Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

"Für dich war ich wohl nur ein One-night-stand"

Von Dennis K. Berman, WSJE
Eine US-Untersuchungsbehörde hat den internen E-Mail-Verkehr bei Enron veröffentlicht.
Wie viele andere Bürokräfte auch, so hatten die Mitarbeiter der Enron Corp. ihren E-Mail-Verkehr für private Mitteilungen genutzt. Sie flirteten, beschwerten sich oder organisierten Beerdigungen damit. Jetzt aber steht ein großer Teil dieser privaten E-Mails im Internet, weil die gescheiterte Energiefirma Gegenstand von Untersuchungen ist.Man braucht nicht lange zu suchen, und auf dem Bildschirm erscheint die Klage eines Enron-Mitarbeiters über seine Schwiegermutter, "der eigensüchtigsten Person auf der Welt". Eine andere E-Mail zeigt jahrzehntealte Fotos des früheren Vorstandsvorsitzenden Jeffrey K. Skilling, die ihm von seiner Studentenverbindung zugeschickt worden sind. Eine Frau aus Portland, Oregon, schreibt an einen Enron-Energiehändler: "Also .... für dich war es nur ein ,One-night-stand ".

Die besten Jobs von allen

Bei ihrer Untersuchung über vermeintliche Manipulationen des Energiemarkts hat die nationale Regulierungsbehörde für Energiewirtschaft (Ferc) eine Menge von Fundstücken zusammengestellt, die Enron betreffen. Im März veröffentlichte die Behörde mehr als 1,6 Millionen E-Mails und andere Dokumente im Internet, und zwar in einer Datenbank mit SuchfunktionDie Mails stammen aus den Jahren 2000 bis 2002. Besucher der Site können kostenlos die E-Mailboxen und Kalender von 176 ehemaligen und jetzigen Enron-Führungskräften und -Mitarbeitern durchblättern. Die meisten von ihnen waren mit Energiehandel befasst. Die Namen von Sendern und Empfängern sind sichtbar.In der Datenbank taucht eine Reihe von bekannten Namen auf. Im August 2000 lud die Präsidentin der Texas Southern University, Priscilla Slade, den früheren Enron-Vorstandsvorsitzenden Kenneth Lay zu einem Wochenende ein, bei dem Ex-Präsident George Bush der Gastgeber sein würde. Skilling erhielt Einladungen zu Golf-Ereignissen mit dem Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Tom DeLay, und dem Vorstandsvorsitzenden von MCI Michael Capellas, der dann Chef der Compaq Computer Corp. wurde.Mitarbeiter, die noch bei Enron arbeiteten, fanden ihre "schmutzige Wäsche" auf dem Bildschirm, außerdem ihre Bankauszüge und Sozialversicherungsnummern. Sie sahen darin einen Missbrauch und einen Angriff auf ihr Privatleben."Enron hatte keinen Grund, die E-Mails überhaupt herauszugeben, und dass die Ferc entschieden hat, sie zu veröffentlichen, liegt daran, dass kalifornische Politiker Enron bestrafen wollten", sagt der 56-jährige Teb Lokey, der gerade in den Ruhestand gegangen ist, nachdem er 29 Jahre lang bei Enron mit Fragen der Regulierung befasst war.Lokey saß im März an seinem Schreibtisch im 39. Stock des Enron-Hauptquartiers in Houston, als die Nachricht von der Datenbank sich verbreitete. Er gab seinen Namen ein und "war geschockt": 7 000 oder 8 000 Dokumente tauchten auf, die seinen Namen enthielten. Andere Enron-Mitarbieter zapften die Datenbank an, um zu lesen, was ihre Chefs über sie dachten oder um zu versuchen, das Gehalt eines Kollegen auszuspähen.Aufgabe der Datenbank ist es laut Ferc, die Öffentlichkeit in die Lage zu versetzen, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob Enron daran mitwirkte -und davon profitierte- , dass es in den Jahren 