Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Führungsstil

Oswald Neuberger
Von Führungskräften wird heute erwartet, dass sie begeistern, mitreißen, über den Tag hinaus ("strategisch") und vernetzt denken und handeln, den Wandel souverän und buchstäblich vorbildlich meistern und sich selbst überflüssig machen, weil sie ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu Intrapreneurs umformen.
Führen heißt: Erfolge durch andere erzielen (politisch korrekt müsste es heute eigentlich heißen: ... mit anderen erzielen). Führungskräfte sind Lückenbüßer der Organisation. Nur weil nicht alles perfekt vorhersehbar und grundsätzlich regulierbar ist, braucht man sie als loyale und agile Akteure, die Störungen und Unklarheiten verlässlich beseitigen. Führungskräfte haben es mit zumindest drei Bedingungen zu tun: mit Personen (sich selbst und den Geführten), mit Umständen (dazu zählen Aufgaben, Vorgaben, Ressourcen, Regeln, Strukturen) und mit Kriterien (oder Erfolgsmaßen, zum Beispiel Qualität, Kosten, Schnelligkeit, Profit).Führungsstil ist die charakteristische und dauerhafte Eigenart, mit der eine Person diese drei Bedingungen organisiert und bewältigt. Zum Repertoire der Stilrichtungen, auf die Führungskräfte zurückgreifen können, gehören die etablierten Marken "autoritär", "kooperativ", "partizipativ", "laisser-faire", "delegativ", "konsultativ", "situativ" und einige mehr. Wie Moden wechseln sich diese (Führungs-)Stilrichtungen ab. Aktuell ist auf den Hochglanzseiten der Firmenkultur-Schriften "autoritär" "out"; "in" sind "visionär", "charismatisch", "transformational".

Die besten Jobs von allen

Von Führungskräften wird heute erwartet, dass sie begeistern, mitreißen, über den Tag hinaus ("strategisch") und vernetzt denken und handeln, den Wandel souverän und buchstäblich vorbildlich meistern und sich selbst überflüssig machen, weil sie ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu Intrapreneurs umformen. Der bunt glänzenden Kongressrhetorik steht allerdings der stumpf-graue Alltag des Unternehmens gegenüber. Das Visionär-Transformationale bleibt auf den Ausstellungsraum beschränkt, während in den Werkhallen und Büros gearbeitet wird mit dem guten alten Autoritären oder dem Bürokratischen oder dem In-Ruhe-lassen, beziehungsweise In-Ruhe- gelassen-werden-wollen. Modern formuliert: Man vertraut in Selbstorganisation. Der schnelle Wechsel der Moden ist auch deshalb möglich, weil es bislang nicht eindeutig und überzeugend gelungen ist, nachzuweisen, dass ein optimaler Führungsstil existiert, einer, der Erfolg garantiert. Das hat drei Gründe: Erstens gibt es sehr verschiedene Vorstellungen darüber, was Erfolg ist und wie man ihn feststellt; zweitens kann man auf vielen Wegen zum Erfolg kommen; drittens wird das, was jemand tut (Führungsverhalten), von verschiedenen Leuten sehr unterschiedlich erlebt."Den" Führungsstil einer Person gibt es nicht, sondern sehr verschiedene Wahrnehmungen, je nachdem aus welchem Winkel jemand beobachtet und beschreibt: von oben als Chefin, von der Seite als Kollegin, von unten als Mitarbeiterin - und hier wiederum kommt es darauf an, ob man in der Rolle der Geförderten oder Gefeuerten ist. Die anvisierte Konformität ist Ausdruck der Firmenkultur. Damit zeigt sich auch ein Dilemma, von dem Trainer und Berater gut leben und in dem Führungskräfte sich entfalten: Führungskräfte handeln in Ungewissheitszonen und sind selbst welche. Führungskräfte müssen paradoxerweise auf Nicht-Programmierbarkeit programmiert werden, weil sie ja - siehe oben - Spezialisten fürs Unprogrammierte und Überraschende sind.Die Ratgeberautoren, die Erfolgstrainer, die Verfasser von (Auto-) Biografien Erfolgreicher, die Wissenschaftler und schließlich die Management- Journalisten, die über all dies mit kurzem Verfallsdatum schreiben, wären existenziell gefährdet, wenn das Rätsel gelöst wäre.Damit sind wir wieder am Anfang: Führung ist eine Kunst. Die Techniken und das Handwerk kann man lernen, Könner sind jedoch noch lange nicht Künstler. Aber lieber ein solider Handwerks-Meister als ein Dilettant, der sich für Michelangelo hält.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001