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Frischzellen für die Rente

Heute weniger Gehalt - morgen mehr Rente: Die attraktivste Form der Altersvorsorge ist eindeutig die betriebliche. Seit dem 1. Januar kann sie jeder bei seinem Unternehmen einfordern. Wer das nicht tut, ist selber schuld.
Infos zu:
Direktversicherung
Pensionskasse
Pensionsfonds
Direktzusage

Die besten Jobs von allen

Unterstützungskasse

Entgeltumwandlung - ein Wort mit dem prickelnden Charme einer Magen-Darm-Grippe. Und doch das neue Zauberwort für alle Berufstätigen, die auf intelligente Art Geld fürs Alter ansparen wollen. Das Altersvermögensgesetz macht es möglich: Seit dem 1. Januar kann jeder Arbeitnehmer von seinem Unternehmen verlangen, dass Teile seines Einkommens nicht ausgezahlt werden, sondern in spezielle Altersvorsorgeprodukte wandern. Das ging vorher zwar auch schon, aber nur mit Zustimmung des Chefs - was der betrieblichen Altersvorsorge bisher ein Mauerblümchendasein bescherte.

Der Vorteil der Entgeltumwandlung: Die Beiträge sind - je nach Anlageform - steuer- und sozialabgabenfrei, steuerbegünstigt und Riester-gefördert. Darüber hinaus winken den Anlegern höhere Renditen und niedrigere Kosten als bei der privaten Vorsorge mit ?normalen“ Riester-Produkten, da große Unternehmen oder ganze Branchen Sonderkonditionen erhalten.

Drei Förderungen, fünf Durchführungswege

Die betriebliche Altersvorsorge sieht drei Förderwege für den Arbeitnehmer und fünf Anlagevarianten, aus denen der Arbeitgeber wählen kann, vor. Manche Förderungen und Produkte lassen sich kombinieren, einige schließen sich aber aus.

Für den Arbeitnehmer hat der Gesetzgeber vorgesehen, dass seine Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge bis zu einer gewissen Höhe, in den meisten Fällen 2.160 Euro in 2002 (entspricht vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze), zunächst steuer- und sozialabgabenfrei bleiben und erst beim Renteneintritt versteuert werden.

Darüber hinaus oder alternativ dazu gibt es die ?Pauschalbesteuerung". Hier sind Beiträge bis zu 1.752 Euro sozialversicherungsfrei. Sie werden jedoch sofort mit pauschal 20 Prozent besteuert. Vorteilhaft für Verdiener mit hohen Steuersätzen. Ab 2009 werden aber für beide Förderwege wieder Sozialabgaben fällig.

Die dritte Möglichkeit ist die Riester-Förderung: Hier zwackt der Arbeitnehmer aus seinem Nettoeinkommen bis zu 525 Euro für die Altersvorsorge ab und erhält im Gegenzug entweder die Riester-Zulage oder einen adäquaten Steuervorteil. Die spätere Rentenzahlung ist voll steuerpflichtig.

Ob ein Arbeitnehmer ?riestert" oder nicht, bleibt letztlich seine Entscheidung. Je niedriger das Einkommen und je größer die Familie, desto vorteilhafter ist es für ihn. Wenn er es aber tut, sollte er es über den Betrieb tun: So kalkuliert das Versorgungswerk der IG Metall, ?MetallRente", dass Arbeitnehmer, die mit dem Chef riestern, später pro Monat bis zu 150 Mark mehr Rente bekommen - gutes Kostenmanagement macht’s möglich.

Der Chef gibt die Richtung vor

Grundsätzlich sind in der betrieblichen Altersvorsorge fünf Durchführungswege zulässig: die Direktversicherung, die Pensionskasse, der Pensionsfonds, die Direktzusage und die Unterstützungskasse. Für den Arbeitnehmer unterscheiden sie sich hauptsächlich in der Anzahl der möglichen Förderwege. So sind nur die Direktversicherung, die Pensionskasse und der Pensionsfonds Riester-fähig. Die Pauschalversteuerung kommt nur bei der Direktversicherung und der Pensionskasse in Frage.

