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Ganze Märkte kaufen

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Seit Banken auch auf Zertifikate Sparpläne anbieten, haben sich die innovativen Wertpapiere zu echten Fonds-Konkurrenten entwickelt. Vor allem Index-Zertifikate eignen sich gut als Baustein zur privaten Altersvorsorge, denn sie erlauben den Anlegern, schon für kleines Geld an der Entwicklung ganzer Märkte teilzuhaben.
Den kompletten Dax oder EuroStoxx für 100 Euro kaufen - Index-Zertifikate machen's möglich. Sie erlauben den Anlegern, schon für kleines Geld an der Entwicklung ganzer Märkte teilzuhaben. Seit es für die vergleichsweise neuen Wertpapiere regelmäßige Sparpläne wie für Investmentfonds gibt, haben sich Zertifikate zu einem beliebten Baustein für die private Altersvorsorge entwickelt. Zu Recht, findet Thomas Bieler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: "Vor allem Index-Zertifikate auf deutsche, europäische und internationale Standardwerte eignen sich als Basisinvestment und sind eine gute Alternative zu breit gestreuten Aktienfonds.

Einfach und billig
Ein Vorteil gegenüber Fonds ist ihr Preis: Da Index-Zertifikate nicht aktiv gemanagt werden, sind die Konditionen meist wesentlich günstiger als bei Aktienfonds mit vergleichbaren Anlageschwerpunkten. Ausgabeaufschlag und Managementgebühren fallen weg. Dafür zahlt der Anleger einen so genannten Spread, die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs. Er liegt meist zwischen 0,5 und einem Prozent

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Wie bei Fonds können Anleger auch mit kleinen Summen in Zertifikate investieren. Alle großen Direktbanken bieten mittlerweile Sparpläne ab 50 Euro an. Allerdings fallen für jede Einzahlung in den Sparplan Gebühren an, meist zwischen 2,50 und drei Euro pro Ausführung. Vor allem bei kleinen Sparraten schlägt die Fixgebühr heftig zu Buche. Um die Kosten zu drücken, empfiehlt Markus Jordan, Zertifikate-Experte und Fachbuchautor, die Einzahlungen zu bündeln und lieber quartalsweise 150 oder 200 Euro zu investieren, als monatlich 50 Euro. So lässt sich auch mit dem Zertifikat günstig für die Rente sparen

Auf und ab wie Dax und Stoxx
Transparente Kosten und eine simple Struktur machen die Index-Papiere zu einem echten Einsteigerprodukt. Zertifikate legen die eingesammelten Kundengelder in Börsenbarometer wie Dax, Eurostoxx und Dow Jones an und bilden exakt deren Verlauf ab. Steigt der Aktienindex, steigt auch das Zertifikat im gleichen Umfang. Fällt der Index, verliert auch das Zertifikat. Einen Risikopuffer oder andere Schutzmechanismen gibt es bei Index-Papieren nicht. Crasht die Börse, treffen den Anleger die Kursverluste zu 100 Prozent. Daher sollten Sparer einen langen Anlagehorizont mitbringen, um zwischenzeitliche Kursverluste aussitzen zu können

Der Schwachpunkt der neuen Papiere gegenüber Fonds ist zugleich ihre Stärke: Index-Zertifikate können sich niemals besser als der Markt entwickeln, weil sie nicht aktiv gemanagt werden. Allerdings auch nicht schlechter. "Mit einem gut gemanagten Top-Fonds können Zertifikate bei der Performance meist aber nicht mithalten", sagt Finanzplaner Mark Ortmann. Vorausgesetzt, Anleger erwischen so einen Knaller-Fonds, was eher die Ausnahme ist. Wenige Fondsmanager schaffen es, auf Dauer ihren Vergleichsindex zu schlagen

Bank-Bonität entscheidend
Besonderes Augenmerk sollten Anleger bei der Wahl der Emissionsbank des Zertifikats haben. Denn im Gegensatz zu Fonds, wo das Geld der Anleger als Sondervermögen zählt und daher konkurssicher ist, sind Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen, die von den Banken ähnlich wie Anleihen herausgegeben werden. Die bittere Folge: Geht die Emissionsbank pleite, sind auch die Zertifikate wertlos. "Das ist natürlich besonders tragisch für einen Investor, der 20 Jahre lang jeden Monat 100 oder 200 Euro für die Rente zurückgelegt hat", gibt Zertifikate-Fachmann Jordan zu Bedenken.

Dieses Risiko lässt sich minimieren, indem Anleger nur Zertifikate von großen, namhaften Emissionsbanken kaufen, wie etwa Deutsche Bank, ABN Amro, Commerz- oder Dresdner Bank. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die in den nächsten 30 Jahren in Zahlungsschwierigkeiten geraten, ist sehr gering", so Jordan. Trotzdem rät der Anlagefachmann, sich Zertifikate von unterschiedlichen Banken ins Depot zu legen, um das Risiko zu streuen

Breit gestreut und open end
Das gilt auch für den Anlageschwerpunkt: Für langfristige Investments bieten sich breit aufgestellte Indizes wie Dow Jones, Dax, Eurostoxx oder S&P an. Bei der Auswahl des Zertifikats sollten Anleger außerdem darauf achten, ob es sich um ein Kurs- oder Performance-Papier handelt. In Letztere fließen auch die Dividenden der Unternehmen ein, was dem Sparer einen zusätzlichen Zinseszinseffekt für sein Investment beschert. "Besonders bei dividendenstarken Dax-Titeln kann sich dieser Effekt auf Dauer summieren", sagt Jordan

Weiteres wichtiges Kriterium ist die Laufzeit des Papiers, denn anders als Fonds laufen nicht alle Zertifikate unbegrenzt. Wer für die private Altersvorsorge sparen will, sollte sich daher auf jeden Fall für ein so genanntes Open-End-Zertifikat ohne eine Laufzeitbegrenzung entscheiden. Zumindest das Gros der Index-Zertifikate wird mittlerweile "open end" angeboten.

Richtig wählen
Die Palette der Zertifikate gleicht inzwischen dem Inhalt einer Haribo-Tüte, doch längst nicht alle eignen sich für die private Altersvorsorge. Discount- oder Express-Zertifikate zum Beispiel setzen auf vorübergehende Börsentrends, etwa eine Seitwärtsbewegung des Marktes. "Solche strukturierten Produkte sind eher für kurz- oder mittelfristige Anlagezeiträume zu empfehlen", sagt Finanzexperte Ortmann.

Auch spezialisierte Themen-Zertifikate, die in aktuelle Trends wie Solarenergie, Nanotechnologie oder in Länderschwerpunkte wie Osteuropa oder Indien investieren, gehören nicht in ein Altersvorsorge-Depot. Andere Spielarten, wie zum Beispiel die Garantie-Zertifikate, sind dagegen ideal für die 55-plus-Jahre, wenn es heißt, das angesparte Vermögen schrittweise in risikoärmere Anlageformen umzutopfen. "Sie sind eine gute Alternative zu festverzinslichen Papieren", findet Finanzexperte Jordan. Das eingesetzte Kapital ist sicher, und geht es an den Aktienmärkten aufwärts, können Anleger trotzdem anteilig an den Gewinnen teilhaben. Und damit ihr Polster fürs Alter sichern.?

Katja Stricker
Dieser Artikel ist erschienen am 27.11.2006