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Für die Masse

Von Astrid Dörner
Jacqueline Rahemipour ist Chefin einer Organisation, in der es eigentlich keine Chefs gibt. Jeder arbeitet freiwillig, keiner kann anordnen, dass andere schneller oder länger arbeiten müssen. Auch Rahemipour nicht. ?Trotzdem funktioniert es irgendwie?, sagt die 35-Jährige.
Die Frau mit dem rundlichen Gesicht und der eckigen Brille leitet das deutschsprachige Projekt von OpenOffice.org, dem kostenlosen Pendant zum Officepaket von Microsoft, für das die Nutzer an 500 Euro teure Lizenzen kaufen müssen. Die OpenOffice Programme zum Texte schreiben, Formeln erstellen, Tabellen und Präsentationen machen kann man dagegen frei im Internet herunterladen. OpenOffice ist ein so genanntes Open Source Programm, das von ehrenamtlichen Programmierern weiterentwickelt wird.Wenn Rahemipour anderen von dem Projekt erzählt, muss sie immer wieder die gleiche Frage beantworten: Warum macht sie sich die ganze Arbeit, wohl sie dafür kein Geld bekommt? Doch die schon hundertfach wiederholte Begründung hat bislang noch jeden überzeugt: "Viele aus der Community haben gute Jobs und einen gehobenen Bildungsstand. Geld ist nicht wichtig." Wichtiger sind ihr ideelle Dinge: am Konkurrenzprodukt eines Software-Riesens mitzuarbeiten, zeigen, dass es nicht zwingend einer hierarchischen Organisation bedarf, um so ein großes Projekt auf die Beine zu stellen und an einem der wenigen Open Source Programme mitzuarbeiten, die sich nicht nur an eine winzige Anzahl von Nutzern richten, sondern an die breite Masse.

Die besten Jobs von allen

Dafür nimmt Jacqueline Rahemipour kurze Nächte in Kauf, die sich zur Zeit mal wieder häufen. Im Mai kommt eine neue 3.0-Beta-Version heraus und bei Rahemipour laufen alle Fäden zusammen, die die deutschsprachige Version betreffen. Sie ist verantwortlich für die Übersetzung der neuen Menüpunkte und der Hilfe. Zudem behält sie im Auge, wie die Tests verlaufen. Dabei unterstützt sie die 400-Mitglieder starke deutsche Open-Office-Gemeinde, wobei das nicht immer die Arbeit erleichtert.Doch die Dortmunderin bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Ohne jede Spur von Kritik in ihrer Stimme erzählt sie von einem Übersetzer, der den Abgabetermin verstreichen ließ, weil ihm die Arbeit doch nicht so viel Spaß gemacht hat. Beiläufig fügt sie die Konsequenz des Ganzen hinzu: "Ich habe dann mal wieder eine Nachtschicht eingelegt."Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Wir müssen dringend Verstärkung suchen"In der Regel bleiben nur zehn Prozent der Freiwilligen dabei, die dann auch verlässlich arbeiten, sagt Rahemipour.Ganz uneigennützig ist ihr Engagement nicht. Die Dortmunderin berät Firmen die mit OpenOffice arbeiten, schult Mitarbeiter und schreibt Handbücher. "Das Projekt ist die beste Infoquelle, die ich für meine Arbeit haben kann", sagt sie.Auch in ihrer eigenen Firma hat sie viel zu tun. Die Nachfrage nach Open-Office-Produkten sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Neben vielen Mittelständischen Unternehmen haben auch die Städte München und Freiburg Microsoft den Rücken gekehrt. Um so wichtiger, dass die neuen Beta-Version nicht floppt.Wenn keine größeren Fehler auftauchen, kommt im Herbst die 3.0-Vollversion. Danach warten schon die nächsten Probleme, die gelöst werden wollen: Das Mutterunternehmen Sun Microsystems, das die Hardware und einen Großteil der Entwickler bereitstellt, würde der Open-Source-Gemeinschaft gern noch mehr Aufgaben übertragen. Dafür reichen die rund 100 freiwilligen Entwickler jedoch nicht aus. "Wir müssen dringend Verstärkung suchen", sagt Rahemipour und sieht schon die nächsten kurzen Nächte auf sich zukommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2008