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Friede Springers Consigliere

Von Dieter Fockenbrock
Der Topanwalt Georg Thoma von der Kanzlei Shearman & Sterling ist immer ganz dicht dran, wenn neue Übernahmen eingefädelt werden. Dabei war Thoma in den achtziger Jahren noch ein kleiner Spieler. Die Wende brachte - die Wende.
Genau das leistet er jeden Tag in seinem Job, genau das schätzen offensichtlich seine Mandanten. Georg Thoma geht in vielen Vorstandsetagen ein und aus, zählt zu den gefragtesten Gesprächspartnern in deutschen Konzernen. Thoma ist Experte für Fusionen und Übernahmen.Davon gibt es einige im Lande, aber nur wenige, die bei so vielen Deals ganz dicht an den entscheidenden Managern dran waren. Zuletzt stand er Friede Springer und Verlagschef Matthias Döpfner beim milliardenschweren Kauf des TV-Senders Pro Sieben Sat 1 zur Seite. ?Thomas ist der Consiglieri für viele Vorstände?, sagt Aled Griffiths, Branchenbeobachter beim Fachmagazin Juve. Dieser Stil präge die gesamte Arbeit von Shearman & Sterling in Deutschland.

Die besten Jobs von allen

Nah dran ist Thoma, schlank und groß, nicht nur bei Springer. Als Daimler seine ?Hochzeit im Himmel? mit Chrysler feierte, als der Schweizer Pharmakonzern Novartis die süddeutsche Generikafirma Hexal schluckte und als die Versorgungskonzerne Veba und Viag zum größten deutschen Energiekonzern fusionierten, war Thoma dabei. Der 60-Jährige hat sich und die Kanzlei innerhalb weniger Jahre in die Spitzenliga der Wirtschaftsanwälte katapultiert. Noch in den achtziger Jahren war Thoma ein kleiner Spieler.Deshalb sind für den Chef der deutschen Dependance der US-Kanzlei ?die vergangenen 15 Jahre eine kolossal dichte Zeit? gewesen. Der Aufstieg des in Trier geborenen Anwalts in den Olymp der Fachanwälte ist eng mit der Wiedervereinigung verbunden.Anfang der neunziger Jahre geht er für Shearman nach Berlin, um dort bei der Privatisierung des DDR-Volksvermögens mitzumischen. Thoma zieht mit dem ehemaligen Chemiekombinat Leuna nicht nur einen lukrativen Auftrag an Land, sondern startet so auch die Karriere der US-Kanzlei in Deutschland. In den Westen zurückgekehrt, ziehen er und seine Kollegen bei vielen großen Fusionen und Übernahmen die Strippen mit. Vom Privatisierungsjob im Osten bringt er Kontakte mit.Trotzdem weist Thoma die nahe liegende Vermutung, er schreibe seine Erfolgsgeschichte mit persönlichen Beziehungen, nachdrücklich zurück. Golfplatz-Geplänkel und Stehempfänge sind nicht sein Ding. Das glaubt man dem Mann mit seiner nüchternen Art sofort. Sein Netzwerk, sagt er, sei gewachsen ?wie ein Baum?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Mann ohne Allüren.Thoma ist ständig auf Reisen. Und wenn er einmal einen Blick aus dem Fenster seines Düsseldorfer Büros wirft, selbst dann schaut er auf das Ergebnis einer seiner großen Mandate: das Hochhaus des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp. Thoma hat 1997 mit dem damaligen Krupp-Chef Gerhard Cromme Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Denn noch nie zuvor hatte ein deutsches Unternehmen auf diese Weise versucht, einen deutschen Rivalen feindlich zu übernehmen. Seitdem bröckeln die Mauern der Deutschland AG.Und Thoma ist stolz darauf, die Wirtschaftslandschaft umzukrempeln. Jetzt zum Beispiel, wenn der Printverlag Springer ins TV-Geschäft einsteigt und den Medienmarkt nachhaltig verändert. ?Dass ich da mitmachen durfte, das ist einfach klasse?, gibt der Anwalt gerade heraus zu.Überhaupt: Sein Stil entspricht so gar nicht den Erwartungen. Kein dunkelblauer Nadelstreifen, kein Eigenmarketing, keine Allüren. Thoma spricht schnell, konzentriert, ohne Schnörkel. ?Meine Mandanten schätzen es, dass ich ihnen die Wahrheit sage.? Den einen oder anderen hat er vor einer Übernahme gewarnt. Das schützt gelegentlich vor Kritik. Schließlich hing bei Daimler-Chrysler lange der Haussegen schief, steht beim Kunden Hypovereinsbank auch nicht alles zum Besten. Natürlich sind Vertragsexperten wie Thoma nicht für den Vollzug des Deals verantwortlich. ?Aber es trifft einen schon, wenn das Geschäft nicht wie erwartet funktioniert?, sagt Thoma.Doch Ehrlichkeit allein kann seinen Erfolg nicht erklären. Marktbeobachter Griffiths sieht das Geheimnis in einer ?Kombination aus hervorragendem Anwalt und dem kreativen Ansatz eines Investmentbankers?. Thoma sieht das auch so: ?Ich hätte auch Betriebswirt werden können.? Gerade bei Fusionen und Übernahmen sei die Gesamtbeurteilung der Situation wichtig. Dieser Anspruch ist seinen Mandanten aufgefallen ? und anderen: Im Juni hat ihn die European Business School in Oestrich-Winkel zum Ehrendoktor der Wirtschaftswissenschaften ernannt. Und im vergangenen Jahr stieg Thoma zum Global Co-Managing-Partner der US-Kanzlei auf.Sich selbst bezeichnet er als ?Perfektionisten?. Er ist dafür berüchtigt, dass er selten ohne Unterlagen in eine Besprechung kommt. Und heraus geht er nie vor dem ?Closing?, wie der Vertragsabschluss im Fachjargon genannt wird. Die Anwälte, sagt er, ?sind immer die letzten, die die Tür zumachen?. Da haben Investmentbanker und Berater längst die Sektkorken knallen lassen.Doch Thoma liebt diese Dichte seines Lebens, bis in den Abend hinein. Wenn er ausnahmsweise mal frühzeitig nach Hause kommt, räumt er noch schnell den Abendbrot-Tisch seiner Familie ab und widmet sich dann gleich seiner Bibliothek über Kunst, Philosophie und Gartenbau, wo er Entspannung und Anregung findet ? für den nächsten großen Deal.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.08.2005