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Frauen und Forschung - das flutscht noch nicht überall so richtig.

Am Beispiel Europa: Nach Studien der Europäischen Kommission sind nur 50 000 der 500 000 Forscher in der Industrie Frauen. Die UNESCO und der Kosmetikkonzern L`Oréal vergaben in diesem Jahr zum fünften Mal in Paris den internationalen Award ?For Women in Science? um Frauen in der Forschung zu fördern. Die Awards gingen an fünf Wissenschaftlerinnen, daneben gab es 15 Stipendien für Nachwuchsforscherinnen.
Am Beispiel Europa: Nach Studien der Europäischen Kommission sind nur 50 000 der 500 000 Forscher in der Industrie Frauen. Die UNESCO und der Kosmetikkonzern L`Oréal vergaben in diesem Jahr zum fünften Mal in Paris den internationalen Award ?For Women in Science? um Frauen in der Forschung zu fördern. Die Awards gingen an fünf Wissenschaftlerinnen, daneben gab es 15 Stipendien für Nachwuchsforscherinnen. ?Frauen sind in der Forschung noch immer benachteiligt und müssen sich in männlich geprägte Strukturen durchkämpfen?, begründet Christian de Duve, Stiftungspräsident des Awards und Medizin-Nobelpreisträger die Notwendigkeit des Preises.

Junge Karriere befragte einige der diesjährigen UNESCO-L`Oréal-Stipendiatinnen, unter welchen Voraussetzungen Forscherinnen auf anderen Kontinenten arbeiten

Die besten Jobs von allen


Maria Gabriela Palomo, 32, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Meeresökologie an der Nationalen Universität von Mar del Plata, Argentinien.

Besonders viel finanzielle Unterstützung vom Staat gibt es in Argentinien leider nicht, aber man hat ja die Möglichkeit, Förderung von ausländischen Organisationen zu bekommen. Forscherinnen arbeiten im Grunde unter den gleichen Bedingungen wie ihre männlichen Kollegen. Ein wirkliches Problem sind nur die argentinischen Männer, die ihre Frauen am liebsten zu Hause am Herd sehen würden. Mein Ex-Freund war so einer. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Forschung zu leben

Darie Alikaj, 33, promoviert zur Zeit in Zoologie an der Universität von Aleppo, Syrien

In Syrien sind weit über 50 Prozent der Naturwissenschafts-Studenten Frauen. Und es ist nicht so, dass sie danach heiraten und vom Arbeitsmarkt verschwinden. Im Gegenteil, mein Eindruck ist, dass Frauen bei uns stärker an der wissenschaftlichen Arbeit interessiert sind als Männer, die werden lieber Ärzte oder Ingenieure. Vielleicht liegt es daran, dass man in der Forschung nicht besonders viel verdient. Von Benachteiligung oder Unterdrückung der Frau kann meiner Meinung nach in unserem Land überhaupt nicht die Rede sein. Ich zum Beispiel gehe mit meinem L`Oréal-Stipendium für ein halbes Jahr nach England, obwohl ich verheiratet bin.

Sodangi Abdulkarim Luka Gesinde, 33, promoviert zur Zeit in tiermedizinischer öffentlicher Gesundheit und Präventivmedizin an der Ahmadu Bello Universität in Zaria, Nigeria

Viele Naturwissenschaftler in Nigeria sind Frauen. Sie bleiben auch nach den Studium im Beruf, gehen oft in die Lehre und einige werden auch Forscherinnen. Probleme haben Frauen in Nigeria, weil man mit Familie und Karriere gleichzeitig fertig werden muss. Ich selbst habe drei kleine Kinder. Sich um Familie kümmern und gleichzeitig zu Forschen - das ist eine Herausforderung. Wenn einen der Mann da nicht hundertprozentig unterstützt, hat man keine Chance. Es ist wichtig, dass Frauen studieren und forschen, denn ich glaube an das Sprichwort: Wenn Du einen Mann erziehst, erziehst Du ein Individuum. Wenn Du eine Frau erziehst, erziehst Du eine Nation

Ayse Erzan, Professorin der Physik an der Technischen Universität Istanbul, Türkei

Frauen sind als Forscherinnen in der Türkei schon lange akzeptiert: Seit den 30er Jahren dürfen Frauen studieren. An den Universitäten sind heute nur 17 Prozent der naturwissenschaftlichen Studenten Frauen, in den Fakultäten stellen sie immerhin 30 bis 50 Prozent. Ob Frauen studieren und forschen können, hängt allerdings stark von ihrem Wohnort ab: In den Städten ist es - wenn in den Familien genug Geld vorhanden ist - selbstverständlich, aber im Osten des Landes kann es passieren, dass Frauen nicht einmal zur Schule geschickt werden. Wir brauchen in diesen Gebieten unbedingt mehr Bildung für die weibliche Bevölkerung

Infos zur Bewerbung für ein Stipendium für junge Forscherinnen: http://www.unesco.org.uk/584.htm

Interview mit Helga Ebeling, Europäische Kommission, Generaldirektion Forschung

Laut dem aktuellem Bericht der Expertenkommission der Europäischen Kommission "Women in Industrial Research"(WIR) gibt es zu wenig Forscherinnen in der Industrie. Interessieren sich Frauen nicht für die Jobs?

