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G-Star im Jeans-Himmel

Von Tanja Kewes
Der 46-jährige Gründer und Geschäftsführer von G-Star hat auf der Modemesse Bread & Butter in Barcelona die Modeszene erneut beeindruckt. Doch Jos van Tilburg will ? trotz aller in Blue Jeans, Baumwollshirt und Turnschuhen zur Schau getragen Lockerheit ? noch weit mehr: ?Wenn wir hart arbeiten, keine Fehler machen, unsere Kollektionen stimmen ? wenn wir einfach so weitermachen wie bisher ? dann können wir einer der ganz großen Spieler werden.?
HB BARCELONA. Nach fünf Minuten ist die Kollektionspremiere der Jeansmarke G-Star vorbei. Ruhe ? wie nach einem Sturm. Doch nur für einen Augenblick. Dann bricht frenetischer Jubel los. Still bleibt nur eine Frau. Sie weint.?Das ist Infotainment?, sagt Jos van Tilburg. Breit grinsend zieht der Gründer und Geschäftsführer von G-Star die Zeltplanen zusammen. Durch einen Spalt hatte der 46-Jährige mit dem blank geschorenen Kopf und den leicht ergrauten Bartstoppeln die Vorstellung seiner jüngsten Kollektion auf der Modemesse Bread & Butter in Barcelona beobachtet. Befriedigt lässt er sich hinter dem Showzelt auf eine Holzbank fallen. ?Der Spirit ist rübergekommen?, glaubt van Tilburg und haut mit der flachen Hand auf den Klapptisch vor sich.

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Er hat die Modeszene beeindruckt. Wieder einmal. Denn auch den rasanten Erfolg von G-Star hat wohl kaum jemand in der Branche vorhergesehen. 1989 als Gapstar in Amsterdam gegründet, machte der Konzern im Geschäftsjahr 2004/2005 einen Umsatz von 280 Millionen Euro, im laufenden Jahr sollen es 350 Millionen werden. ?Wenn wir hart arbeiten, keine Fehler machen, unsere Kollektionen stimmen ? wenn wir einfach so weitermachen wie bisher ?, dann können wir einer der ganz großen Spieler werden?, ist van Tilburg überzeugt.Doch anders als Konkurrenten wie Diesel, Replay oder der größte deutsche Jeanshersteller Mustang will sich G-Star nicht mit Lizenzen für Düfte und Uhren zu einer Lifestyle-Marke aufschwingen. ?Wir waren Denim, wir sind Denim, und wir bleiben Denim?, erklärt van Tilburg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Als Jeans-Verkäufer gestartetAls Verkäufer in einem kleinen Jeansladen startete er, arbeitete sich zum Einkäufer und Verkaufsleiter hoch und baute schließlich Ende der 80er für die niederländische Secon-Gruppe das Jeansgeschäft auf. Die erste Kollektion, die Secon gemeinsam mit der Schweizer Big-Star-Gruppe entwickelte, hieß Gapstar.?In den ersten zwei, drei Jahren war unser einziges Ziel, nicht Konkurs zu gehen?, erzählt der Selfmademan frei heraus. Auch die internationale Expansion begann 1993 mit ?Riesenproblemen?: Der US-Bekleidungskonzern Gap hatte ältere Markenrechte. Um einen langwierigen Rechtsstreit zu vermeiden, machte van Tilburg aus Gapstar kurzerhand G-Star. Für den Pragmatiker und Jeansbesessenen, der seine Jeans ?nur zum Schlafen? auszieht, kein großes Ding: ?Ob Gapstar oder G-Star ? die Jeans muss gefallen und passen?.Die Internationalisierung nahm ihren Lauf. Heute, ein Jahrzehnt später, beträgt die Exportquote 80 Prozent. Ziel seien 95 Prozent, sagt van Tilburg. Größter Markt mit einem Anteil von 20 Prozent ist Deutschland. Im September sollen zwei neue Läden in Münster und Hamburg öffnen. Fuß gefasst hat G-Star auch im Ursprungsland der Jeans: In den USA gibt es Geschäfte in Los Angeles und New York. Zum Umsatz