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Freunde in der Not

Ein Job ist mehr als das halbe Leben. Bricht er weg, bröckelt auch das Ego. Wer sich aus Scheu von arbeitslosen Bekannten fern hält, gibt ihnen noch eins drauf. Also, Freunde: fragen, zuhören, da sein!
Was machst du denn so? Normalerweise die bequemste aller Partyfragen. Plötzlich wird sie brisant, weiß Thomas Kahler. Wenn man arbeitslos ist, kann man eben nicht mehr sagen: Grafiker bei X, Berater bei Z. Und niemand erwartet als Antwort: "Ich lese gern.

Zehn Jahre lang lebte Thomas Kahler, 38, für seinen Beruf. Bei einem Münchener IT-Dienstleister war er vom Praktikanten zum Trainer und Manager in der internationalen Personalentwicklung aufgestiegen. Letzten Herbst der Schock für den heute dreifachen Vater: Umstrukturierung, teure Stabsstellen wie seine auf der Streichliste.
Sinn- und Brötchengeber

Die besten Jobs von allen

Fusionen, Pleiten, Arbeitsplatzverlagerungen zwingen zunehmend auch hoch qualifizierte, motivierte Leute aus dem Berufsleben. 250.000 Akademiker suchen zurzeit einen Job, ihr Anteil unter den Arbeitslosen ist in den vergangenen drei Jahren von 4,8 auf sechs Prozent gestiegen. Besonders für sie stellt der Jobverlust ein "identitätsbedrohendes Ereignis" dar, zeigt eine Studie der Uni Marburg. Denn Arbeit bedeutet ihnen nicht nur Broterwerb und soziale Einbindung, sondern auch Selbstverwirklichung.Mit der Kündigung bekam Thomas Kahler gesundheitliche Probleme. Zu plötzlich der Sturz aus dem Job, dazu finanzielle Sorgen: Der jüngste Sohn drei Monate alt, die Eigentumswohnung längst nicht abbezahlt. Gegen das Herzrasen half Jogging, gegen Panik ein Outplacement-Berater. Die professionelle Unterstützung bei der Jobsuche zahlt Kahlers Ex-Arbeitgeber.Ziel der ersten Sitzung: Eine Sprachregelung für die Was-machst-du-Frage finden. "Umstrukturierung, keine adäquate Stelle, faire Verhandlung, Neuorientierung: Das waren wichtige Schlüssel für mich", erzählt Kahler. Niemand ist von Beruf arbeitslos, betont Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner. Ihr Appell ans Umfeld: Fragen, was der Arbeitslose vorher gemacht hat, was er jetzt plant. Zeigen, dass man ihn auch mit Sorgen mag.Reden ist GoldDoch oft wird es um Jobsuchende still. "Wie andere Notsituationen konfrontiert Arbeitslosigkeit das Gegenüber mit Ohnmachtsgefühlen. Folglich ziehen sich viele vom arbeitslosen Bekannten zurück - und strafen ihn so doppelt", erklärt Psychologin Leitner.Der Freund drückt sich mit schlechtem Gewissen, statt anzurufen und zu sagen, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Den Arbeitslosen trifft die scheinbare Ablehnung hart. Das mit Jobverlust sinkende Selbstbewusstsein rutscht erst recht in den Keller. Bauch schlägt Kopf, sagt die Arbeitspsychologie: Trotz Wissen, dass die schlappe Konjunktur schuld ist, wird die Kündigung als persönliches Versagen erlebt.Beim ersten Treffen mit dem Münchener "Netzwerk erwerbssuchender Akademiker" begegnete Thomas Kahler seinen eigenen Vorurteilen. In der Initiative haben sich 200 Juristen, Politologen, Ingenieure zwecks Arbeitskreisen zusammengeschlossen. Kahler sitzt im Workshop Existenzgründung und stellt überrascht fest: "Mit diesen zehn Spitzenleuten könnte man schon einen Laden aufziehen."Keiner gibt mit dem Büroschlüssel auch Wissen und Talente ab. Mit dem Titel auf der Visitenkarte nicht die Identität als Freund, Partner, Schwester. Man hat sie nur jahrelang in die Nebenrolle gedrängt. "Arbeitslose sollten sich sozialen Rückhalt suchen, um die Situation zu bewältigen", sagt Thomas