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Frenzels letzte Chance

Von Eberhard Krummheuer
Viele sind skeptisch, ob sich Michael Frenzel weiter an der Tui-Spitze halten kann. Der Manager hat allzu viel Porzellan zerschlagen. Doch nun will er mit dem Reiseveranstalter First Choice die Sympathien zurückgewinnen. Es könnte der späte Wendepunkt in der Karriere des Managers werden ? oder eine neue Krise.
Die Aktionäre waren zuletzt nicht sehr zufrieden mit Frenzel. Foto: ap
DÜSSELDORF. Er kann einstecken, ohne auszuteilen und ohne sich etwas anmerken zu lassen. Auch in schweren Zeiten, die er reichlich hinter sich hat, blieb der gelernte Banker Michael Frenzel äußerlich stets beherrscht. Und selbst polemisch-anklagende Demütigungen von Aktionärsvertretern auf den Hauptversammlungen nahm er stets ohne sichtliche Regung hin.Am Montag nun hat der Tui-Chef verkündet, dass Europas größter Reise- und Schifffahrtskonzern mit dem britischen Reiseveranstalter First Choice zusammengeht. Das ist für ihn nach einer langen Durststrecke ein großer Schritt nach vorn, wenn nicht ein Triumph. Mit dem neuen Partner könnte Tui die Rolle als Nummer eins in Europas Touristik festigen und den Abstand zum Wettbewerber Thomas Cook wieder herstellen. Der hatte verkündet, mit dem englischen Konzern My Travel gemeinsame Sache zu machen.

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Die Abmachung mit den Briten könnte zu einem späten Wendepunkt in der Karriere des 60-Jährigen werden, der in den letzten zwei Jahren in der Branche und in den Medien schon so manches Mal als angeschlagen und glücklos abgeschrieben wurde, so dass Kritiker Tui mit ?Tränen unter Investoren? und ?Tief unter Index? übersetzten. Zu viel ging seit den Terroranschlägen des 11. September beim Reiseriesen Tui schief.Das begann schon mit der von Frenzel beharrlich verfolgten Strategie, das alte Industriekonglomerat Preussag zum fröhlichen Reisekonzern Tui mit dem zum ?Smiley? gemachten Firmenlogo zu verwandeln. Die Strategie will nicht so einfach aufgehen. Immer wieder halten wütende Aktionäre auf den Hauptversammlungen in der fast schon angemessen düster erscheinenden Eilenriede-Halle im Congress-Centrum Hannover dem Konzernchef die Vernichtung ihrer Werte vor ? ist doch die Tui-Aktie meilenweit von alten Preussag-Kursen entfernt.Mit stoischer Beharrlichkeit weist Frenzel immer wieder darauf hin, dass dauerhaft mit der Preussag kein Geld zu verdienen gewesen wäre. Richtig in die Bredouille gerät Tui, als Hedge-Fonds den im Dax schwächelnden Konzern als Spekulationsobjekt ausmachen. Wer Frenzel damals, vor knapp zwei Jahren, aus der Nähe erlebt, bemerkt, dass es unter der coolen Fassade brodelt. Da ist ein Mensch spürbar, der um seine unternehmerische Idee kämpft und dafür monatelang fast pausenlos zu Vorstellungsgesprächen bei Bankern und Investoren reist ? mit Erfolg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Frenzel macht sich unbeliebt.Doch auch heute noch gilt die Tui als Wackelkandidat. Ihr fehlen auf der Aktionärsseite große Investoren, die die Ideen des Managements teilen und stützen. Vor allem jenen strategischen Wandel, der Frenzel erneut den heiligen Aktionärszorn eintrug: In der Erkenntnis, dass das von Krieg, Krisen, Naturkatastrophen und Epidemien bedrohte Reisegeschäft immer mal schnell in den Keller sacken kann, zauberte der Konzernchef die ?Zwei-Säulen-Strategie? aus dem Hut und machte die Tochter Hapag-Lloyd mit ihrer weltweiten Container-Schifffahrt zur zweiten Sparte neben der Touristik.Als er dann für reichlich Geld die kanadische CP Ships hinzukaufte, war Frenzel einmal mehr glücklos. Der bekennende Fan von Hannover 96 investierte gerade zu einem Zeitpunkt, als die Frachtraten in der Container-Schifffahrt in den Keller gingen. So haben die roten Zahlen dieser Sparte die Bilanz 2006 mehr als verhagelt.Beobachter kritisieren immer wieder, dass Frenzel Entscheidungen falsch, zu spät oder zum falschen Zeitpunkt traf. Etwa als er den Einstieg in den boomenden Kreuzfahrt-Massenmarkt ankündigte. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Werften keine Kapazitäten mehr für neue Schiffsbauten hatten. Der Einstieg in diesen Markt wurde schnell in eine Kooperation umgedeutet. Hinzu kommen immer wieder Entscheidungen, die in der Branche Kopfschütteln auslösen. Etwa die, dass er seit Jahresbeginn die deutschen Ferienflieger des Konzerns, Hapag fly und HLX, als Tui fly vermarktet. Aber Frenzel lässt sich nicht aus der Ruhe bringen ? auch nicht auf Fragen, ob das nicht Konflikte mit anderen Reiseveranstaltern heraufbeschwört, weil die ihre Pauschalreise-Urlauber zwar mit Hapag fly transportieren lassen, aber kaum mit Fliegern im Namen des Konkurrenten Tui. ?Das Problem sehe ich sehr wohl?, sagte Frenzel seinerzeit, aber ?das ist durchaus kalkulierbar.?Seine Lage wurde auch nicht besser, als er im letzten Dezember nach einer Krisensitzung des Aufsichtsrats einen Verlust im dreistelligen Millionenbereich ankündigen musste ? Spekulationen über einen Milliardenbetrag kamen auch schon aus der Bankerszene. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis Frenzel den Chefposten in Hannover verlassen musste. Die Hauptversammlung im Mai ? sie war als Canossagang vorstellbar, hatten doch Aktionäre und Finanzinvestoren ihren Widerstand gegen Frenzel und seine Zwei-Säulen-Strategie angekündigt.Der Deal mit First Choice könnte dem viel kritisierten Tui-Chef nun doch noch Auftrieb geben. Jedenfalls meldet sich Tui in der neuen Konsolidierungsrunde der europäischen Touristikbranche zurück. Der Konzernchef hat offenbar nicht vor, Bilanzpräsentation oder Hauptversammlung zum vorzeitigen Abschied in den Ruhestand zu nutzen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita Michael Frenzel.Michael Frenzel1947: Er wird am 2. März in Leipzig als Sohn eines Schuhmachers geboren.1955: Frenzel siedelt mit seiner Familie in den Westen über und kommt bei Verwandten in Duisburg unter. Er verpflichtet sich für zwei Jahre als Zeitsoldat und studiert dann in Bochum Jura.1980: Er beginnt als Trainee bei der Sparkassenorganisation. Anschließend wird er Büroleiter von WestLB-Chef Friedel Neuber. Dann steigt er zum Leiter des Beteiligungsbereichs auf.1988: Er wechselt in den Vorstand der Preussag in Hannover und ist für Handel und Logistik zuständig.1994: Er wird Vorstandsvorsitzender der Preussag. In den kommenden Jahren baut er den Mischkonzern mehr und mehr zum großen Reiseveranstalter Tui um. 1997 steigt er bei Hapag-Lloyd ein. Heute ist Tui die Nummer eins auf dem europäischen Markt.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.03.2007