Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Frauen sind gleich, Männer sind gleicher

Von Jens Eckhardt, Handelsblatt
Immer häufiger klagen Frauen gegen ihre Arbeitgeber wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz. Die Sammelklage gegen den US-Einzelhandelskonzern Wal-Mart schreckt Firmen auf: Sie könnte neue Maßstäbe setzen. Auch in Deutschland ist ein Antidiskriminierungsgesetz auf dem Weg.
PORTLAND. Auf der Suche nach den Gründen für die seit Jahren niedrigen Verbraucherpreise in den USA ist Wal-Mart kein schlechter Ansatzpunkt. Modernste Informationstechnologie, straff organisierte Distribution und beinharte Preispolitik beim globalen Einkauf erlauben konkurrenzlos billige Produktangebote. ?Geiz ist geil? ist für Wal-Mart ein Understatement. Zusammen mit einer fast kultähnlichen Firmenphilosophie machte dies aus einem Krauterladen im Südstaatennest Bentonville, Arkansas, in wenigen Jahrzehnten den größten Einzelhändler der Welt mit 1,2 Millionen Beschäftigten allein in den USA, 256 Mrd. Dollar Umsatz und neun Mrd. Dollar Reingewinn im Jahr 2003.Auf der Schattenseite von Kult und Kostendisziplin hagelte es Klagen. Das Unternehmen wird beschuldigt, es habe Angestellte zu unbezahlten Überstunden gezwungen und geduldet, dass Reinigungsfirmen illegale Einwanderer zu Hungerlöhnen anheuern, um die Supermärkte billig zu säubern. Die jüngst als Sammelklage zugelassene Beschwerde von sechs weiblichen Beschäftigten aus dem Jahre 2001, wonach der Konzern Frauen bei Bezahlung und Beförderung systematisch benachteiligt haben soll, ist ein direkter Angriff auf die altmodische Männerkultur in der Wal-Mart-Führung. Mit potenziell 1,6 Millionen betroffenen weiblichen Beschäftigten seit 1998 könnte sie zur Mutter aller Diskriminierungsklagen werden und Milliarden kosten. Wal-Mart wehrt sich entsprechend und bestreitet eine generelle Benachteiligung von Frauen in allen Supermärkten. Inzwischen hat der Konzern offiziell Einspruch gegen die Zulassung einer Sammelklage eingereicht: Die Voraussetzungen dafür seien nicht erfüllt. Zudem, so die weitere Argumentation Wal-Marts, sei der Fall mit 1,6 Millionen potenziell Betroffenen so groß, dass bei einem Urteil viele Frauen mit individuellen Klagen benachteiligt würden.

Die besten Jobs von allen

Gleiche Chancen am Arbeitsplatz werden in den USA bitter ernst genommen. Seit den 60er-Jahren wächst der Umfang von Gesetzen und Urteilen, die garantieren sollen, dass niemand wegen seiner Religion, Hautfarbe, seines Geschlechts, Alters oder aus allerlei anderen Gründen benachteiligt wird. Ein Gesetz von 1963 schreibt vor, dass Männer und Frauen für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden müssen.Trotz der ?Federal Equal Employment Opportunity Laws? und einer umfangreichen Rechtsprechung gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz verdienen Frauen auch in den USA oft weniger für die gleiche Arbeit als ihre männlichen Kollegen.Weibliche Top-Manager sind immer noch selten. Bei Wal-Mart zum Beispiel sind zwei Drittel der Beschäftigten Frauen, aber nur ein Drittel der Führungskräfte, ein deutlich schlechteres Verhältnis als bei anderen Einzelhandelskonzernen.?Selbstverständlich?, sagt Amanda Gallagher, Partnerin bei der Anwaltskanzlei Linklaters in New York, ?gelten diese Gesetze auch in vollem Umfang für deutsche Firmen in den USA.? Dabei ist vieles, was in Deutschland gang und gäbe ist, in den USA verboten: ?Sie dürfen bei einer Bewerbung zum Beispiel keinen Lebenslauf mit Foto verlangen?, sagt Anwalt Andreas Junius von Clifford Chance in New York. Weil Anwälte auf Erfolgsbasis arbeiten und Gerichtskosten niedrig sind, seien Amerikaner mit Diskriminierungsklagen und hohen Forderungen rasch bei der Hand, sagt Junius. Zusammen mit hohen Strafgeldern, so genannten Punitive Damages, und den Sammelklagen sei das ein juristisches Minenfeld.In der Praxis entwickelt sich schon die Zulassung einer Sammelklage mit potenziell vielen Klägern und riesigen Forderungen als Waffe, um Firmen zu einem Vergleich zu zwingen. Die Heimwerkerkette Home Depot zahlte 104 Mill. Dollar, um eine Sammelklage wegen Geschlechterdiskriminierung beizulegen, Coca-Cola und Texaco kostete angebliche Rassendiskriminierung jeweils über 150 Mill. Dollar. Aus Furcht vor einer Milliardenzahlung und Schäden an seinem Image reformierte Wal-Mart bereits seine Beschäftigungs- und Entlohnungspolitik nach der ursprünglichen Klage der sechs Frauen 2001.Eine schriftliche Beschäftigungsordnung, die Diskriminierung ausdrücklich verbietet, sei der erste Schritt, um Ärger zu vermeiden, sagt Anwalt Marcus Ernst von der Kanzlei Würsch & Gering. Zusätzlich müsse eine Firma nachweisen können, dass sie die Einhaltung dieser Ordnung überwacht und auf Beschwerden prompt reagiert, ?sonst kann es vor Gericht teuer werden?.Dass sich Beschäftigte in Deutschland an eine Sammelklage gegen ihren Arbeitgeber in den USA anhängen könnten, sagt Gallagher, sei ?vorstellbar, aber höchst unwahrscheinlich?. Weder seien die gesetzlichen Grundlagen für mögliche Ansprüche noch die Beschäftigungssituation identisch. ?Wenn die US-Tochter eine eigenständige juristische Person ist?, sagt Ernst, ?dann enden bei ihr die Ansprüche.? Um Ansprüche gegen die deutsche Mutter zu erheben, müsste der US-Betrieb als Niederlassung konstituiert sein, die deutschen Weisungen unterliegt und denselben Geschäftsführer hat. Selbst dann sei aber die Vollstreckung von Strafgeld-Urteilen ausgeschlossen. Junius erklärt: ?Sie widersprechen dem deutschen Rechtssystem, das nur den Ersatz von wirklichen Schäden erlaubt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 16.07.2004