Kieselbach, Leiter des Instituts für Psychologie der Arbeit an der Uni Bremen. Das muss nicht beim Partner sein. Manche Beziehungen vertragen die zusätzliche Nähe nicht, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt. "Auf Freunde ausweichen oder alles, was mit Bewerbung zu tun hat, nicht daheim erledigen", rät Kieselbach.Kampf der LeereMindestens drei Tage pro Woche fährt Thomas Kahler zur Jobsuche ins Büro der Outplacement-Beratung. Freie Zeit plant er mit seiner Frau durch. Bei Aldi-Einkauf und Kindergeburtstag organisieren tankt der Ex-Manager auf.TV-Redakteurin Tine Wittler hatte mehr Zeit, in die Sinnlosigkeit abzudriften. Gestern noch Vertreterin der Generation Neue Medien. Heute raus aus dem Hamsterrad, weil das Sendeformat ihres Arbeitgebers, einer Hamburger Produktionsfirma, ans ZDF verkauft wurde. "Nachmittags schaute ich im Nachthemd Gericht-Shows", erzählt Wittler. Aber erst, nachdem sie Schränke ausgemistet und Versicherungsunterlagen sortiert hatte.Wittler ging den nach einer Kündigung typischen Leidensweg. Auf den Schock folgt Urlaubsgefühl, auf die Flucht in Hyperaktivität die Depression. Ein harmloses "Du kannst ja morgen ausschlafen" von Freunden reichte für Tränen.Drei Monate weiter wählte Wittler die Offensive, fragte zurück: "Wie würdest du dich an meiner Stelle fühlen?" "Willst du im Job was bewegen oder vor allem Geld verdienen?" So wurde sie wiedergeboren, die Idee zum Roman, die Tine Wittler im Angestellten-Alltag begraben hatte. In "Parallelwelt" erzählt Ex-Redakteurin Tine, 30, von Ex-Redakteurin Marnie, 30. "Als ich ein Projekt hatte, war alles gut. Die Leute erwarten, dass du dir was Neues vornimmst."Gut gemeint ist auch danebenFreunde sind keine Karriereberater, warnt Psychologin Leitner. "Aber sie können beobachten, ob jemand strukturiert nach einem neuen Job sucht und alle möglichen Alternativen verfolgt." Dann sei nicht nur interessiertes Nachfragen, sondern auch konkrete Hilfe erlaubt: Bewerbungsschreiben gegenlesen, auf nützliche Adressen hinweisen.Pauschale Ratschläge dagegen sind auch Schläge. Das ist Sylvia Meißners Erfahrung aus sechs Monaten Jobsuche. Nach Studium und Praktika im Ausland zog die BWL-Absolventin aus Berlin notgedrungen wieder ins brandenburgische Hennigsdorf. Unverständnis der Verwandtschaft: "Warum arbeitest du nicht als Stewardess? Das ist doch international."Die 24-Jährige ist allen dankbar, die an sie geglaubt haben. Die mit ihr abends nicht in Berlin-Schöneberg, sondern im preiswerten Prenzlberg ausgingen. Ihr Geld verdiente Meißner mit BWL-Kursen für krankheitsbedingt Arbeitslose. "Dabei wurde mir klar, dass andere es schwerer haben." Und dass sie lieber mit Menschen als mit Zahlen arbeiten will. Manchmal haben Zwangspausen auch ihr Gutes. "Man besinnt sich auf eigene Stärken", sagt Psychologin Leitner.Niemand nimmt Thomas Kahler die finanzielle Sorge, wenn mit Ende des Arbeitslosengelds keine neue Stelle da ist. Doch er sieht auch Chancen. "Ich will immer wieder Neues aufbauen. Vielleicht wäre ich im alten Job eingerostet." Tine Wittler bekam nach ihrem Buchprojekt einen Jahresvertrag als Moderatorin für die RTL-Sendung "Einsatz in vier Wänden". Anschließend möchte sie wieder schreiben.Sylvia Meißner packte ihren Bewerbungsfrust in einen Leserbrief an karriere. Darauf folgte ein Jobangebot der Personalberatung Signium International. Seit April arbeitet Meißner bei den Düsseldorfern: "Das hat einfach gepasst." Den Marathon Jobsuche muss jeder selbst hinter sich bringen. Aber das Laufen ist leichter, wenn einen Freunde dabei anfeuern. Liane Borghardt

