung überzeugt. Premierminister Raffarin erklärte höchstpersönlich den ?Kampf gegen die Teuerung? zu einem Regierungsziel.?Kommunikation ist das Einzige, worin Leclerc wirklich gut ist?, ätzt ein Konkurrent. Der so Angefeindete schießt zurück: ?Ich widme höchstens zehn Prozent meiner Zeit der Kommunikation.? Und er setzt nach: ?Aber da einige meiner Wettbewerber in einer Welt der Paranoia leben, mag das schon als zu viel erscheinen.?Um seine Forderungen durchzusetzen, ist Leclerc nicht gerade zimperlich: Mitten im Wahlkampf zu den Regionalwahlen im vergangenen Frühjahr lässt er 17 000 Plakatwände in ganz Frankreich bekleben, um sich über die offizielle Wirtschaftsstatistik lustig zu machen. ?Wer glaubt, dass seine Kaufkraft zunimmt, der muss auf einem anderen Planeten leben?, höhnt das Plakat, auf dem ein schwebender Hund mit Raumfahrer-Helm auf dem Mond zu sehen ist. Regierung und Statistikamt toben.Schon sein Vater Edouard hatte keine Scheu, sich mit den Autoritäten anzulegen. Er gründete die Handelskette 1949. Seine Idee: Produkte des täglichen Lebens in großer Stückzahl möglichst direkt beim Hersteller einkaufen und dann die Konkurrenz unterbieten. Zehn Jahre später gibt es zehn Leclerc-Läden. Die Konkurrenten versuchen alles, um den neuen Billig-Heimer loszuwerden; sie üben Druck auf Großhändler aus, Leclerc nicht mehr zu beliefern, und wirken auf Behörden ein, eine Steuerprüfung vorzunehmen. Doch Vater Edouard kämpft weiter, mit Erfolg.1978 steigt Sohn Michel-Edouard als technischer Berater in der Kette ein. Bereits sieben Jahre später wird er Co-Präsident der Gruppe neben seinem Vater. Ihm selbst gehört da-bei kein einziger Supermarkt; denn Leclerc arbeitet wie eine Genossenschaft, ähnlich wie Rewe und Edeka. Da sind allerdings Großhändler die Eigentümer der Märkte, bei Leclerc sind es die lokalen Händler. Leclerc stellt ihnen den Markennamen und Werbeunterstützung zur Verfügung. Gesteuert wird die Gruppe durch einen Verein der Markt-Besitzer, dem Vater und Sohn vorstehen. Operativ hat mittlerweile Sohnemann Michel-Edouard das Sagen. ?Ich bin kein Patron wie alle anderen, aus dem einfachen Grund, weil ich auf meinen Posten gewählt worden bin?, sagt Leclerc.Ungewöhnlich ist auch seine persönliche Kommunikationsstrategie: Er duzt nach kurzer Zeit fast jeden. ?Das macht er auch, wenn keine Journalisten in der Nähe sind?, sagt ein Handelsmanager, der den verheirateten Vater von vier Kindern seit Jahren kennt. Leclercs spitzbübisches Lächeln wirkt nicht aufgesetzt: Er ist offen und zugänglich und hat viel Humor. Bei einer Pressekonferenz pflaumt er eine Journalistin an: ?So, ich fang jetzt hier mal an, wenn mich Laurence lässt ...?Sein lockerer Ton kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der leidenschaftliche Sammler von Comics ? er besitzt über 6 000 Bände ? Anhänger einer strengen Managementmethode ist, des Managements der Pappordner: Darin sortiert er penibel E-Mails, Berichte, Briefe und Notizen: Grün für Handelsthemen, Gelb für Kommunikation und Rot für alles rund um die Leclerc-Märkte, von denen es heute über 500 gibt, auch in Polen und Spanien. ?Auf diese Weise füttere ich gleichzeitig zwischen 200 und 300 Ordner, das ist ein sehr effizientes System, ich mache selten Fehler?, beschreibt er die Vorteile.Diese akribische Vorbereitung verschreibt sich Leclerc auch vor seinen TV-Auftritten ? aus purer Nervosität. Denn trotz seiner vielen Interviews hat Leclerc immer noch heftiges Lampenfieber. ?Am Vortag schlafe ich kaum, sondern bereite mich lieber gründlich vor?, gesteht der Kämpfer für niedrige Preise.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.02.2005