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Fritz D2

Von Katharina Slodczyk
Friedrich Joussen wird Deutschlandchef von Vodafone. Joussen kann sich auf den Verdiensten seines Vorgängers Jürgen von Kuczkowski nicht ausruhen. Er muss eine große Herausforderung meistern: Mobiltelefone und Dienste für den neuen UMTS-Standard populär machen und die Milliardeninvestitionen in das Projekt in Gewinne ummünzen.
Die Ansage ist unmissverständlich: ?Machen Sie es kurz. Sie haben eine halbe Stunde?, sagt Friedrich Joussen von der Mobilfunkgesellschaft Vodafone seinen Gästen. Es sind die Chefs einer kleinen Firma, die Joussen ein neues Handy-Spiel verkaufen wollen. Doch das Gespräch zieht sich hin. Am Ende sitzen die Herren gute drei Stunden zusammen, erinnert sich einer, der damals, vor etwa vier Jahren, dabei war: Christoph Zinke, heute Unternehmensberater bei Diamond Cluster.Der gelernte Elektrotechnikingenieur Joussen habe immer neue Fragen gestellt, um die Argumente besser zu verstehen. ?Neugier und Offenheit sind bei ihm sehr stark ausgeprägt?, erzählt Zinke. Er sei sich dann nicht zu schade, selbst simple Dinge zu erfragen. Es ist eine von vielen Episoden, die man sich über Joussen erzählt. Sie alle laufen auf eines hinaus: Bei ihm zählen Argumente, er ist unvoreingenommen und für jedermann ansprechbar. Und wenn ihn etwas wirklich interessiert, nimmt er sich Zeit, viel Zeit. All die Eigenschaften wird der 42-Jährige in seinen neuen Job einbringen. Am 1. Oktober wird er Chef der Mobilfunkgesellschaft Vodafone D2 und löst damit Jürgen von Kuczkowski ab, der sich in den Ruhestand verabschiedet.

Die besten Jobs von allen

Gestern machte der britische Konzern den Wechsel an der Spitze seiner Deutschland-Tochter offiziell. Aber in der Branche ist dies eigentlich seit fast zwei Jahren klar. Damals war Joussen zum Chief Operating Officer und damit zur Nummer zwei an der Spitze von Vodafone D2 aufgestiegen. Der etwa zwei Meter große, schlanke Mann, der wegen seiner leicht abstehenden Ohren und seines lauten Lachens stets jung, fast lausbubenhaft daherkommt, übernimmt die Führung einer der profitabelsten Mobilfunkgesellschaften Europas. Das Unternehmen erzielt im operativen Geschäft eine Gewinnmarge von mehr als 45 Prozent und lässt damit die meisten Konkurrenten deutlich hinter sich. Nur gemessen an der Zahl der Kunden liegt Vodafone D2 in Deutschland auf dem zweiten Platz ? mit 27 Millionen Nutzern. Doch der Vorsprung des Marktführers, der Telekom-Tochter T-Mobile, schmilzt.Aber Joussen kann sich auf den Verdiensten seines Vorgängers nicht ausruhen. Er muss eine große Herausforderung meistern: Mobiltelefone und Dienste für den neuen UMTS-Standard populär machen und die Milliardeninvestitionen in das Projekt in Gewinne ummünzen. Bisher ist die Zahl der UMTS-Begeisterten noch recht überschaubar, angeführt wird sie wahrscheinlich von Joussen selbst. Denn er gilt als einer, der sich schnell für neue Geräte, neue Spielereien und neue Funktionen begeistern kann und sie auch sofort beherrscht ? ohne einen Blick in die Gebrauchsanleitung zu werfen. Das hat ihm eine spöttische Beschreibung eingebracht: Er sei ein großes Spielkind, sagen Kollegen aus Zeiten, als D2 noch Teil des Mannesmann-Konzerns war. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname: FritzD2.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lieblingsspielzeug in der WestentascheJoussens Lieblingsspielzeug ist derzeit ein kleiner Computer, der in jede Westentasche passt und in Sekundenschnelle elektronische Post hin- und herschickt. Blackberry heißt die E-Mail-Maschine offiziell, einige haben sie in Crackberry umgetauft. Und auch Joussen bekennt sich zu seiner Sucht: Mit seinem Wechsel von der Vodafone-Gruppe zur Tochter D2 vor fast zwei Jahren war auch ein Umzug von der Innenstadt in den Düsseldorfer Norden verbunden. ?Der kam für Joussen aber erst in Frage, als die Technik so aufgerüstet wurde, dass Joussen auch hier seinen geliebten Blackberry nutzen konnte?, erzählt ein Mitarbeiter. Mit der ?Beere? hat Joussen seinen Ruf verstärkt ? als unkomplizierter und verbindlicher Manager, der nichts liegen lässt. In Sekundenschnelle beantwortet er seine E-Mails, meist kurz und knapp, ohne Anrede, ohne Gruß am Ende. Wenn er von einem seiner Mitarbeiter etwas will, taucht er auch mal völlig überraschend in dessen Büro auf und lässt ihn nicht erst über seine Sekretärin ins Chefbüro bitten. Es ist ein ganz anderer Führungsstil als der, den von Kuczkowski pflegt.Den scheidenden Vodafone-D2- Chef umgibt eine Aura des Unnahbaren. Er schüchtert die Menschen in seiner Umgebung eher ein, macht ihnen sogar Angst, wenn er mal laut wird. Dem 62-Jährigen merkt man bis heute seinen militärischen Hintergrund an. Er hat eine Offiziersausbildung absolviert. Dass Joussen und von Kuczkowski miteinander können, hat die meisten Vodafone-Mitarbeiter zunächst erstaunt. Hier der kreative Kopf, der Marketingmann Joussen, dort der penible Zahlenmensch von Kuczkowski ? das gibt nichts Gutes, haben sie gedacht. ?Doch es funktioniert, beide sind sehr effizient und strukturiert und respektieren die Stärken des anderen?, erzählt ein Vodafone-Manager.Joussens Stärken kamen vor allem durch den Wandel im Mobilfunkmarkt zum Tragen. Es geht nicht mehr in erster Linie darum, neue Kunden anzuwerben. Die meisten haben schon ein Handy. Jetzt stehen neue Mobilfunkdienste wie Spiele, Informationen, Filme und Musik im Vordergrund. Damit herumzuexperimentieren, das ist so gar nicht von Kuczkowskis Sache, dafür aber eine von Joussens Lieblingsbeschäftigungen. ?Er kann sich in Kunden hineindenken?, erzählt Zinke von Diamond Cluster, ?und entscheiden, welche Produkte sich erfolgreich verkaufen lassen.? Bei der neuen Mobilfunktechnik UMTS kann er in der nächsten Zeit zeigen, was er alles drauf hat.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.07.2005