"Oft wird es um Arbeitslose still." Madeleine Leitner, Psychologin Bewährungsprobe für die Beziehung: Entweder schweißt die Arbeitslosigkeit eines Partners noch stärker zusammen, oder Konflikte verschärfen sich. Feiert ihren neuen Job: Sylvia Meißner, 24, ist allen dankbar, die beim Bewerbungsmarathon an sie geglaubt haben. Keine Scheu

Psychologin Christine Morgenroth über den Umgang mit Arbeitslosen

Verliert einer seinen Job, reagieren Partner und Freunde oft hilflos. Warum?
Christine Morgenroth: Jobverlust löst wie jeder andere Verlust, etwa Tod oder Pleite, Irritation aus: Ich will beim arbeitslosen Freund keine Wunden aufreißen oder Peinlichkeit hervorrufen. Also sage ich nichts. Eine stumme Umgebung ist jedoch das Schlimmste für Arbeitslose. Sie fühlen sich geschnitten, deuten das Schweigen anderer als Zeichen für die eigene Wertlosigkeit.Zunehmend trifft Arbeitslosigkeit auch Hochqualifizierte. Führt das zum unverkrampfteren Umgang mit dem Thema?Sollte man meinen. Aber dem ist nicht so. Vielmehr tritt neben die Angst, etwas falsch zu machen, noch eine tiefer liegende: nämlich, dass man selbst seinen Job verlieren könnte. Das setzt oft eine Verleugnungsstrategie in Gang. Motto: Schweige ich das Thema tot, geht der Kelch an mir vorüber.Wie lässt sich das Schweigen brechen?Indem man ohne Scheu Verständnis signalisiert: Etwa, dass man dieselbe Erfahrung schon gemacht hat. Sich sorgt, dass einem dasselbe passiert. Diesen Ball kann der Ex- Kollege, Bekannte, Freund dann aufgreifen.Verlangen Jobgestresste zu viel vom arbeitslosen Partner? Bewerbungen und Hausarbeit sollten erledigt sein..Wer zehn Stunden geackert hat, kann das mit Recht erwarten. Die vermeintliche Wertlosigkeit von unbezahlter Arbeit ist etwas, mit dem jede Hausfrau zu kämpfen hat. So gesehen ist die Arbeitslosigkeit für beide Partner eine Chance zu erkennen, dass nicht nur Erwerbsarbeit wertvoll ist.Was, wenn der Partner sich hängen lässt?Immer wieder nachfragen: Was würde dir helfen, um den nächsten Schritt zu tun? Oder sagen: Ich akzeptiere nicht, dass du passiv da sitzt. Stelle ich an den Partner die sonst üblichen Anforderungen, stigmatisiere ich ihn auch nicht.Die Fragen stellte Liane BorghardtChristine Morgenroth, 51, ist Psychotherapeutin und Professorin für Sozialpsychologie an der Uni Hannover. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Arbeitslosigkeit und ihre Folgen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2004