Graue Haare wegen dieser unübersichtlichen Kombi-Möglichkeiten muss sich ein Sparer zunächst nicht wachsen lassen. Das ist der Job seines Unternehmens. Der Gesetzgeber hat zwar fünf Varianten für die betriebliche Altersvorsorge freigegeben, die Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern aber beileibe nicht alle zur Auswahl anbieten. Offeriert der Chef allerdings gar nichts, hat der Arbeitnehmer das Recht auf den Abschluss einer Direktversicherung.

Riester unbeliebt

Viele Unternehmen stricken derzeit an ihren Angeboten. Konzerne entwerfen hauseigene Pakete, die Tarifparteien verhandeln mit Versicherungsgesellschaften um Mengenrabatte und feilen an Branchenlösungen, damit auch kleine und mittelständische Betriebe anständige Varianten bieten können.

Für die Beschäftigten der Metall-, Bau- und Druckindustrie sowie für den Einzelhandel gibt es bereits Tarifverträge, meistens über eine Pensionskasse. VW, Deutsche Post und Deutsche Telekom haben sich für hauseigene Pensionsfonds entschieden. Auch die Robert Bosch GmbH baut einen eigenen Fonds für die rund 102.000 Mitarbeiter in Deutschland auf.

Ähnlich wie bei VW wird es weiterhin eine vom Unternehmen finanzierte klassische Basisversorgung und eine zusätzliche freiwillige Lohnumwandlung geben. ?Auf jeden Fall können die Mitarbeiter bis zu vier Prozent der Bemessungsgrenze einzahlen, wahrscheinlich sogar mehr", erklärt Bernhard Wiesner, bei Bosch für die betriebliche Altersvorsorge zuständig. Und die Arbeitnehmer können wählen: Riester oder nicht.

Das ist nicht überall so. Vodafone, VW und der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) haben die Riester-Vorsorge einfach aus dem Programm gekippt. Die Stimmung ist riesterfeindlich. Denn Riester bringt den Unternehmen nur Ärger und Aufwand. So müssen sie Jahr für Jahr den Familienstatus jedes Arbeitnehmers klären, um die staatliche Zulage festzustellen. ?Unsere Betriebe können diesen bürokratischen Aufwand überhaupt nicht leisten", stellt Jens Schulte, Altersvorsorgeexperte beim BGA, fest.

Mal mehr, mal weniger vorteilhaft

Experten gehen davon aus, dass die meisten Unternehmen ein bis zwei Varianten anbieten werden. Vor allem Pensionsfonds und Direktversicherungen werden das Rennen machen: Pensionsfonds, weil sie für die Unternehmen eine saubere Lösung sind, ihre bisherigen Bilanzbremsen, die Pensionsrückstellungen, steuerfreundlich umzuschichten. Direktversicherungen, weil sie die Pflichtlösung sind - zum Nachteil der Verbraucher, denn die Direktversicherung ist von der neuen Steuerfreiheit ausgenommen. Mit ihr kann ein Arbeitnehmer seine Beiträge nur pauschal versteuern und riestern. Insgesamt kommt man damit im Vergleich zu den 2.160 Euro bei der steuerfreien Variante sogar auf ein Sparvolumen von 2.277 Euro pro Jahr, ein Steuernachteil bleibt aber.

Gegen diese Ungleichbehandlung haben 19 der im Präsidium des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft vertretenen Anbieter des Durchführungswegs ?Direktversicherung" Verfassungsbeschwerde eingereicht. Ende offen.

Unternehmen planlos

Das Beispiel Direktversicherung ist symptomatisch für die vielen ungeklärten Fragen bei der betrieblichen Altersvorsorge. Ein Großteil der Unternehmen stochert auf der Suche nach der für alle besten Lösung noch im Nebel. Laut einer Umfrage des Softwarehauses Infor sieht sich nicht mal jedes fünfte Unternehmen ausreichend vorbereitet.