steuert das Land aber erst fünf Prozent bei.Getragen wird die Expansion von Kollektionen, die in der Modeszene für Furore sorgen ? und zwar nicht nur wegen des Spektakels ihrer Premiere und der zur Schau getragenen Extrovertiertheit des Firmengründers. So startete G-Star bereits 2003 ? lange vor anderen Modeherstellern wie jüngst die Jil Sander AG mit dem Belgier Raf Simons ? die Kooperation mit einem Designer, der seine Wurzeln außerhalb der Modewelt hat. Die Marc-Newson-Linie ist inzwischen fester Bestandteil der G-Star-Kollektionen. Van Tilburg nennt sie: ?Exklusive Handarbeit, die uns auch stilistisch weit nach vorne bringt.? Entsprechend hoch ist ihr Preis: Mit 250 Euro ist eine Marc-Newson-Jeans mehr als doppelt so teuer wie gewöhnliche G-Star-Modelle.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aufstieg fußt auf einem eingespielten TeamDer Aufstieg G-Stars in den blauen Denim-Himmel fußt auf einem eingespielten Team. Axel Schukies, Geschäftsführer der deutschen Vertriebsniederlassung in Neuss am Niederrhein, ist seit zwölf Jahren mit dabei: ?Bei G-Star sind wir wie Freunde. Geht es ums Geschäft, kann es aber auch schon Mal hart zugehen.?Am Firmensitz in Amsterdam, ein quadratischer Glas-Stahl-Bau mit Wasserfläche, in der sich die mannshohen Lettern von G-Star spiegeln, stehen die Türen stets offen. In einem Mischmasch aus Niederländisch, Englisch und Deutsch lässt sich van Tilburg die wichtigsten Nachrichten vortragen. ?Kurz und knapp, no big reports?, fordert er. ?Kontrollfreak? nennen ihn deshalb einige Mitarbeiter.Trotz aller Lockerheit ? zur Schau getragen in Blue Jeans, Baumwollshirt und Turnschuhen - zieht sich van Tilburg oft zurück. ?Jos macht viel Wirbel, fragt immer alle nach ihrer Meinung, trifft dann aber still seine eigenen Entscheidungen?, sagt Jan Peters. Der Geschäftsführer des niederländischen Jeanshändlers Score kennt van Tilburg seit seinen Tagen als Jeansverkäufer in einem kleinen Laden. ?Jos ist nie zufrieden. Diesen unbedingten Willen, der Beste zu sein, überträgt sich auf seine Mitarbeiter, die unglaublich motiviert sind.?Auf seiner Holzbank unruhig herumrutschen lassen van Tilburg die ?Copykids?. Der G-Star-Klassiker Elwood wurde in den vergangenen Jahren in 70 Versionen kopiert. Ein Gegenmittel hat van Tilburg noch nicht gefunden. Sicherheitsetiketten ? wie sie etwa Hugo Boss im Kampf gegen die Produktpiraten plant ? lehnt der Niederländer entschieden ab: ?Zu künstlich. Das passt nicht zur rauen Art von G-Star.? Stattdessen vertraut er auf Szenetreffs wie in Barcelona auf sein Infotainment: ?Fans zahlen den wahren Preis und gehen in Original-Läden.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Jos van TilburgVita von Jos van Tilburg1959 wird er geboren.1977 startet er als Verkäufer in einem Jeansladen. Nebenher besucht er Kurse in Marketing.1989 baut er für die niederländische Secon-Gruppe das Jeansgeschäft auf.1993 beginnt er die internationale Expansion mit der Gründung der deutschen G-Star-Tochter in Neuss. Wegen Rechtsstreitigkeiten mit dem US-Bekleidungskonzern Gap wird aus Gapstar G-Star.1997 eröffnet der erste eigene G-Star-Laden in Paris.2003 übernimmt er G-Star von Secon.2005 ist G-Star in 40 Ländern mit 3600 Verkaufsstellen vertreten und beschäftigt 420 Mitarbeiter. Van Tilburg erwartet im laufenden Geschäftsjahr ein Umsatzplus von 25 Prozent auf 350 Millionen Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.08.2005