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Fünf Euro für ein gutes Gewissen

Nils Rüdel. Foto: Greenmiles
Bei der Hamburger Firma Greenmiles können Klimasünder ihre Abgase kompensieren ? gegen einen Obolus. Gründer Sven Bode setzt auf das wachsende Umweltbewusstsein seiner Kunden.
Jeden Morgen, wenn Sven Olaf Kohrs seine mit Brötchen und Croissants beladenen Lieferwagen losschickt, schreitet der Klimawandel ein kleines Stück voran: Die zehn Transporter der Bäckereikette aus Stade bei Hamburg blasen eine Menge CO2 in die Atmosphäre. ?Das lässt sich nicht vermeiden?, sagt der Geschäftsführer.Weil Kohrs trotzdem etwas fürs Klima tun will, hat er sich umgesehen und ist auf die Hamburger Start-up-Firma Greenmiles gestoßen. Die hilft jedem, der Dreck macht, diesen wieder auszugleichen. Gegen Geld, versteht sich. Mit eingepreist: ein gutes Gewissen und der Marketingeffekt, ein Klimafreund zu sein.

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Und so kleben an Kohrs? Mercedes-Sprintern seit ein paar Wochen riesige Aufkleber: ?Kohrs hat?s drauf und fährt CO2-neutral?, steht da. Daneben prangt das Greenmiles-Logo.Das Konzept von Firmengründer Sven Bode, 33: Unternehmen oder Privatleute bezahlen für die Menge CO2, die sie verursachen, einen bestimmten, nach einem komplizierten Verfahren errechneten Betrag. Für eine Flugreise von Frankfurt nach New York und zurück etwa sind das knapp über 100 Euro. Den Großteil dieser Summe steckt Greenmiles anschließend in Klimaprojekte auf der ganzen Welt. ?Wir kommen aus unserem mobilen Lebensstil nicht heraus, wir müssen ja reisen?, sagt Bode. ?Die beste Lösung ist doch dann, die Abgase zu kompensieren.?Und eine einträchtige. Greenmiles stößt in eine Boombranche hinein. Eco-Economy heißt das Geschäft mit dem Emissionsausgleich, laut Schätzungen der Uno wird sich der Umsatz der Unternehmen in diesem Segment von derzeit rund 90 Millionen Euro innerhalb von drei Jahren mehr als verfünffachen. Prominente Vorbilder gibt es mehr und mehr: Die Bands der Live-Earth-Konzerte etwa sind ebenso klimaneutral gereist wie die Mannschaften der Fußball-WM im vergangenen Jahr. Auch die Bundesregierung gibt an, alle Abgase zu tilgen, die auf ihren Dienstreisen entstehen.Auf die Idee, in der Eco-Economy mitzumischen, kam Bode im vergangenen Jahr. Zuvor hatte er sich lange schon mit dem Thema beschäftigt, als Volkswirtschaftsstudent, als Wissenschaftler, als Mitarbeiter beim Hamburger Weltwirtschafts-Archiv (HWWA). Er forschte über für Laien vollkommen undurchdringliche Berechnungsmodelle zur CO2-Reduktion und machte seinen Doktor zum Thema ?Ausgestaltung des internationalen Klimaregimes?. Auch beriet er Regierungen in Entwicklungsländern dabei, Genehmigungsbehörden für Klimaprojekte aufzubauen.?Irgendwann kam dann die Idee, dieses Wissen in Produkte umzusetzen?, sagt Bode, der Anfang des Jahres seinen Job beim HWWA drangab. Seine Überzeugung: Langfristig sind es nicht Spenden oder gut gemeinter Verzicht, die das Klima retten. ?Du kannst nicht den Zeigefinger heben und sagen: Du bist ein böser Mensch, weil du reist?, sagt Bode. Der Ökonom setzt vielmehr auf den Markt. Mit entsprechenden Produkten werde gar ?Klimaschutz sexy?. Für sein Konzept wurde Bode im Juli mit dem Weconomy-Preis ausgezeichnet, den die Wissensfabrik, eine Initiative führender deutscher Unternehmen, und das Magazin Junge Karriere vergeben.Seit der Gründung im