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Führung dringend gesucht

Von Matthias Eberle
Früher, als Großmutter noch lebte, muss alles viel besser gewesen sein ? zumindest bei den Bancrofts. Die Eigentümer des traditionsreichen Medienkonzerns Dow Jones streiten seit Wochen darüber, ob sie an Rupert Murdoch verkaufen.
Flaggschiff des Medienkonzerns Dow Jones ist das Wall Street Journal. Foto: ap
NEW YORK. Früher, als Großmutter noch lebte, muss alles viel besser gewesen sein ? zumindest bei den Bancrofts. Jessie Bancroft Cox wachte als resolute Matriarchin jahrzehntelang über das Erbe des US-Medienkonzerns Dow Jones & Co. Nach ihrem Tod im April 1982, ausgerechnet während der 100-Jahr-Feier des Unternehmens, trennten sich die Wege vieler Familienmitglieder. Heute sind die Bancrofts von ihrer Heimat Boston über Hawaii bis nach Rom verstreut, schreibt das Flaggschiff der Firma, die Wirtschaftszeitung ?Wall Street Journal?. In dem 34 Personen umfassenden Familien-Clan, der bis heute die Mehrheit der Stimmrechte an Dow Jones hält, sind Demokraten und Republikaner, Finanzmanager und Farmer, eine Flugzeugpilotin und ein Rennboot-Champion.Das mag erklären, weshalb sich Michael Elefante, der für die notorisch schweigsame Bancroft-Familie in der Öffentlichkeit auftritt, seit Wochen mit Interessenkonflikten plagt. ?Nein, danke? lässt der Anwalt zunächst ausrichten, als Anfang Mai die generöse Kaufofferte des Rupert Murdoch über fünf Milliarden Dollar publik wird. Der Medienzar könnte mit der Übernahme der weltweit bekannten und renommierten Businessmarke ?Wall Street Journal? sein Lebenswerk krönen, stößt jedoch wie seit Jahren auf Widerstand bei den Bancrofts. Fürs Erste schlagen sie ein spektakuläres Angebot aus, obwohl es 67 Prozent höher liegt als der letzte Dow-Jones-Aktienkurs.

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Die Älteren unter den Bancrofts, dem Vernehmen nach acht Mitglieder der Dynastie, fürchten um das Fundament des Dow-Jones-Erfolges, die journalistische Unabhängigkeit. Das Medienhaus dürfe nicht verkauft werden, ist ihre Überzeugung ? schon gar nicht an einen wie Rupert Murdoch. So gab William Cox jr. (76) vor zwei Wochen öffentlich zu Protokoll, Dow Jones würde durch einen Verkauf an Murdoch ?ruiniert?. Sein Sohn indes, William Cox III, gehört zu den langjährigen Kritikern des Dow-Jones-Managements. Er fühlt sich laut ?Wall Street Journal? von allen Beratungen hinsichtlich der Murdoch-Offerte ausgeschlossen, schreibt in der Folge wütende E-Mails an die Verwandtschaft und befürwortet einen Verkauf.Einige der Bancroft-Nachfahren denken so. 15 Jahre nach dem Tod von Jessie Bancroft Cox gilt die in Stein gemeißelte Familien-Devise ?Never sell Grandpa?s Paper?, das strikte Verkaufsverbot, längst nicht mehr als unantastbar. Für die junge Garde, darunter die Cox-Enkelin und Dow-Jones-Direktorin Leslie Hill, ist der Status quo nicht mehr tragbar: Sie hält Dow Jones (Umsatz: 1,8 Mrd. Dollar) für zu klein und kapitalschwach, um langfristig in dem sich verschärfenden Wettbewerb bestehen zu können. Unter anderem verweist sie darauf, dass der geplante Zusammenschluss von Reuters und Thomson den eigenen Finanzdienst Dow Jones Newswires gefährde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Überraschendes Wendemanöver bei Familientreffen Wochenlang brütet der Bancroft-Clan sowie der Verwaltungsrat über der Murdoch-Offerte. E-Mails gehen den ganzen Mai über hin und her. Mal telefonieren Jung und Alt miteinander, mal sprechen sie nur übereinander. Die Familie berät sich mit ihren Anwälten, trifft Investmentbanker und lässt Dow-Jones-CEO Richard Zannino Pro und Contra eines möglichen Verkaufs abwägen. Mit jedem Tag werden die Pros größer und die Contras kleiner.Bei einem Familientreffen am 23. Mai leitet Bancroft-Anwalt Elefante das überraschende Wendemanöver ein: Es sei ?an der Zeit, einen Verkauf zu prüfen?, schlägt Elefante laut ?Wall Street Journal? vor. Der Verwaltungsrat schickt eine Pressemitteilung hinterher, die bei den Bancrofts intern allerdings heiß umstritten ist: Die Familie habe Einigung erzielt, ?dass der Auftrag von Dow Jones besser in Kombination oder Kooperation mit einer anderen Organisation zu erreichen ist. Dabei kann es sich auch um (Murdochs) News Corp. handeln?, heißt es offiziell.Die Board-Mitteilung wird unterschiedlich interpretiert: Christopher Bancroft, einer von drei Familienmitgliedern im Verwaltungsrat, habe bisher nur einem Treffen mit Murdoch zugestimmt, aber Dow Jones keinesfalls auf die Verkaufsliste setzen wollen, berichten mehrere US-Zeitungen übereinstimmend.Vier Wochen nach Bekanntgabe der Übernahmeofferte ist aus dem voreiligen ?Nein? damit nur ein vorsichtiges ?Schau?n mer mal? geworden. Das Zwischenergebnis kommt in der Öffentlichkeit verheerend an: Ausgerechnet der Familienstamm jenes Medienkonzerns, der sich wie kein anderer an die Entscheider aus Wirtschaft und Politik richtet, kann sich nicht entscheiden.Murdoch kann das als Etappensieg werten, zumal ihn die Offerte am Montagabend erstmals an einen Tisch mit den Bancrofts geführt hat. Nach einer vierstündigen Sitzung ist von einem ?konstruktiven Dialog? die Rede. Mehr war nicht zu erwarten. Die Bancrofts tagen weiter ? auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Entscheider.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die BancroftsDie Bancrofts1902 übernimmt Clarence W. Barron die Kontrolle beim Medienhaus Dow Jones, zu dem das ?Wall Street Journal? und ein Telegrafendienst gehören. Nach seinem Tod 1928 übernimmt Stieftochter Jane Barron die Leitung der Firma.1949 haben drei Kinder aus der Ehe zwischen Jane Barron und Hugh Bancroft den Dow-Jones-Clan über die Jahre vergrößert. Die Führung der Firma übernimmt Tochter Jessie Bancroft Cox.1982, nachdem die resolute Matriarchin Jessie Bancroft Cox jahrzehntelang über den Medienkonzern gewacht hatte, stirbt sie während der 100-Jahr-Feier von Dow Jones. Die Familienstämme driften in der Folge auseinander und pflegen einen Laisser-faire-Stil bei Dow Jones. Es mangelt an einer starken Persönlichkeit, die die Familieninteressen bündelt.2007 ist der Clan ist auf 34 Mitglieder angewachsen und seit dem Übernahmeangebot von Rupert Murdoch stark gespalten: Einige Bancrofts wollen verkaufen, andere zögern ? noch.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.06.2007