Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Fröhliche Faulheit!

Das Gespräch führte Christoph Mohr.
In Frankreich gilt sie als nationales Symbol für Impertinenz und Faulheit: Die ausgebildete Politologin, Volkswirtin und Psychoanalytikerin Corinne Maier, 41, wurde mit ihrem Buch "Bonjour paresse" zur Bestsellerautorin.
In Frankreich gilt sie als nationales Symbol für Impertinenz und Faulheit: Die ausgebildete Politologin, Volkswirtin und Psychoanalytikerin Corinne Maier, 41, wurde mit ihrem Buch "Bonjour paresse" zur Bestsellerautorin. Im Februar erscheint "Die Entdeckung der Faulheit" auch in Deutschland. Im Interview mit karriere erzählt die Pariserin, die in leitender Funktion beim französischen Energieversorger Electricité de France Teilzeit arbeitet, von ihrem Misstrauen gegenüber Unternehmen, von Problemen mit ihrem Arbeitgeber, ihrem unerwarteten Erfolg - und gibt Tipps, den beruflichen Alltag erträglicher zu gestalten

Ihr Buch "Die Entdeckung der Faulheit" hat eine niederschmetternde Botschaft: Arbeit ist sinnlos, und Millionen von Angestellten gehen einer frommen Selbsttäuschung nach. Ist das Ihr Ernst?

CORINNE MAIER: Unternehmen sind oft eine große Lüge. Dutzende von Umfragen in Europa zeigen, wie viele Leute sich im Job langweilen. Die Unternehmen geben vor, Orte der Selbstentfaltung zu sein, aber oft sind sie nur eine Maschine, die uns gehorchen macht. Die Mitarbeiter sind da, weil sie bezahlt werden - und meist damit beschäftigt, vollkommen nutzlose Tätigkeiten zu verrichten

Die besten Jobs von allen



Das sind die Helden in Ihrem Buch?

Ja. Mein Schlachtruf wäre: Angestellte aller Länder, wenn eure Arbeit uninteressant für euch ist und völlig unnötig für die Anderen, macht so wenig Ihr könnt


Sie haben sich offenkundig amüsiert, Ihr Buch zu schreiben. Fühlen Sie sich - über diesen persönlichen Spaß hinaus - als soziale Rebellin mit einer politischen Botschaft?

Ich betrachte mich als Individualistin. Zu jeder Zeit in der Geschichte hat es Lügen gegeben - einst die Ehre des Vaterlands, heute die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen - und demgegenüber bin ich misstrauisch. Politisch vertrete ich nichts


Ihr Buch hat Ihnen Ärger mit Ihrem Arbeitgeber, dem französischen Energieversorger Electricité de France, eingebracht.

Ja, meine Vorgesetzten bei EDF wollten mich bestrafen, weil ich - Zitat - "das System von innen heraus infiziere". Die Gewerkschaften haben mich dann verteidigt, und die Presse hat darüber berichtet. Innerhalb weniger Tage wurde das Buch in Frankreich zum Bestseller. Ich sage meinem Unternehmen also "danke". Ich verdanke ihm Geld und Ruhm


Angesichts des Honorars könnten Sie locker kündigen.

240.000 Exemplare gingen in Frankreich über den Ladentisch, dazu sind Übersetzungen für 25 Länder in Arbeit - ja, ich könnte kündigen. Aber ich bleibe bei meinem Arbeitgeber, weil ich ein nationales Symbol für Impertinenz und Faulheit geworden bin. Und ein Symbol kann nicht kündigen


Ihr Buch erinnert streckenweise an Dilbert, die berühmte amerikanische Comic-Figur. Hat Sie Dilbert inspiriert?

Ja, und sein Autor, Scott Adams, ist einer meiner Vorbilder. Darüber hinaus zeigt Dilbert ja auch, dass es nicht nur in Frankreich absurde Unternehmen gibt


Haben Sie nicht trotzdem den Eindruck, dass Ihr Buch sehr französisch ist, und dass Sie das Klischee von den Franzosen verstärken, die den Ruf haben, elegante Arbeitsvermeider zu sein?

Ach wirklich, die Franzosen haben diesen Ruf? Die Deutschen haben den Ruf zu viel zu arbeiten - und mein Buch wird das jetzt ändern..


Was würden Sie den arbeitstüchtigen Deutschen denn raten?

Tun Sie immer so, als ob Sie das täten, was Ihr Chef will. Seien Sie scheinheilig. Wenn Sie das sehr gut machen, könnten Sie sogar selbst Chef werden. Aber das ist nicht das Ziel meines Buches. In jedem Fall: Fröhliche Faulheit!

Dieser Artikel ist erschienen am 02.02.2005