2000 und 2001 zu einer Energieverknappung in Kalifornien kam. Die Datenbank enthält daher viele E-Mails zu technischen Fragen, in denen Energiehändler über Preiskurven und Verträge diskutierten.Kevin Cadden, ein Ferc-Sprecher, vertritt die Auffassung, dass seine Behörde Enron früh genug -nämlich drei Wochen vorher- auf die bevorstehende Veröffentlichung der für ihre Untersuchung gesammelten Daten hingewiesen hatte. Enron hätte aber nicht reagiert. Zu den sensiblen Personendaten meint Cadden: "Ich glaube nicht, dass die Leute sie im Netz sehen wollen und mache ihnen auch keinen Vorwurf. Aber der Eigentümer der Dokumente ist Enron und das Unternehmen war in der Pflicht, uns mitzuteilen, welche Informationen privat waren. Das hat es nicht getan."Enron-Sprecher Mark Palmer sagt, seine Firma habe "mit der Ferc bei dieser Untersuchung zusammengearbeitet und will dies auch weiter tun. Wir haben sie gebeten, die persönlichen Daten von unschuldigen Angestellten zu schützen."Zwei Tage nachdem die E-Mails online standen, bat Enron die Ferc, einige davon zurückzuziehen, insbesondere solche mit Sozialversicherungsnummern. Die Behörde war damit einverstanden, einige der sensibelsten Veröffentlichungen zurückzunehmen, insbesondere auch eine Lohnliste, aus der die Sozialversicherungsnummern aller Angestellten ersichtlich waren.Dies berichtet eine mit den Vorgängen vertraute Person. Trotzdem stießen die Angestellten immer wieder auf anderes sensibles Material, ließen den Telefonanschluss einer Beschwerdestelle bei Enron mit wütenden Anrufen heißlaufen und verlangten die Sperrung zusätzlicher Dokumente.Auf Anordnung eines Berufungsgerichts Anfang April wurde die Datenbank für zehn Tage abgeschaltet. Während dieser Zeit war es Enron erlaubt, E-Mails zu bestimmen, die zurückgezogen werden sollten. Etwa 100 Freiwillige, hauptsächlich aus der Personalabteilung, setzten sich an ihre PCs, um Hunderttausende von Nachrichten durchzusehen. Dort suchten sie nach Begriffen wie Sozialversicherungsnummer, Kreditkartennummer oder Scheidung.Während sie von Pizzas und anderen Imbissen lebte, bekam die Mannschaft Expertise im Auffinden von E-Mails mit personenbezogenem Inhalt.Das Schlüsselwort "Kids" etwa war besonders geeignet, Informationen über Kinder zu finden, die nicht in die Datenbank gehörten. Die Ferc entfernte daraufhin 141 379 Dokumente aus der Datenbank - acht Prozent.Viele Zeugnisse persönlichen Kummers bleiben online, etwa der Mailwechsel zwischen ehemaligen Kollegen vom Oktober 2000, in dem einer der beiden schreibt: "Ich meinte nur, dass noch etwas über Mittwoch gesagt werden musste. Wir könnten einfach so weitermachen und tun, als wenn nichts passiert wäre, und uns womöglich nie wieder sehen oder miteinander sprechen. Diese Lösung würde mir aber nicht gefallen."Für viele Enron-Mitarbeiter ist die Datenbank eine Lektion darüber, was man in E-Mails mitteilen sollte und was nicht. Ein früherer Angestellter, der nicht genannt werden möchte, sagt: "Ich denke jetzt erst nach, bevor ich irgend etwas per E-Mail versende. Wenn ich mich über etwas Persönliches austauschen möchte, schreibe ich jetzt: ,Ruf mich an, wenn Du etwas Zeit hast! "Übersetzung: Hans Eschbach.Versenden Sie vom Arbeitsplatz aus E-Mails privaten Inhalts - nach draußen oder an Kollegen?@Stimmen Sie ab und schreiben Sie uns unter www.handelsblatt.com/mails
Dieser Artikel ist erschienen am 20.10.2003