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Gefährlicher Ausrutscher

Von Helmut Steuer
Die Presse wittert einen dicken Skandal. Im Januar geht dem finnischen Zoll ein Prominenter ins Netz: Olli-Pekka Kallasvuo, der designierte Chef des weltgrößten Handyherstellers Nokia. Er kommt gerade aus der Schweiz und hat ?vergessen?, ein paar Reisemitbringsel im Wert von 11 000 Euro zu verzollen.
Der neue Mann auf Nokias Chefsessel: Olli-Pekka Kallasvuo. Foto: ap
HELSINKI. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass er von einem Nicht-EU-Land in ein EU-Land reise, sagt der ausgebildete Jurist am Flughafen Helsinki. Die Vergesslichkeit kostet ihn stattliche 31 000 Euro Strafe. Denn die Strafsätze richten sich nach dem jeweiligen Einkommensniveau. Und da kommt Kallasvuo auf ein Jahressalär von rund einer Million Euro ? seine Bonuszahlungen noch nicht eingerechnet.Doch Kallasvuo, ganz Finne, bleibt ruhig und beweist Nehmerqualitäten. Er entschuldigt sich freundlich für sein Missgeschick ? und widmet sich dem Business as usual. Seiner Karriere hat der Zwischenfall im Januar nicht geschadet. Denn am heutigen Donnerstag tritt der 52-Jährige mit dem korrekten Mittelscheitel den Chefposten bei Nokia an. Er muss beweisen, dass Nokias Konzentration auf Schwellenländer mit Niedrigpreis-Handys trotz dadurch gesunkener Margen richtig ist. Er muss verloren gegangenes Terrain in den USA zurückgewinnen. Und er muss zeigen, dass er die Verschmelzung der bisherigen Handytechnologie mit Internet, Fernsehen und Unterhaltungselektronik meistern kann.

Die besten Jobs von allen

?Wir dürfen uns nicht mit unseren direkten Konkurrenten vergleichen, wir müssen uns viel breiter orientieren?, sagte er vor kurzem. So machte er klar, dass er die Herausforderungen identifiziert hat und die Mitbewerber nicht nur in dem US-Rivalen Motorola sieht, sondern auch in Unterhaltungselektronikriesen wie Sony oder Computerherstellern wie Apple, Canon und Dell. Denn Kallasvuo wird ab heute nicht nur Herr über einen Handygiganten, sondern auch über den mittlerweile weltgrößten Hersteller von Kameras und MP3-Musikspielern.Der Neue an der Nokia-Spitze wird seine Aufgaben meistern. Davon sind die meisten Experten überzeugt. Nicht so klar ist hingegen, ob es dem wenig Wortgewaltigen gelingen wird, aus dem Schatten seines Förderers und Weggenossen Jorma Ollila, des Mr. Nokia, herauszutreten. Ollila war es, der in seinen 14 Jahren an der Spitze aus dem bunten Gemischtwarenladen mit einem äußerst breiten Produktsortiment aus Gummistiefeln, Autoreifen und Toilettenpapier den mit Abstand größten und erfolgreichsten Handykonzern der Welt formte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nicht unbedingt ein Freund der großen WorteDas Charisma Ollilas, des Visionärs, hat Kallasvuo jedenfalls nicht. Bei einem seiner ersten großen Auftritte in der Öffentlichkeit ? während einer Nokia-Konferenz in Barcelona ? saß er still neben Ollila, verzog kaum eine Miene, als sein damaliger Chef den künftigen Weg für den finnischen Konzern absteckte.?Neue Ideen wären nicht schlecht gewesen?, sagt denn auch die angesehene schwedische Telekomanalystin Helena Nordman-Knutsson vom Börsenmakler Öhman in Stockholm zum Aufstieg Kallasvuos. Sie hatte sich für den Topposten einen Kandidaten gewünscht, der von außerhalb des Unternehmens gekommen wäre.Doch Kallasvuos langjährige Mitarbeiter warnen: ?Unterschätzt ihn nicht. Der wächst mit jeder Aufgabe.? Die inhaltlichen Voraussetzungen dazu bringt er sicherlich mit. Der zweifache Vater ist ein echter Nokia-Mann, begann seine Karriere bei dem finnischen Vorzeigekonzern bereits 1980. Der begeisterte Golfer und Tennis-Spieler (?Ich bin nicht so gut wie Jorma?) war zuvor kurz bei der Union Bank of Finland als Jurist tätig.Bei Nokia stieg der unscheinbar wirkende Kallasvuo langsam, aber sicher in der Hierarchie nach oben. Er begann in der Rechtsabteilung, ging für den finnischen Konzern in die USA und wurde später zum obersten Finanzchef ernannt.?OP?, wie ihn seine engsten Mitarbeiter nennen, machte seine Arbeit gut und empfahl sich 2004 für die Leitung des wichtigsten und erfolgreichsten Nokia-Bereichs, die Handy-Sparte.Obwohl er längst nicht so forsch auftritt wie sein bisheriger Chef, löste Kallasvuo in dieser Zeit einige große Probleme mit Bravour: Die Finnen hatten nämlich einen Trend verschlafen. Sie hatten nicht wie die Konkurrenz rechtzeitig auf Klapphandys gesetzt. So verloren sie viele Marktanteile.Kallasvuo, nicht unbedingt ein Freund der großen Worte, gab unmissverständlich die Order zu einer schnellen Kurskorrektur. Mit Erfolg: In seiner Zeit an der Spitze der Sparte, die für rund 80 Prozent des gesamten Konzernumsatzes steht, steigerte Nokia den Weltmarktanteil wieder auf fast 35 Prozent.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein wenig ProvinzKallasvuos Ernennung zum neuen Konzernchef kam zwar für einige Außenstehende überraschend. Aber seine direkten Mitarbeiter hatten damit gerechnet. Immerhin gehörte er zu ?Jormas Fünfer-Bande?, den fünf wichtigsten Ollila-Mitarbeitern, die alle maßgeblich an der Umstrukturierung des Konzerns beteiligt waren.Wenn Kallasvuo ab heute mit Kunden, Investoren und Analysten auf Englisch kommuniziert, verleiht ihm sein starker finnischer Akzent etwas Provinzielles ? ein großer Kontrast zum weltgewandten Vorgänger Jorma Ollila. Das allerdings dürfte sich bald ändern. Denn der neue Mann an der Spitze von Nokia hat sich eines bereits vorgenommen: Er will jeden Monat eine Woche in den USA verbringen.
Olli Pekka-Kallasvuo1953: Am 13. Juli wird er in Lavia in Süd-Westfinnland geboren.1980: Nach dem Jura-Studium arbeitet er kurz bei der Union Bank of Finland und wechselt dann in die Rechtsabteilung des damaligen bunten Mischkonzerns Nokia.1992: Er wird Finanzchef und ist beim Umbau des Konzerns zum Telekommunikationsriesen beteiligt.1997: Er leitet die Nokia-Tochter in den USA.1999: Kallasvuo geht nach Helsinki zurück und wird wieder Finanzchef.2004: Er wird Chef der wichtigen Handy-Sparte und führt sie nach einigen Design-Flops aus der Krise.2006: Er übernimmt am 1. Juni von Jorma Ollila die Konzernleitung.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.06.2006