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Frontgänger

Lucy Braun
Foto: Hallier / Ärzte ohne Grenzen
Straßensperren, Militärpatrouillen, Maschinengewehre - Alltag im Gazastreifen. Angst ist ständiger Begleiter der 1,3 Millionen Palästinenser, von denen die meisten das schmale Stück Land seit Monaten nicht mehr verlassen durften.
Angst vor Selbstmordattentaten, Angst vor den Vergeltungsaktionen Israels, Angst vor den Bulldozern, die Häuser platt walzen. Angst, die krank macht. Wenn die internationalen Ärzte-Teams der "Médecines sans Frontières" (MSF) im Gazastreifen Familien besuchen, verteilen sie nicht nur Medikamente, sondern bieten auch psychologische Hilfe an - Hilfe gegen die Angst. Sita Hallier hat im vergangenen Jahr fünf Monate in einem dieser "mobilen Projekte" im Gazastreifen gearbeitet. Sie hat selbst erlebt, wie schwer ist, mit der Angst zu leben. Die Helfer mit den weißen T-Shirts und Westen können nur hoffen, dass mögliche Angreifer das MSF-Logo erkennen und achten: ein rot-weißes Männchen, das läuft. Nicht wegrennt, sondern zu Hilfe eilt, notfalls zwischen den Fronten

Eiserne Regel der Helfer: Ärzte tragen keine Waffen. sein - nicht zu Hause, nicht im Auto. Trotz Gefahr und Angst gehört Palästina für Sita Hallier zu ihren wichtigsten Erfahrungen. "Für uns war die Situation aber im Vergleich zur palästinensischen Bevölkerung leichter zu ertragen. Erstens, weil wir den Gazastreifen ab und zu verlassen konnten, und zweitens, weil wir von Beginn an wussten, dass unser Einsatz hier von begrenzter Dauer sein würde", sagt sie. "Viel länger als fünf Monate hätte ich es nicht ausgehalten.

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Die Rückkehr nach Deutschland hatte einen weiteren Grund: Die Ärztin musste sich um ihr berufliches Fortkommen kümmern; sie arbeitet jetzt in einer Hagener Klinik. Die meisten Hilfsorganisationen übernehmen die Lebenshaltungskosten ihrer Helfer und zahlen ihnen auch ein Taschengeld. Doch wer seine Wohnung im Heimatort für die Dauer behält, kommt mit diesem Geld nicht aus, von Altersvorsorge ganz zu schweigen

Es sind die Idealisten, die sich für ein internationales Projekt bereit erklären. "Das Wichtigste ist, dass man sich selbst und seine Möglichkeiten nicht überschätzt", meint Hallier. "Wer antritt, um die Welt zu verändern, wird schnell enttäuscht und frustriert sein.

Kurzbiografie
Sita Hallier bewarb sich gegen Ende ihrer Zeit als Ärztin im Praktikum (AIP) bei "Ärzte ohne Grenzen". Nach einem zweimonatigen Tropenkurs in Heidelberg führte sie ihr erster Einsatz für zehn Monate in ein Flüchtlingslager nach Afghanistan - lange bevor die Welt sich für die Terrorherrschaft der Taliban interessierte. Zurück in Deutschland arbeitete die 32-Jährige zunächst zwei Jahre in einem Krankenhaus. Von Mai bis September 2001 betreute sie im Gazastreifen palästinensische Familien, die im Nahost-Konflikt Angehörige verloren hatten.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2002