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Ganz einfach

Die Welt der Technik ist schrecklich kompliziert. Darum leisten sich immer mehr Hersteller Usability-Experten, die Software, Waschmaschinen, Kühlschränke und Internet-Seiten leichter bedienbar machen.
Manch ein Apotheker ist schlauer als ein Medizin-Lexikon. Er kennt die Nebenwirkungen aller Medikamente. Er weiß um die Verträglichkeit sämtlicher Kreislauftropfen bei Schwangerschaft. Er schlägt günstigere Schmerzmittel vor, ohne danach gefragt zu werden. Und wenn Opa Krause vorbeischaut, nennt er ihm nebenbei ein neues Herzmedikament, von dem er neulich im Fachmagazin gelesen hat.
Der Apotheker, ein Superbrain? Nicht ganz. Manchmal hilft ihm jemand auf die Sprünge. Der Jemand heißt Andreas Beu, ist 38 und hat Apothekers elektronischen Spickzettel gestaltet - eine Spezialsoftware, mit deren Hilfe die Weißkittel wichtige Arznei-Infos aus dem Hut zaubern können. "Der Apotheker muss sich mit dem Kunden unterhalten", sagt Beu, "und der soll möglichst nicht merken, dass er einige seiner Infos vom Bildschirm unter dem Verkaufstisch abliest." Ein dezentes Tippen auf den Touchscreen muss genügen.

Usabi... - was?
Andreas Beu hat eine Berufsbezeichnung, an der sich fast jeder die Zunge verrenkt: Als Usability-Experte (Usability = Benutzerfreundlichkeit) macht er technische Dinge leichter bedienbar. Das fängt an bei Staubsauger und Nähmaschine und reicht über Schweißmaschinen bis hin zu Verwaltungssoftware. Die Spezialisten fürs Einfache sind hoch gefragt. Sie arbeiten wie Beu für Beratungsfirmen, aber auch bei Konzernen wie Siemens oder SAP.
Beu ist einer der Pioniere der Branche. Als Maschinenbau-Student der Stuttgarter Uni saß er im ersten Usability-Seminar in Deutschland und machte als einziger einen Schein. Nach dem Studium landete er im Usability-Labor von Siemens, ehe er bei User Interface Design (UID) als Industriekunden-Berater einstieg. Heute ist Beu einer von rund 500 Experten in Deutschland. Die kennen sich oft persönlich, so überschaubar ist die Branche. Doch ihre Zunft wächst. Allein für dieses Jahr rechnet der Branchenverband GC-UPA damit, dass sich die Zahl hauptamtlicher Usability-Berater verdoppelt.

Die besten Jobs von allen


Keiner blickt mehr durch
"Die Welt steckt mitten in einer technologischen Revolution", sagt Beu. Immer komplexer werde der Alltag. Schon die TV-Fernbedienung sei kaum mehr zu kapieren. Ein Facharbeiter in einem hoch automatisierten Industriebetrieb habe bei der ständig erneuerten und erweiterten Produktionstechnik immer weniger Durchblick. "Viele Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter unentwegt auf Schulungen, andere rufen ständig den Hersteller-Support an", erzählt Beu.
Oder sie setzen wie der schwäbische Maschinenbauer Trumpf von vornherein auf Geräte, die von Usability-Experten mit entwickelt wurden. Für deren Stanz-, Biege- und Lasermaschinen hat sich Andreas Beu eine einheitliche Bedienlogik ausgedacht. Das hat Zeit und Geld gekostet, aber die Investition trägt inzwischen Früchte. Kunden kaufen nicht nur die Biegemaschine, sondern gleich auch eine Stanze, weil das leichte Handling teure Lehrgänge spart.
Wenn Andreas Beu ein Projekt anpackt, stellt er sich immer dieselbe Ausgangsfrage: "Was will der Benutzer damit machen?" Aus seinem Büroschrank kramt Beu ein S65-Handy hervor, das Siemens noch selbst produziert hat. Ein maskulines Modell, gebaut für den typischen Geschäftsmann. Der wolle, erklärt Beu, den Klingelton mit einem kurzen Tastendruck vor dem Meeting ausschalten, am besten ohne es aus der Hosentasche ziehen zu müssen. Genau so hat Siemens das umgesetzt: Ein Klick - und das Handy schweigt.
Sich in den Nutzer hineinzuversetzen - das ist bei Handys kein Problem. Bei Schweißgeräten schon eher. Als Beu die Produkte des Herstellers Fronius optimieren sollte, besuchte er mit seinen Leuten Fabriken in halb Europa und schaute Schweißern über die Schulter. In deren Alltag fand er Ideen für die Verbesserung der Schweißgeräte.
Doch der Schweißer in der Werkshalle erklärt seine gewohnten Handgriffe nicht frei heraus. Viel Einfühlungsvermögen ist gefragt. "Da dürfen Sie schon mal nicht im Schlips ankommen", warnt Beu, "sonst erzählen die einem gar nichts." Ein halbes Jahr lang befragte er die Nutzer, beobachtete deren Handgriffe. Die Ergebnisse arbeitete er in die neueste Schweißgeräte-Generation ein, die die Praktiker im mobilen Entwicklungslabor von UID als Erste testen durften

