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Gefühle und Gedanken

Susanne Weber
Ein Grund für übersteigerte Prüfungsängste können irrationale Überzeugungen sein, die oft im verborgenen wirken und uns gar nicht bewusst sind. Oft ist die Angst so stark, als ob die Situation wirklich lebensbedrohlich wäre.
Ein Grund für übersteigerte Prüfungsängste können irrationale Überzeugungen sein, die oft im verborgenen wirken und uns gar nicht bewusst sind. Oft ist die Angst so stark, als ob die Situation wirklich lebensbedrohlich wäre. Eine Prüfung wird aber nicht darüber entscheiden, ob das gesamte weitere Leben erfüllend sein wird; viele Lebensfreuden sind unabhängig von Prüfungsergebnissen. Auch wenn dem bei klarem Verstand jeder zustimmen wird, sollte man einmal den eigenen inneren Stimmen lauschen, die von der eigenen Wertlosigkeit nach einer vermasselten Prüfung reden. Nur wenn einem diese Stimmen bewusst werden, können sie beeinflusst und irrationale Überzeugungen durch rationale ersetzt werden. Dazu gehört auch, übersteigerte Erwartungen an sich selbst aufzugeben: Man muss nicht supercool in die Prüfung gehen, Nervosität ist erlaubt. Auch Fehler, Stammeln und Stocken in der Prüfung sind nicht unbedingt Minuspunkte: Schwächen wirken sympathisch. Kein Prüfer erwartet einen perfekten Vortrag von seinem Prüfling.In eine ähnliche Richtung geht der Vorschlag der beiden Psychologen Werner Metzig und Martin Schuster, mit der eigenen Angst in einen Dialog zu treten. Wer versucht, seine Angst zu ignorieren, wird damit keinen Erfolg haben ? im Gegenteil: Je mehr man versucht, seine Angst zu unterdrücken, desto größere Ausmaße nimmt sie an und desto eher entwickelt man die Angst vor der Angst. Besser ist es nach der Meinung von Metzig und Schuster, sich mit der eigenen Angst anzufreunden und vertraut zu machen.

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Ein Zwiegespräch hilft, sich der eigenen Angst zu nähern und kann überraschende Entdeckungen zu Tage bringen. In ihrem Buch ?Prüfungsangst und Lampenfieber? stellen sie Fragen vor, die man seiner Angst stellen kann, beispielsweise: ?Angst, welche Hilfestellung gibst du mir??, ?Angst, was wünschst du dir von mir?? ?Angst, was kann ich tun, damit du kleiner wirst?? ?Angst, an welche früheren Erfahrungen willst du mich erinnern??. Um die Angst als Teil der Persönlichkeit zu akzeptieren, raten die beiden Therapeuten, der Angst zu danken: Dafür, dass sie einen warnt, dass sie uns helfen will. Wichtig ist die Erkenntnis, dass die Angst nicht der Feind ist, sondern etwas Gutes bewirken will.Viele Menschen mit ausgeprägter Prüfungsangst rauben sich jegliches Selbstvertrauen, indem sie sich ständig selbst negativ bewerten. Sie reden sich vor und auch während der Prüfung ein, dumm, schlecht vorbereitet, langsam oder unkonzentriert zu sein ? und diese Botschaft wird dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, da sie sowohl eine effektive Prüfungsvorbereitung als auch eine erfolgreiche Prüfung verhindert. Denn wie soll man sich auf das Lernen oder die Prüfung konzentrieren, wenn man damit beschäftigt ist, sich zu beschimpfen?Beim Verhaltenstherapeuten oder auch im Alleingang können Prüfungsängstliche lernen, diese negativen Selbstgespräche zu stoppen und destruktive Botschaften durch konstruktive zu ersetzen. Die neue Form des positiven Selbstgesprächs muss permanent geübt werden, indem man seine Aufmerksamkeit auf seine negativen Formulierungen richtet und diese dann ganz bewusst in motivierende Sätze umwandelt. Man sollte sich zudem angewöhnen, sich für gute Leistungen zu loben.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.05.2005