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Frisch frisiert

Der Arbeitsmarkt entspannt sich allmählich, viele Bewerber dagegen nicht. Nach wie vor landen unzählige manipulierte Lebensläufe auf den Tischen der Personaler. Die Grenze zwischen Schönfärberei und Betrug ist fließend. Warauf Sie aufpassen müssen, woran Personalchefs sofort sehen, dass Sie schummeln und was das Arbeitsrecht dazu sagt. karriere sagt es Ihnen.
Arbeitsrecht

Das Pharmaunternehmen hatte mit Christiane Horn (Name von der Redaktion geändert) eine scheinbar perfekte Bewerberin für den Außendienst eingestellt: jung, hervorragende Noten im Doppelstudium Sport und Medizin und obendrauf noch eine Promotion. Gleich beim ersten Durchsehen der Bewerbungsunterlagen war klar, dass die Mitbewerber einpacken konnten.
Nur wenige Monate später musste Christiane Horn selbst einpacken. Durch Zufall kam ein Personalverantwortlicher mit einem ihrer Kommilitonen von der Sporthochschule ins Gespräch - und erfuhr, dass der Neuzugang dort nie einen Abschluss gemacht hatte. "Nachdem die Trickserei mit dem Sportdiplom aufgeflogen war, beauftragte das Unternehmen uns, die weiteren Angaben in den Bewerbungsunterlagen zu überprüfen", sagt Manfred Lotze von der Detektei Kocks in Düsseldorf.
Bereits nach ein paar Telefonaten war klar: Auch beim Medizinexamen und der Promotion handelte es sich um Marke Eigenbau. "Solche krassen Fälschungen sind nicht die Regel", sagt Lotze. "Dennoch lügen Bewerber immer dreister.

Ein Top-Examen aus dem Kopierer

Die besten Jobs von allen


Rund 30 Prozent der Angaben in Lebensläufen sind nicht wahrheitsgemäß, hat Lotze durch eine Überprüfung von 5.000 Lebensläufen ermittelt. Diese Erhebung liegt zwar schon einige Jahre zurück, doch Lotze, der jährlich bis zu 300 Bewerbungen unter die Lupe nimmt, hält sie nach wie vor für aktuell. Gefälscht wird alles, was Farbdrucker und Scanner ausspucken können - vom Arbeitszeugnis auf dem kopierten Firmenbriefbogen bis hin zu Diplomurkunden. Auch das Internet erleichtert es Bewerbern, ihr Arbeitszeugnis selbst zu basteln. Namen von Personalverantwortlichen oder Abteilungsleitern sind dort schnell gefunden.
Wenn eine Fälschung ans Tageslicht kommt, dann häufig durch Zufall - oder schlichtweg durch die Dummheit des Bewerbers. Hin und wieder komme es vor, berichtet Jochen Meismann von der Wirtschaftsdetektei Condetect, dass Kandidaten veraltete Briefbögen von Unternehmen verwendeten und nicht berücksichtigten, dass die Niederlassung oder die Abteilung gar nicht mehr existierte. Oder andersherum: "In einem Fall hat ein Bewerber auf dem Zeugnisbriefbogen bereits die neue Adresse des Firmensitzes angegeben - obwohl das Zeugnis auf einen Zeitpunkt vordatiert war, zu dem das Unternehmen noch gar nicht umgezogen war."
In einem besonders krassen Fall "überbrückte" ein Bewerber die Zeit, die er in einer Justizvollzugsanstalt verbringen musste, durch gefälschte Zeugnisse. "Der war zwar für den Posten als Key-Account-Manager anhand seiner Studienleistungen und vorherigen Berufserfahrung qualifiziert", sagt Meismann. "Aber wer stellt schon jemanden ein, der wegen Betruges einsaß?"
Plumpe Täuschungen hat bisweilen auch das Hamburger Büro einer Top-Wirtschaftsprüfungsgesellschaft auf dem Tisch. "Es kam schon vor, dass Kopien von Seminarbescheinigungen eingereicht wurden, bei denen erkennbar der Name überklebt worden war", sagt die zuständige Personalerin. Den Namen ihres Arbeitgebers möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Der Grund: "Unser Unternehmen soll mit so etwas nicht in Verbindung gebracht werden."
Mit diesem Wunsch ist sie nicht allein: Nur wenige Unternehmen äußern sich bereitwillig zu diesem Thema. "Wir kommentieren unser Recruitingverfahren nicht", heißt es etwa bei der Deutschen Bank. "Das würde potenziellen Betrügern ja nur helfen." "Je höher die Position und die Vergütung, desto genauer muss man mit seinen Angaben sein", warnt Christoph Abeln, Partner in der Berliner Arbeitsrechtskanzlei Abeln, Glock & Partner. "Das heißt, desto eher werden falsche Angaben als Täuschung gewertet." Kein Wunder: Mit zunehmender Berufserfahrung und beruflicher Unzufriedenheit - etwa über ausbleibende Beförderungen oder Gehaltserhöhungen, steige die Bereitschaft, den Lebenslauf mit falschen Bescheinigungen anzureichern, haben Experten beobachtet. Urkundenfälscher sind jedoch die Minderheit unter den Blendern. Der Großteil der Manipulationen besteht aus mehr oder weniger fantasievollen Ausschmückungen des Lebenslaufs. "Viele Bewerber wollen in den Arbeitsmarkt zurück und glauben, mit Täuschungen oder bewusster Nichtangabe die Chance auf ein Vorstellungsgespräch zu erhöhen", weiß Sabine Rutkowski von der Personalberatung Kienbaum. Nach Manfred Lotzes Erfahrung ist die Neigung zum Schönfärben je nach Branche unterschiedlich stark ausgeprägt. Laut Statistik nehmen es Ingenieure und Naturwissenschaftler noch am genauesten mit der Wahrheit - mal abgesehen von den Maschinenbauern, die es nach Lotzes Ermittlungen mit den PR- und Werbefachleuten aufnehmen können. Die sind offensichtlich nicht nur im Beruf fantasievoll, sondern auch bei der "Korrektur" ihrer Lebensläufe.