Forschung in der Wirtschaft war bisher als Arbeitsfeld für Frauen überhaupt nicht sichtbar. Es fehlen Vorbilder und Information. Die Zahlen sprechen für sich: In den Jahren 2000/2001 gab es europaweit fast 170.000 Absolventinnen in ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengängen. Eine Statistik basierend auf 10 EU-Mitgliedstaaten zeigt das magere Ergebnis von nur knapp 51.000 Forscherinnen in der Wirtschaft, davon nur ein Bruchteil in Führungspositionen. Noch immer starten zu wenige Frauen eine Forschungskarriere oder sie verlassen die Wissenschaft, weil die Strukturen stark männlich dominiert sind.

Warum kümmert sich die EU um das Thema?

Wir wollen, dass wissenschaftliche Talenten in Europa optimal genutzt werden. Wenn weiterhin Scharen von hochqualifizierten Frauen der Wissenschaft verloren gehen, kann Europa international nicht wettbewerbsfähig bleiben.

Würde eine spezielle Förderung helfen?

Es geht nicht darum, die Frauen zu fördern, das haben sie eigentlich nicht nötig. Frauen müssen in den Unternehmen und Forschungseinrichtungen einfach anders wahrgenommen werden und die gleiche Unterstützung erhalten wie ihre männlichen Kollegen. Auch in der Forschung werden Frauen vielfach unterschätzt. Die Analyse des Auswahlverfahrens des schwedischen Medical Research Councils für Post-Doktoranden kam z.B. zu dem Ergebnis, dass Bewerberinnen 2,6 mal so viel in wichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften publizieren mussten wie männliche Bewerber, um eine gleiche Bewertung zu erhalten.

Es ist notwendig, das Bewusstsein zu verändern und die Wahrnehmung zu schärfen. Weiter gilt es, die Forschung im europäischen Forschungsraum zu modernisieren, neue Strukturen und Karrierewege zu schaffen, die für Frauen und Männer gleichermaßen attraktiv sind.

Was können Unternehmen tun, um Frauen zu gewinnen?

Aus der Industrie muss das eindeutige Signale kommen: Wir wollen Frauen!

So einfach ist das?

Unternehmen müssen im Recruiting frühzeitig ansetzen und mit Hochschulen zusammenarbeiten. Sinnvoll ist es auch, wenn in den Unternehmen Netzwerke für Frauen geschaffen werden, bei General Electric funktioniert das beispielsweise schon sehr gut. Daneben ist die Schaffung von Telearbeitsplätzen eine Hilfe, ebenso wie flexible Zeiteinteilung. Und in vielen Ländern Europas, ganz besonders in Deutschland, ist die Sicherung der Kinderbetreuung ein vordringliches Problem. Unser Bericht "Women in Industrial Research" enthält weitere Beispiele, wie Frauen bessere Perspektiven vermittelt werden können.

Das Problem ist doch aber, dass es zu wenig Absolventinnen in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt.

Selbstverständlich, hier besteht europaweit großer Handlungsbedarf. Aber ich sehe auch, dass viele Unternehmen noch gar nicht wahrgenommen haben, dass es auch positive Veränderungen gibt.

Allein in einem Jahr, von 2000 auf 2001, hat sich EU-weit die Zahl der Absolventinnen in Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften um etwa 10% erhöht - entgegen dem sonstigen Trend, sinkender Absolventenzahlen in diesen Fachgebieten. Grundsätzlich gibt es aber natürlich noch immer zu wenig Absolventinnen: Z.B. liegt der Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften in Deutschland noch unter dem EU-Durchschnitt von 20 Prozent. Für die Informatik, in der zukünftig enormer Bedarf besteht, strebt Deutschland bis 2005 eine Steigerung des Frauenanteils an den Studienanfängern von 40 Prozent an. Das ist ein großes Ziel, aber mit viel Information, einer Studienreform und Verbesserung der Strukturen machbar.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.04.2003