Wie neu alles ist, zeigt das Beispiel Vodafone. Einen Experten in Sachen Altersvorsorge konnte Pressesprecher Hartmut von Plettenberg im eigenen Haus nicht finden. Dabei hat das Telekommunikationsunternehmen nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes durchaus einen schicken neuen Tarifvertrag vorzuweisen, bei dem Mitarbeiter in diesem Jahr bis zu 2.160 Euro umwandeln können.

Unruhig müssen Arbeitnehmer allerdings nicht werden, wenn ihr Unternehmen noch mitten in der Planung steckt. Das Bundesfinanzministerium hat entschieden, dass in diesem Jahr zumindest Einkommen aus Sonderzahlungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld bis zum Jahresende in Beiträge für die betriebliche Altersvorsorge umgewandelt werden können.

Ansprüche bleiben erhalten

Einen enormen Vorteil bringt das neue Rentengesetz Job-Hoppern: Beiträge, die sie in die betriebliche Altersvorsorge eingezahlt haben, sind sofort unverfallbar. Das heißt: der Rentenanspruch steht ihnen vom ersten Tag an in voller Höhe zu. Wenn sie das Unternehmen verlassen, bleibt er bestehen.

Die Gefahr, dass der ehemalige Arbeitgeber oder das Institut, bei dem die Rente angelegt ist, bis dahin pleite ist, soll ein Sicherheitsnetz aus staatlicher Aufsicht und einem Pensionssicherungs-Verein bannen.

Auch die Beiträge, die der Arbeitgeber für die Rente beisteuert, lassen sich seit Jahresanfang schneller mitnehmen. Musste man bislang zehn Jahre auf ihre Unverfallbarkeit warten, bleiben die Ansprüche auf Betriebsrente jetzt per Gesetz nach fünf Jahren Unternehmenszugehörigkeit erhalten, sofern der Arbeitnehmer das 30. Lebensjahr vollendet hat.

Insgesamt führen die neuen Regelungen zwar dazu, dass man im Alter jede Menge Winzigrenten bei den ehemaligen Arbeitgebern einsammeln muss, aber bekanntlich macht Kleinvieh auch Mist.


Weitere Infos:

Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersvorsorge
Internet: www.aba-online.de

Deutscher Gewerkschaftsbund DGB
Internet: www.dgb.de

Bundesarbeitsministerium
(inkl. sehr schöner Broschüre zum Download)
Internet: www.bma.bund.de

Arbeits- und Sozialministerium NRW
Internet: www.einkommen-der-zukunft.nrw.de/ziel/index.html

Ihre-vorsorge.de
eine Initiative der Landesversicherungsanstalten, der Bahnversicherungsanstalt und der Seekasse
Internet: www.ihre-vorsorge.de

Bundesverband der Versicherungsberater
Internet: www.bvvb.de



Direktversicherung

Der Arbeitgeber schließt für seinen Angestellten eine Lebensversicherung ab, in die Teile des Einkommens fließen. Auf diese Form der Vorsorge haben Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch, falls das Unternehmen nichts anderes anbietet. Im Alter sind Einmalauszahlung und monatliche Rente möglich.

Zwei Förderwege sowie ihre Kombination sind möglich:

?Pauschal versteuern":

  • Einzahlungen: bis zu 1.752 Euro pro Jahr aus dem Bruttoeinkommen (vereinzelt bis 2.148 Euro)

  • Steuern: pauschal versteuert mit 20 Prozent (gut für Leute mit höherem Steuersatz)

  • Sozialversicherung: keine Abgaben, wenn Beiträge aus Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld stammen. Beitragsfreiheit endet 2008.

  • Rentenauszahlung: Steuerfrei, wenn Einmalzahlung. Monatliche Rente wird versteuert.
?Riestern":

  • Einzahlungen: bis 525 Euro pro Jahr (in 2002) aus Nettoeinkommen (stufenweise Anhebung auf 2.100 Euro in 2008)

  • Steuern/Sozialversicherung: bereits vorher abgeführt

  • Riester-Förderung: Zuschuss für die Versicherung (bis 154 Euro in 2008 plus 185 Euro pro Kind) oder Abzug der Beiträge als Sonderausgabe in Steuererklärung (bis 2.100 Euro in 2008)

  • Rentenauszahlung: Wird versteuert und darf nur als monatliche Rente erfolgen.




