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Ganz locker mit Soccer

Martin Roos
Noch sind Großbritannien und die USA vorn, wenn es ums Studium im englischsprachigen Ausland geht. Doch Kanada liegt bei den deutschen Studenten im Trend, nicht nur wegen seiner liberalen Ausrichtung und den immer noch günstigeren Studiengebühren, sondern weil es einfach "genial" ist - vor allem in Vancouver.
Liebe zieht immer. Manche sogar aus der Tiefe Ostwestfalens bis an den Pazifik. Während eines Sprachstudiums in Italien lernte Bernd Schwericke seine Freundin kennen, eine Kanadierin. Was mit "amore" begann, sollte mit "love" weitergehen. Der VWL-Student Schwericke bewarb sich im August 2001 in der Heimat seiner Freundin, in Vancouver, an der Simon-Fraser-University (SFU) in Burnaby, eine der Top-Unis Kanadas. Und zog von Europa in den Westen Nordamerikas - auch für sein Studium eine der besten Entscheidungen, die er treffen konnte

Noch kommt Kanada nicht ganz an die ersten zehn Lieblingsländer deutscher Studenten heran. Doch die Attraktivität steigt: Nach den Terroranschlägen auf die USA und dem Irakkrieg ist Kanada für viele das angenehmere amerikanische Gastland. Es wirkt europäischer als die USA, ist zweisprachig und hat niedrigere Studiengebühren. Kanada hat ein überragendes Bildungssystem, für das es mehr Geld ausgibt als jedes andere westliche Industrieland. Auch seine Universitäten sind sehr gut ausgestattet. Die University of British Columbia, die University of Western Ontario oder McGill in Montreal gehören zu den besten der Welt (siehe Kasten über MBA und Uni-Ranking).
"Ins englischsprachige Ausland wollte ich immer schon. Klar spielte da auch meine Freundin eine Rolle", sagt der 27-Jährige heute. In Greffen in Ostwestfalen ist er groß geworden, nach dem Abitur studierte er zwei Jahre in Bamberg VWL. "Bei einer kanadischen Uni kann man sich nicht einfach einschreiben, man muss sich bewerben", erklärt Schwericke. Die Anforderungen der Universitäten sind unterschiedlich, grundsätzlich aber gilt das folgende Procedere, das etwa ein Jahr vor Studienbeginn starten sollte: Bewerbungsunterlagen anfordern, Studien- und Sprachleistungen (Toefl-Test) nachweisen (ins Englische übersetzen lassen), Empfehlungsschreiben einholen, alles fristgerecht zurückschicken. Erst wenn der "letter of acceptance" der kanadischen Universität vorliegt, kann bei der Kanadischen Botschaft in Berlin die Aufenthaltsgenehmigung angefordert werden

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Studienanfänger beginnen in Kanada mit einem drei- bis fünfjährigen Undergraduate Program. Der Abschluss ist der Bachelor. Wer will, kann dann ein ein- bis zweijähriges Master's Program anhängen. Das Studienjahr dauert in der Regel von September bis Mai. An manchen Universitäten wie an der SFU gibt es auch ein Trimester, sprich Herbst-, Frühling- und Sommersemester. Alle Universitäten erheben Studiengebühren, die je nach Fach, Qualität der Uni und Provinz variieren. Ausländer, die Geisteswissenschaftler werden wollen, zahlen zum Beispiel in der Provinz Neufundland knapp 4.300 Euro pro Jahr, in der Provinz Ontario sind es bis zu 8.000 Euro. Im Vergleich zu den USA sind das jedoch noch Schnäppchen: Im Schnitt muss man in den Vereinigten Staaten mit 4.000 bis 37.000 Euro pro Semester rechnen


Stipendium von der Uni
Doch auch in Kanada wird das Studieren nicht billiger: "Als ich vor gut drei Jahren anfing, kostete das Semester für mich etwa 1.300 Euro, heute ist es fast das Doppelte", meint Schwericke. Hätte er an der benachbarten University of British Columbia (UBC) in Vancouver studiert, hätte er sogar zwei Mal so viel wie an der SFU zahlen müssen. Dass er überhaupt sein Studium finanzieren konnte, lag an seiner Sportlichkeit. Weil er sehr engagiert im Soccer-Team der Universität spielte, bezahlte ihm die SFU als Stipendium den Großteil seines Studiums (Stipendien siehe Linkliste unten).
Dass manche deutsche Studenten, die an ihrer Heimat-Uni die Zwischenprüfung oder das Vordiplom abgelegt haben, erst einmal "nur" Bachelor-Kurse besuchen dürfen, liegt daran, dass das Undergraduate-Niveau etwa mit dem deutschen Diplomstudiengang gleichzusetzen ist, während der Master höher anzusiedeln ist

Auch Schwericke besuchte Undergraduate-Kurse. "Die Klassen sind viel kleiner als in Deutschland, 30 bis höchstens 50 Leute", meint er, das Niveau sei hoch, die Themen seien viel praxisbezogener als in Deutschland: "Allein dadurch, dass unsere Fallbeispiele Unternehmen aus der aktuellen Tagespresse sind, bekommt man einen viel besseren Bezug zum Wirtschaftsleben."
Nur drei Häuserblocks vom Meer entfernt wohnt Schwericke in Vancouver. Zur Simon-Fraser nach Burnaby braucht er mit dem Bus nur 45 Minuten. Vancouver, die Stadt, in der 1971 Greenpeace gegründet wurde, findet er einfach "genial". Kontakte hat er über seine Freundin und durch den Fußball geknüpft - Schwericke, der deutsche Verteidiger im Team von Simon-Fraser, das in der US-Uni-Liga mitspielt. "Sport wird hier sehr ernst genommen, fünf Mal die Woche ist Training", sagt er. Dazu kommen Turnierreisen, manche die Küste runter bis nach San Diego - stundenlang im Bully

Vor allem die Lage und die Freizeitmöglichkeiten der Stadt haben es Schwericke angetan: "So etwas gibt es wohl kaum ein zweites Mal", sagt er und zeigt auf den Pazifischen Ozean, im Hintergrund die bis zu 1.500 Meter hohen Berge. Kein Wunder, dass Vancouver, das 2010 die Olympischen Winterspiele ausrichten wird, sich durchaus auch für die Sommerspiele 2012 hätte bewerben können. Etwa zwei Millionen Menschen leben im Großraum von Vancouver. Die City allein ist mit etwa 550.000 Einwohnern nicht größer als Düsseldorf. Doch die Vielfalt ist enorm: Neben einem Little India gibt es in Vancouver ein Japan- und ein Greektown, dazu ein Chinatown - nach San Francisco das zweitgrößte in Nordamerika.
Vor wenigen Tagen hat Schwericke sein VWL-Studium abgeschlossen. Angst, dass die Behörden ihn jetzt direkt aus dem Land kicken, muss er nicht haben. Als ausländischer Absolvent einer kanadischen Universität bekommt er eine Arbeitserlaubnis für zwölf Monate, wenn er innerhalb von 90 Tagen einen Job findet. Schwericke ist optimistisch. Gerade bewirbt er sich bei einer Investmentbank

Infos zu Stipendien und Studium:
http://www.daad.de (Dt. Akad. Austausch Dienst)
http://www.kanada.de (Kanadische Botschaft Berlin)
http://www.amerikahaus.de (Amer. Zentr. München)
http://www.kanada-studien.de (Gesellschaft für Kanada-Studien)
http://www.scholarships-bourses-ca.org (Aktuelle Stipendien)
http://www.destineducation.ca (Kanadische Uni-Infos)
Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005