Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Gefürchtet und verehrt

Von Mathias Brüggmann
Schüchternheit und anfängliche Unsicherheit hat er längst abgestreift: Alexej Miller hat Gazprom zum mächtigsten Gaskonzern der Welt gemacht. Der Aufsichtsrat dankt ? und verlängert am Mittwoch seinen Vertrag.
Alexej Miller wird für seine Arbeit belohnt. Foto: AP
MOSKAU. ?Wenn man uns nicht in Europa expandieren lässt, dann liefern wir unser Gas eben nach China und in die USA.? Die Worte des stämmigen Mannes, der mit hochrotem Kopf spricht, sorgen für eisiges Schweigen im Saal des Palais der österreichischen Residenz in Moskau.Den 25 EU-Botschaftern vergeht von der einen auf die andere Sekunde der Appetit auf Wiener Schnitzel und Kartoffelsalat. Vier Monate hatten sie auf den Auftritt von Alexej Miller gewartet. Bereits im Januar wollten sie den Chef des weltgrößten Gaskonzerns Gazprom sprechen. Doch auf dem Höhepunkt der Gaskrise zwischen Russland und der Ukraine hatte er keine Zeit. Jetzt, im April ist er endlich da ? und zieht so vom Leder.

Die besten Jobs von allen

?Dem ist die Macht ja gehörig zu Kopf gestiegen?, entfuhr es einem Beteiligten. Fast zwei Stunden hatte Miller beim Essen nahezu ununterbrochen gesprochen. Wie immer so leise, dass er seine Gegenüber zum Zuhören zwang. Bevor die hohen Herren groß nachfragen konnten, war Schluss. Miller machte sich auf zu ?weiteren, wichtigen Terminen?.Schüchternheit und anfängliche Unsicherheit hat Alexej Borisowitsch Miller ? so sein vollständiger Name ? längst abgestreift.Der 44-Jährige, der wegen seiner Schweigsamkeit mal ?ein sowjetischer Spion? genannt wurde, ist stolz auf seine Leistung. Miller, zu Beginn seiner Gazprom-Karriere oft als Kreml-Anhängsel verspottet, ist heute einer der erfolgreichsten Manager der Welt: Bei seinem Amtsantritt vor fünf Jahren war Gazprom an der Börse erst 9,8 Milliarden Dollar wert. Inzwischen kommt das Unternehmen auf 201 Milliarden Dollar. Zwischenzeitlich war Gazprom sogar fast 300 Milliarden Dollar wert und lag hinter General Electric und Exxon-Mobil weltweit auf Platz drei.?Bronze haben wir schon und sind dicht an Silber dran?, lobt sich Miller selbst. Er hat den Umsatz des weltgrößten Gasförderers seit 2001 von 19,5 Milliarden Dollar auf 46 Milliarden Dollar sowie den Gewinn von 361 Millionen auf 17,9 Milliarden Dollar gesteigert, wie die Investmentbank Deutsche UFG ausrechnete.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Belohnung erhält Miller am MittwochDie Belohnung erhält Miller am Mittwoch. Der Aufsichtsrat des mehrheitlich vom russischen Staat kontrollierten Konzerns wird auf seiner Sitzung den Vertrag des Konzernchefs um weitere fünf Jahre verlängern. Einstimmig, wie es aus Unternehmenskreisen heißt.Der am Finanz- und Wirtschaftsinstitut seiner Heimatstadt Sankt Petersburg Promovierte und langjährige enge Mitarbeiter des dortigen früheren Vizebürgermeisters und heutigen Kreml-Chefs Wladimir Putin war am 30. Mai 2001 als neuer Gazprom-Chef installiert worden ? persönlich von Putin. Daraufhin sanken die Gazprom-Aktien um 14,5 Prozent.Heute genießt der Herr über 330 000 Mitarbeiter und 153 000 Pipeline-Kilometer im Lande ein hohes Ansehen. Das liegt auch daran, dass er die von seinen Vorgängern in Insiderdeals verscherbelten Tochterfirmen wieder heim ins Gazprom-Reich geholt hat.Das umfasst heute, wie Kritiker wie Wadim Klejner vom Investmentfonds Hermitage bemängeln, neben der Gasförderung eben auch eine eigene Fluglinie, Sanatorien und Erholungsheime, bis hin zur eigenen Bank, Plastikfabriken und Wodkadestillen.?Wir wollen die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren und auch im Öl- und Stromsektor zum führenden vertikal integrierten Weltkonzern werden?, verteidigt Miller seine Strategie, der mit einem überdimensionalen Globus im Besprechungszimmer die globale Rolle Gazproms verdeutlicht.Gerade dass er kein ?Gasowik?, also Teil der Gazprom-Dynastie, war, habe ihm bei den anstehenden Aufräumarbeiten im damals maroden Unternehmen geholfen, sagen Wegbegleiter. Aber der ?Putin-Protegé?, wie die Zeitung ?Nesawissimaja Gasjeta? Miller nennt, hat sich indes nie richtig von seinen politischen Fesseln lösen können. Seine größte Niederlage: Ihm gelang es nicht, die von ihm und Putin verkündete Fusion Gazproms mit dem Staatsölkonzern Rosneft zu vollziehen ? der Widerstand im Kreml war zu stark.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sogar Late-Night-Talker Schmidt macht Witze auf Kosten des KonzernsDie Presse kritisiert den Gazprom-Chef ? der sich wie Putin einen Labrador hält, Wodka strikt ablehnt und Ski fährt ? dennoch selten.Zwar klagen Insider, dass ?bei Gazprom heute bei Aufträgen so viel Geld geklaut wird wie nie zuvor?. Doch in Russland kann dies kaum jemand erfahren. Denn Gazprom-Media ist mit seinen Fernseh- und Hörfunksendern, Zeitungen und Zeitschriften längst auch zum größten Medienkonzern zwischen Sankt Petersburg und dem Pazifik geworden. ?Wer in Russland als Journalist noch etwas werden will, wird einen Teufel tun und Miller oder Gazprom kritisieren?, merkt ein Moskauer Medienmanager kritisch an.Während Miller den früher eher farblosen Namen Gazprom in seinem Heimatland zu einer anerkannten Marke gewandelt hat, sorgt er mit seinem harschen Auftreten im Westen für ein schlechtes Image des russischen Exportmonopolisten. Das beschreibt das Moskauer Wirtschaftsblatt ?Wedomosti? so: ?Mit Gazprom kann man in Europa mittlerweile Kinder erschrecken.?Sogar Late-Night-Talker Harald Schmidt macht Witze auf Kosten des Konzerns. Einer geht so: ?Rudi Assauer verlässt Schalke. Danke, Rudi! Für mich bleibt Assauer der Hoeneß der Herzen! Ein Zigarrenraucher, der bei den Weibern ankommt, der finanzielles Chaos hinterlässt ? vielleicht ist er bald Manager bei Gazprom.?
Alexej Miller1962 Er wird am 31. Januar in Leningrad geboren. Später macht er seinen Abschluss an der Leningrader Finanz- und Wirtschaftsakademie und promoviert.1991 Er arbeitet für den Sankt Petersburger Bürgermeister.1996 Er wird Direktor beim Sankt Petersburger Hafen.1999 Er wird Generaldirektor der Baltischen Pipeline-Systeme.2000 Er wird Vize-Energieminister der Russischen Föderation.2001 Er wird Konzernchef des Energiekonzerns Gazprom.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.05.2006