Mei inglisch is fluänt

Die Hochstapelei beginnt in der Regel dort, wo es am einfachsten ist. "Am liebsten färben Bewerber ihre Sprachkenntnisse schön", sagt Kienbaum-Beraterin Sabine Rutkowski. Da mutiere ein kümmerliches Schulenglisch auf dem Papier schnell zu verhandlungssicheren Kenntnissen. Keine gute Idee - denn geschönte Sprachkenntnisse fliegen als Erstes auf. So checkt Kienbaum in Bewerbungsgesprächen ab, ob die Behauptungen der Realität entsprechen. "Wir führen das Gespräch teilweise auf Englisch", verrät Rutkowski, die deswegen schon in erschrockene Gesichter blickte. Auch mit Schönfärberei verlasse man schon die Wahrheit, gibt Lars Schmidt, Personalmanager beim Klingeltonanbieter Jamba und dessen Mutterkonzern Verisign, zu bedenken. "Für uns wäre das das Ende der Verhandlungen. Auch wenn jemand ,nur' über seine Hobbys täuscht - es bleibt eine Lüge."
Schmidt erinnert sich an einen Bewerber, der eine Phase der Arbeitslosigkeit kaschierte, indem er die Zeit beim Vorarbeitgeber eigenhändig verlängerte und den Antritt des nächsten Jobs vordatierte. Schmidt: "Das war natürlich das Aus." Um derartige Manipulationen aufzudecken, genüge in einigen Fällen schon ein Abgleich des Arbeitszeugnisses mit dem Lebenslauf.

Mach Dich nackig

Bei Verisign kam die Schummelei durch einen umfangreichen Standardcheck ans Tageslicht. Das Unternehmen lässt alle Bewerber, die in die engere Wahl kommen, durch den amerikanischen Datenhändler Choice-Point überprüfen. Die Bewerber müssen einen Online-Fragebogen ausfüllen. Nach einer gründlichen Durchleuchtung gibt Choice-Point grünes Licht - oder teilt mit, dass der Kandidat den Sicherheitscheck nicht bestanden hat.
Die Überprüfung durch externe Dienstleister haben bisher nur wenige deutsche Unternehmen für sich entdeckt, behaupten die Wirtschaftsdetekteien. Branchenkenner beobachten allerdings, dass Konzerne dazu übergehen, Plausibilitätsprüfungen durchzuführen. So wird mit Anrufen bei ehemaligen Arbeitgebern oder der vom Bewerber genannten Universität überprüft, ob die Angaben im Lebenslauf korrekt sind.
Einen schmalen Grat in Sachen Selbstvermarktung hat auch Michael Träm, Ex-Europa-Chef von A.T. Kearney, beschritten. Der Jurist flog im vergangenen Jahr bei der Beratungsgesellschaft raus, weil er sich zeitweise mit einem fragwürdigen Doktortitel geschmückt hatte, den er in Deutschland nicht führen durfte. Was anschließend passierte, könnte Vorbildcharakter für alle reuigen Täuscher haben: Träm promovierte noch einmal - dieses Mal an der seriösen Universität Saarbrücken - und trat im Februar einen neuen Job in der Geschäftsführung einer anderen Unternehmensberatung an. Der Ehrliche ist offenbar nicht immer der Dumme

Katja Wilke

Arbeitsrecht

Sauber bleiben

Die Rechtslage ist eindeutig: Wer Arbeitszeugnisse oder Abschlüsse fälscht, begeht Urkundenfälschung und damit eine Straftat im Sinne des § 267 StGB, für die das Strafgesetzbuch bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe androht. Der Grat zwischen strafbarer Fälschung und Lüge ist schmal. Das Vortäuschen von Fähigkeiten und Qualifikation ist, wenn diese für die auszuübende Tätigkeit von Bedeutung sind, arglistige Täuschung im Sinne des § 123 und berechtigt den Arbeitgeber zur Anfechtung des Arbeitsvertrages. In krassen Fällen kann er Teile des ausgezahlten Gehalts und/oder die abgeleiteten Sozialabgaben zurückfordern. Vor Gericht landen allerdings nur wenige Fälle, denn oft ist die Beweisführung zu schwierig. Hinzu kommt die lange Wartezeit bei den Arbeitsgerichten.
kat
Dieser Artikel ist erschienen am 29.08.2006