Pensionskasse

Wird von einem oder mehreren Unternehmen eingerichtet. Die Beiträge der Arbeitnehmer und die Erträge bilden einen Kapitalstock, der die Rente finanziert. Das Geld fließt meist in festverzinsliche Wertpapiere, die Aktienanlage ist gesetzlich begrenzt.

Drei Förderwege sind teilweise kombinierbar:

?Steuer- und sozialabgabenfrei einzahlen":

  • Einzahlungen: aus Bruttoeinkommen in Höhe von bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze (BBG) (in 2002: 2.160 Euro)

  • Steuern: keine

  • Sozialversicherung: keine. Beitragsfreiheit endet 2008.

  • Rentenauszahlung: wird besteuert.
?Pauschal versteuern":

  • Einzahlungen: bis zu 1.752 Euro aus dem Bruttoeinkommen (in Einzelfällen bis zu 2.148 Euro), wenn die BBG-Variante (siehe oben) ausgeschöpft ist.
?Riestern":

Möglich, sofern die BBG-Variante ausgeschöpft oder nicht genutzt wird.

  • Einzahlungen: Jahresbeiträge bis zu 525 Euro (in 2002) aus Nettoeinkommen (stufenweise Anhebung auf 2.100 Euro in 2008).




Pensionsfonds

Neue Form der betrieblichen Altersvorsorge: Der Fonds, in den der Arbeitnehmer einzahlt, wird von einem oder mehreren Unternehmen eingerichtet. Der Verwalter ist frei in der Wahl seiner Geldanlage. Es gibt keine Beschränkungen für den Aktienanteil, deshalb risikoreicheres Vorsorgeprodukt.

Zwei Förderwege möglich, aber nicht kombinierbar:

?Steuer- und sozialabgabenfrei einzahlen":

  • Einzahlungen: aus Bruttoeinkommen in Höhe von bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze (BBG) (in 2002: 2.160 Euro). Weitere Details zu Steuern, Sozialabgaben etc., siehe ?Pensionskasse"

?Riestern":

Möglich, sofern die BBG-Variante ausgeschöpft oder nicht genutzt wird.

  • Einzahlungen: Jahresbeiträge bis zu 525 Euro (in 2002) aus Nettoeinkommen (stufenweise Anhebung auf 2.100 Euro in 2008).




Direktzusage

Klassische Betriebsrente. Der Arbeitgeber verpflichtet sich, seinen Angestellten im Alter eine bestimmte Rente zu zahlen und bildet dafür Rückstellungen in der Bilanz. Riester-Förderung ist nicht vorgesehen, kann aber erreicht werden, indem das Unternehmen die Zusage auf einen Pensionsfonds überträgt.

Nur ein Förderweg möglich:

?Steuer- und sozialabgabenfrei einzahlen":

Einzahlungen: unbegrenzt aus Bruttoeinkommen

Steuern: keine

Sozialversicherung: Beiträge versicherungsfrei bis zur Höhe von vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze (in 2002: 2.160 Euro). Diese Vergünstigung endet 2008.

Rentenauszahlung: wird besteuert.



Unterstützungskasse

Wie bei der Direktzusage verpflichtet sich das Unternehmen zu einer späteren Rente. Die Rücklagen dafür werden nicht in der Bilanz gesammelt, sondern wandern in selbstständige Versorgungseinrichtungen, die von einem oder mehreren Unternehmen eingerichtet werden. Die Riester-Förderung ist nicht vorgesehen, kann aber erreicht werden, indem das Unternehmen die Zusage auf einen Pensionsfonds überträgt.

Nur ein Durchführungsweg möglich:

?Steuer- und sozialabgabenfrei einzahlen":

  • Einzahlungen: unbegrenzt aus Bruttoeinkommen

  • Steuern: keine

  • Sozialversicherung: Beiträge versicherungsfrei bis zur Höhe von vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze (in 2002: 2.160 Euro). Diese Vergünstigung endet 2008.

  • Rentenauszahlung: wird besteuert.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.04.2002