Verschwiegene Jongleure
Nicht nur in der Schweißerei brauchen Usability-Berater kommunikative Kompetenz: Dem Kunden müssen sie ihre Ergebnisse verkaufen, den Benutzer sollten sie in seiner gewohnten Alltagssprache verstehen können. Wenn jedoch neue Produkte lange vor ihrer Marktreife auf die Schreibtische von UID kommen, ist Schluss mit der Kommunikation. Viele Konzerne haben UID eine strikte Schweigepflicht verordnet. Nur wer mehrere Aufgaben gleichzeitig jonglieren kann, ist für den Job geeignet.
Multitasker Beu beschäftigt sich morgens mit Schweißgeräten, nach dem Mittagessen optimiert er den Internet-Auftritt eines Reiseveranstalters, in den Abendstunden knöpft er sich die Apotheker-software noch mal vor. "Man muss sich wahnsinnig schnell in neue Branchen hineinversetzen", sagt Beu. Genau das findet er spannend.
Die Apotheker zum Beispiel haben ihn kräftig gefordert. Denn die Software sollte nicht nur beraten helfen, sondern auch Bestellprozeduren und Abrechnungen bündeln. "Ich hätte nie gedacht, welch komplexe Prozesse hinter einer Apotheke stecken", staunt Beu. Und die Apotheker hätten nie gedacht, dass ihnen ein PC-Programm den Job so sehr erleichtern kann

Florian Willershausen


Beruf: Usability-Experte

Ausbildung:
Usability-Experte ist kein Ausbildungsberuf. Die meisten sind Quereinsteiger, die vorher als Informatiker, Ingenieure, Soziologen, Psychologen oder Designer gearbeitet haben. Einen eigenständigen Studiengang wie "Usability Engineering" gibt es in Deutschland noch nicht. Einige Technische Universitäten und Fachhochschulen bieten aber Lehrveranstaltungen an.

Qualifikation:
Bei Usability-Projekten arbeiten vom Designer bis zum Elektroingenieur unterschiedlichste Fachleute zusammen. Das erfordert Top-Teamfähigkeit. Aber auch EDV-Kenntnisse sind wichtig und die Fähigkeit, sich rasch in Neues hineinzudenken. Da die meisten Aufträge international ausgeschrieben werden, sollten auch Fremdsprachen sitzen.

Gehalt:
Der Branchenverband schätzt das durchschnittliche Jahresgehalt auf 50 000 Euro. Doch die Verdienstspanne ist riesig. Ein freier Senior-Berater kommt leicht auf 130 000 Euro. Industrieunternehmen zahlen Einsteigern etwa 40 000 Euro, leitende Angestellte bekommen 70 000 bis 80 000 Euro.

Aussichten:
Etwas mehr als 500 Vollzeit-Berater zählt die deutsche Usability-Branche gegenwärtig. Hinzu kommen etwa ebenso viele Teilzeit-Angestellte. Allein in diesem Jahr wird sich die Zahl der Beschäftigten verdoppeln - immer mehr Unternehmen holen sich Usability-Experten ins Haus.
Weitere Informationen: www.gc-upa.de; www.upassoc.org
Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2006