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Für den Piraten ist die Jagd zu Ende

Von P. Brors und G. Lipinski, Handelsblatt
Finanzjongleur Karl Ehlerding hat seinen Mythos verloren und kämpft nur noch um sein berufliches Überleben.
HAMBURG. Verjubelt hat Karl Ehlerding sein Geld nicht. Er leistete sich keine Rinderfarm in Colorado, keine Yacht vor Capri und auch keinen Privatjet in Fuhlsbüttel. Selbst in den Jahren, als seine Geschäfte noch glänzend liefen und er als zweifacher Milliardär auf der Liste der 100 reichsten Deutschen geführt wurde, pflegte der Kaufmann hanseatische Zurückhaltung: Eine eigene Finca auf Mallorca oder ein leckeres Mittagessen, am liebsten Labskaus oder Seezunge, im Hamburger Restaurant ?Aalspeicher?, das war?s. Ansonsten arbeitete der heute 61-Jährige lieber hart am nächsten Deal.So war er schon mit dabei, als in den achtziger Jahren eine Investorengruppe die Spar Handels-AG übernahm und mit üppigem Gewinn wieder verkaufte. Und er war der führende Kopf, als seine Beteiligungsgesellschaft WCM die zum Verkauf stehenden Klöckner-Werke kassierte, sie dann filetierte und einzelne Teile wieder veräußerte.

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Oder anders ausgedrückt: Ehlerding, der mit seinem lichten grauen Haar, der silberfarbenen Brille und der schmächtigen Statur so mausgrau wirkt wie sein eigener Buchhalter, gehörte in Deutschland zu den bekanntesten und schillernsten Firmenjägern; zu einer Spezies von Investoren, die an den Finanzmärkten respektvoll ?Raider? oder Piraten genannt wird, weil sie gezielt nach unterbewerteten Übernahmekandidaten sucht und dann zuschlägt. Ein Frankfurter Analyst sagt: ?Ehlerding hatte den Nimbus, immer den richtigen Deal zu finden. Es sah so aus, als hätte er einen untrüglichen Instinkt. Doch das ist jetzt vorbei.?Tatsächlich ist der Mythos vom unfehlbaren Schrecken der Märkte allerspätestens seit vorgestern Abend endgültig Geschichte. Da wurde bekannt, dass die Gläubigerbanken der WCM-Tochter Sirius die Kredite fällig gestellt haben, mit denen Ehlerding die Übernahme der Bonner Immobiliengesellschaft IVG finanziert hatte. Die Banken wollen nun die verpfändeten IVG-Anteile versteigern.Kommt es so, verliert die im MDax notierte WCM, an der Ehlerding knapp 40 Prozent der Anteile hält, ihr werthaltigstes Investment. Sie verfügt dann nur noch über Anteile an der Commerzbank, den noch verbliebenen Teilen der Klöckner-Werke und 53 000 Wohnungen. Gestern stürzte der Aktienkurs bis zum Nachmittag um 11,83 Prozent auf 1,49 Euro ab. Ehlerdings Vermögenswerte schmolzen binnen Stunden um einen zweistelligen Millionenbetrag.Das ist für den Hamburger besonders bitter, weil er eben jene WCM-Anteile als Sicherheiten für weitere Spekulationsgeschäfte hinterlegt hatte ? damit ist aus einem einst vermögenden Mann ein Schuldenmillionär geworden. Seinen Leibwächter hat er inzwischen entlassen. Dafür fehlt jetzt das Geld.Ehlerding war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sein Büro am Sandttorkai, von dem aus er einen fabelhaften Blick über den Hamburger Hafen genießt, hatte er schon am frühen Morgen Richtung Düsseldorf verlassen. Er wolle sich dort, so ein Insider, mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden von WCM treffen, dem ehemaligen Thyssen-Chef Dieter Vogel, um das weitere Vorgehen zu diskutieren.Für Stefan Leipold, Analyst beim Stuttgarter Bankhaus Ellwanger & Geiger, ist aber klar: ?Das Beteiligungsmodell von Ehlerding hat sich erledigt. Es werden sich nur noch schwerlich Investoren finden lassen, die bereit sind, in dieses Geschäftsmodell ihr Geld zu stecken.?Gezockt und verloren. Ehlerdings Abstieg begann eigentlich schon im Sommer 2000. Damals ersonnen seine beiden langjährigen Geschäftsfreunde Klaus-Peter Schneidewind und Clemens Vedder, die Cobra-Gründer, den Plan für einen besonders gerissenen Coup: einen veritablen Angriff auf die Commerzbank, immerhin Deutschlands viertgrößtes privates Kreditinstitut. Ehlerding wollte mit dabei sein, wenn die Commerzbank mit einem anderen Geldhaus fusioniert wird. In aller Stille kaufte er ein Aktienpaket von 4,9 Prozent zusammen, zum Durchschnittspreis von 32 Euro je Aktie.Doch bis heute ist der tolldreiste Plan nicht aufgegangen. Für die Bank fand sich kein Käufer und auch kein Fusionspartner, die Aktie siecht nun bei deutlich unter zwanzig Euro. Auch für die Cobra-Initiatoren Vedder und Schneidewind ist das ärgerlich, aber kein großes Problem. Für Ehlerding hingegen wurde es zur Existenzfrage. Denn er finanzierte den Kauf nicht mit eigenem Geld, sondern auf Pump.Schließlich verkaufte er seine Commerzbank-Aktien zum Teil an die WCM und realisierte so einen Verlust von rund 300 Millionen Euro. Auch deshalb blieb er auf dem Gros seiner Schulden sitzen.Diesen Absturz hätte der einst bewunderte Finanzjongleur vermeiden können, hätte er sich gegen den Werteverlust der Commerzbank-Aktie abgesichert. Das aber, so glauben Insider, war dem sparsamen Hamburger zu teuer.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.11.2003