März ist Bode mit seinem Ein-Mann-Betrieb ? Verwaltung, Marketing oder Rechtsberatung kauft er extern ein ? vom Firmensitz in Hamburg-Ottensen aus ständig auf Akquise. Bode reist mit dem Zug, versteht sich. Überhaupt lebt er ziemlich bewusst: Ein Auto besitzt er nicht, er setzt auf Car-Sharing, aus der Steckdose kommt Öko-Strom, und CO2-Emissionen kompensieren, das tut er natürlich auch.Eine Handvoll Geschäftskunden hat Bode für Greenmiles schon gewinnen können, mit anderen, darunter große Autohersteller, sei er im Gespräch. ?Man rennt überall offene Türen ein?, sagt er. Viele Firmen wollten etwas für den Klimaschutz tun. Unter den privat Reisenden will er die ?Lifestyle-Ökos?, wie er sie nennt, gewinnen. Das sind Leute, die ein paar Euro mehr im Geldbeutel haben und sich Gedanken machen über Umwelt und Klima, ohne radikal zu sein. Diese Leute trifft man im Bio-Supermarkt.Oder auf Bodes Website. Privatkunden würden jetzt häufiger zu Greenmiles.de finden, sagt er, ?nicht mehr nur alte Kumpels, wie am Anfang?. Auf der Seite erwartet den Nutzer das blanke schlechte Gewissen. Wie bei jedem Billigflieger finden sich dort Eingabefelder, wohin die Reise gehen soll. Am Ende spuckt das Programm die Menge an verbrauchtem Kohlendioxid aus. Und was es kostet, diese wettzumachen.Genau 8,20 Euro inklusive Mehrwertsteuer müsste man bei Greenmiles bezahlen, um die Abgase eines Fluges vonMünchen nach Hamburg irgendwo auf der Welt wieder auszugleichen. 8,20 Euro für 328 Kilogramm herausgeblasenes CO2. Etwas weniger, nämlich sieben Euro für 280 Kilo CO2 wären fällig, nähme man das Auto. Wesentlich günstiger ist die Bahn: Das macht für 57 Kilo genau fünf Euro. Klimasieger aber ist der Reisebus: Der stößt auf derselben Strecke nur 46 Kilo Kohlendioxid aus. Macht ebenfalls fünf Euro.Fünf Euro, die minus einer Marge von durchschnittlich 30 Prozent dann etwa bei einer Biomasse-Anlage in Indien landen, die einen rumpeligen Dieselgenerator ersetzt. Dort werden künftig statt Diesel nur Reishülsen und Baumwollstiele verfeuert ? und so CO2 eingespart. ?Das ist doch viel anschaulicher als irgendeine Spende?, sagt Bode. Hier setzen aber auch die Skeptiker der Klimakompensation an. Fließt das Geld wirklich dorthin? Haben die Projekte überhaupt Sinn? Und warum berechnen unterschiedliche Anbieter unterschiedliche Beträge? Bode gibt sich gelassen und pocht darauf, dass er die Regeln des Kyoto-Protokolls für die Berechnung anwende und seine Klimaprojekte von den Vereinten Nationen ausgewiesen seien. Außerdem überprüfe der TÜV regelmäßig, ob die geförderte Anlage auch tatsächlich Strom produziert hat. Darin sieht er auch sein Alleinstellungsmerkmal gegenüber Konkurrenten wie Atmosfair, 3C oder Climatepartner. Andere Kritiker sprechen verächtlich von einem modernen Ablasshandel. Motto: Ich kaufe mich von meinen Sünden frei. ?Falsch?, erwidert Bode. Anders als bei der Kirche gebe es bei Greenmiles einen echten Nutzen: das eingesparte CO2. ?Außerdem: Was ist denn die Alternative?? Ein Geländewagenfahrer werde nicht wegen des Klimawandels plötzlich ein 3-Liter-Auto kaufen. ?Er fährt trotzdem. Aber er kann kompensieren.?Bode will weitere Produkte zum klimaverträglichen Leben verkaufen. ?CO2-Kompensation ist erst der Einstieg?, sagt er. Seine Ziele sind sportlich: In drei Jahren will er Nummer eins in Deutschland und Nummer drei in Europa sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2007